Steinbach
Pfälzer Gärtnerei: Warum Mainzer und Frankfurter Tomaten in der Nordpfalz kaufen
Mit dem Verkauf von Schnittblumen und Kräutern aus dem eigenen Frühbeet ging es los. Vor 70 Jahren als Zubrot im Nebenerwerb gestartet, ist die Gärtnerei Karlin in Steinbach heute überregional bekannt und erfolgreich. „Für unser Jubiläumsjahr hatten wir allerdings ganz andere Pläne“, sagt Inhaberin Julia Karlin. Sie leitet das Familienunternehmen in dritter Generation und steht zusammen mit ihrem Geschäftspartner Jürgen Gocea vor der vielleicht größten Herausforderung in der Firmengeschichte.
2025 wurden Verdichtungsmaßnahmen für einen Neubau auf dem benachbarten Grundstück der Steinbacher Feuerwehr durchgeführt. In der Folge zeigten sich weitreichende Schäden an den Gewächshäusern und Betonwegen auf dem Gelände der Gärtnerei. Ein Großteil der Gebäude und Anbauflächen kann seither nicht mehr genutzt werden. Zudem gestaltet sich die Haftungsfrage komplex, den Karlins ist ein beträchtlicher Teil des Umsatzes weggebrochen. „Durch die Situation mussten wir auch unser Sortiment verkleinern, was unsere Kunden natürlich auch merken“, erklärt Julia Karlin. Ob und wann Gebäude und Flächen wieder vollständig genutzt werden können, ist unklar.
Der Gärtnerbetrieb mit seinen derzeit sieben Mitarbeitern hat sich unter anderem spezialisiert auf den Anbau von Kräutern und Tomaten. Der Steinbacher Betrieb hat eine große Stammkundschaft und ist überregional bekannt. „Viele unserer Kunden kommen eigens wegen unserer Tomaten aus dem Umland – bis hin nach Mainz und Frankfurt“, schildert Julia Karlin. Große Nachfrage verzeichne auch das umfangreiche Sortiment an Kräutern. Griechische und asiatische Kräutermischungen stünden bei den Kunden besonders hoch im Kurs. Die Kräuter gibt es im Direktverkauf, die Karlins beliefern aber auch die vier regionalen Edeka-Märkte der Familie Röss.
Kräuter mit dem Pferdegespann nach Lautern gefahren
Mit dem Verkauf von Kräutern, Pilzen und Schnittblumen begann seinerzeit die Firmengeschichte. Gründer Hans Karlin hatte Mitte der 1950er-Jahre das ehemalige Sportplatzgelände am Ortsrand erworben. Zusammen mit seiner Frau Brunhilde baute er zunächst im Nebenerwerb Schnittblumen an, die Brunhilde auf dem Wochenmarkt in Kaiserslautern verkaufte. „Wenn der Opa abends von der Schicht bei Gienanth kam, wurden erstmal die Sträuße gebunden“, erzählt Julia Karlin. Großmutter Brunhilde war zