Donnersberger Weinwelten RHEINPFALZ Plus Artikel Weingut Wick in Zell: „Das Paradies ist jetzt“

Winzer aus Leidenschaft: Martina und Jochen Wick.
Winzer aus Leidenschaft: Martina und Jochen Wick.

: Am Ende ihrer Schulzeit waren Martina und Jochen schon ein Paar. „Und ein gutes Team“, lacht Martina Wick, „wir haben sogar voneinander abgeschrieben“. Seit vielen Jahren kann man in der Tat von einem erfolgreichen Miteinander sprechen. Und so verschränken sich auch ihrer beider Vornamen im Schriftzug des Zeller Weingutes Wick.

Durch Krankheit und frühen Tod des Vaters war Jochen Wick zeitig in der Pflicht. Bereits als 22-Jähriger führte er in fünfter Generation das Weingut am Zeller Ortsrand. Freizeit gab es da kaum, den Studienplatz in Geisenheim musste er sausen lassen, entschied sich stattdessen für Lehre und betriebswirtschaftliche Ausbildung. Das Jahr 1985 brachte die Zäsur seines Lebens: beruflich, weil Jochen Wick - nach Helmut Krauß - der zweite Winzer im Zellertal wurde, der in einem Prozess des Learning by doing auf ökologisch zertifizierten Weinbau umstellte und 1986 den ersten Wein nach „Ecovin“-Standards präsentieren konnte, gerade mal ein Jahr nach Gründung dieses Bundesverbands. Und privat, weil er Martina heiratete, die dann nach der Geburt der beiden Kinder Max und Eva ihre Arbeit als mehrsprachige Europasekretärin aufgab und ihrem Mann tatkräftig zur Seite stand.

Damals, Mitte der Achtziger, verkörperte das junge Paar eine neue Winzergeneration – heimatverbunden, weltoffen, entdeckungsbereit, traditionsbewusst. Jochen Wick und andere Kollegen wollten Schluss machen mit Herbizid- und Insektizid-Berieselung. Die Reben wurden nun rein organisch mit Grüneinsaaten und Kompost genährt, auf chemisch-synthetische Behandlung verzichtet. Stattdessen, ein Beispiel, Backpulver im Kampf gegen Mehltau in Stellung gebracht. Im Keller werden die jungen Weine mit Bentonit, einem Tonmehl, geklärt, sind daher auch für Veganer geeignet. Ansonsten greift man möglichst wenig ein. Zeit ist das Zauberwort. Von manch altem Winzer wurden die Jungen damals belächelt. Mittlerweile gibt es einen Lehrstuhl für ökologischen Weinbau an der Uni Geisenheim.

Frankreich als Lernort

Zur zweiten Wein- und Lebens-Schule wurden Reisen nach Frankreich. „Uns hat immer der Regionalstolz der Franzosen gefallen“, sagt Martina Wick. In puncto Selbstbewusstsein sahen nicht nur sie im heimischen Zellertal noch Luft nach oben. Warum also mit dem Wein, der hier gedeiht, nicht auch vieles an Lebensart verweben, wie es die Franzosen seit Generationen tun, und damit dem Tal neue Freunde gewinnen?

Also begann Martina Wick vor drei Jahrzehnten, kulinarische Abende am heimischen Küchentisch auszurichten, die passenden Weine inklusive. Mit dem benachbarten Restaurant „Schwarzer Herrgott“ begründeten die Wicks die Reihe „Culinarium“. Zum ganz großen Wurf aber wurde „Oliandi“, das Olivenölfest, das Martina Wick „als ein Stück von unserem Lebenswerk“ sieht. Alles fing mit einem Zufall an: Sie und ihr Mann besuchten ein Olivenfest in Bockenheim, es gefiel ihnen, doch der Hof war winzig. „Wenn ihr mal mehr Platz braucht, meldet euch bei uns“ hinterließen sie. So kam „Oliandi“ nach Zell.

Bis zu 12.000 Besucher bei Oliandi

Eng wurde es mit den Jahren zwar auch hier auf der Hauptstraße und in den Höfen, doch sein Flair verlor das Fest nie. Was mit 300 bis 500 Besuchern begann, steigerte sich auf 10- bis 12.000 Genussfreunde, die teils von weither kamen, um Olivenöle der Grünstadter Firma „zait“ zu verkosten, einzukaufen, gut zu essen und zu trinken, Kunst im Weinkeller zu genießen. Gestemmt wurde „Oliandi“ immer von Familie, Freunden und örtlichen Helfern. Ausgerechnet das 20. „Oliandi“-Jubiläum fiel Corona zum Opfer. Das war dann auch das Ende einer Veranstaltung, der ein Nachfolger womöglich gut täte.

Für Martina Wick selbst wäre so eine große Sache allerdings keine Option mehr. Sie richtet ihr Augenmerk wieder auf kleinere, intensive Formen der Begegnung mit Wein- und Naturfreunden. Wie zum Beispiel die mit Infos zu ökologischem Weinbau und Kräuterkunde verbundenen botanischen Streifzüge mit dem Biologen Thomas Steger von der Wonnegauer Ölmühle. Was im Wingert gesammelt wird, liefert dann auch Zutaten fürs gemeinsame Essen an der „Wingertschnegg“. Winzer Wick bietet - das nächste Mal gegen Ende September - einen Streifzug durch die Weinberge an, auf dem man Trauben naschen und Weine direkt in ihrem Geburts-Weinberg probieren kann. Ähnliche Angebote wird es immer wieder geben.

Natürlicher Reichtum

Der Reichtum: Das sind zuallerst die Weinberge. Mit elf Hektar, auf denen vor allem Riesling und Burgunder, aber auch Chardonnay, die Diva Gewürztraminer, der rare Dunkelfelder oder der wieder zu Ehren gekommene St. Laurent wachsen, gehört Wick zu den kleineren Weingütern. Die Flächen in den sonnigen Lagen Schwarzer Herrgott und Kreuzberg liegen unweit vom Dreiseithof, der früher mal Domizil der Zeller Winzergenossenschaft war.

Die Abstände der Rebzeilen im ökologischen Weinbau sind größer, besser durchlüftet, die Einsaat zwischen ihnen entwickelt ihr nützliches Biotop-Eigenleben. 50.000 Reben sind jedes Jahr bei Wicks zu schneiden und zu binden - wochenlange Handarbeit! Es sind in der Mehrzahl alte Reben. Die knorrigen, über 60 Jahre alten Stöcke des Portugieser-Wingerts etwa hat noch der Großvater Robert Fippinger gepflanzt. Sogar mit über 90 war er dem Enkel wertvolle Stütze. Obwohl die alten Reben tiefer wurzeln, müssen auch sie sich anstrengen, um Wasser aus dem steinigen Kalkboden zu saugen, doch sie widerstehen bisher zunehmender Trockenheit und Hitze. Dennoch spüren auch die Wicks Konsequenzen des Klimawandels: Zwei bis drei Wochen früher als noch vor dreißig Jahren beginnt mittlerweile die Hauptlese.

80.000 Flaschen Jahresproduktion

Ihr Sortiment an Weinen umfasst drei spezielle Editionen und darüber hinaus eine ganze Reihe jüngerer, frischer Rot- und Weißweine in der „Brot & Butter“-Linie. Aus Frankreich brachte Jochen Wick die Lust auf Barrique-Weine mit und wagte sich als einer der ersten in der Region an den Ausbau in 225-Liter-Eichen-Fässern mit unterschiedlich intensiven „toastings“, also Anröstungen des Holzes. Die Edition wurde zum Langzeit-Erfolg, seine „Cathédrale“ aus Merlot und Dunkelfelder international mit Gold veredelt. Für die Wicks war es eine zu Wein gewandelte Inspiration des Besuchs der Kathedrale von Chartres. Die „Edition Meisterstück“ versammelt eine kleine Kollektion besonderer Weißweine, darunter natürlich den Schwarzen Herrgott und einen originellen „Hochzeitswein“: Riesling- und Gewürztraminertrauben verloben sich bereits auf der Kelter, um dann gemeinsam zu einem guten Ehepaar zu reifen. „Prickelndes“ schließlich bildet die dritte Edition aus fruchtig-spritzigem Secco, feinperligem Crémant de Pfalz und dem Aurum-Sekt. Frisch geht es auch beim Verpackungs-Design des Weingutes zu: 2014 wurde der neue Auftritt mit dem Internationalen Red Dot Design Award und dem European Design Award ausgezeichnet.

Bei rund 80.000 Flaschen liegt die Jahresproduktion. Das meiste geht bundesweit an langjährige Privatkunden sowie an Bioläden und Gastronomen. Die Öko-Zertifizierung muss jedes Jahr erneuert werden. Gerade erst stand die Prüfung an.

Die nächste Generation ist wohl geprägt vom Winzerleben in so enger Anbindung an die Natur und nachhaltiges Denken, geht beruflich jedoch andere Wege. „Wir werden für das Weingut in den nächsten Jahren also neue Weichen stellen“, heißt es. Derzeit hat es damit keine Eile. Martina & Jochen lieben ihre Arbeit, haben Freude an Entwicklung wie jetzt gerade einer neuen Homepage mit modernstem Shopsystem. Eine Oase zum Auftanken ist der Garten mit Badeteich und dem Blick weit über die Zellertaler Höhen. Man nimmt den Wicks ihr Credo gern ab: „Das Paradies ist jetzt.“

Weinwissen: Sur lie

Das aus dem Französischen kommende „sur lie“ bedeutet „auf der Feinhefe“ und wurde in einem vorangegangenen „Weinwissen“ bereits kurz erwähnt. Für das Zeller Weingut Wick ist dieses schon von den Römern praktizierte Verfahren die prägende Keller-Handschrift beim Ausbau aller Weißweine. Nach dem „Abstich“, dem Trennen des Jungweins vom Hefedepot nach der Gärung, belassen die Wicks die feinen Hefeschwebteilchen über mehrere Monate im Wein. Die Schwebteilchen sind Aromenträger und natürlicher Oxidationsschutz. Ganz ohne weiteres Zutun verstärken sie die Eigenaromatik des Weines. Gepumpt und gefiltert wird der junge Wein ein einziges Mal vor der Füllung auf die Flasche. Je weniger Bewegung, um so weniger Sauerstoff wird eingetragen, und um so weniger Schwefel braucht es, um den Wein zu stabilisieren. Was der Winzer hineingibt, ist kostbare Zeit.

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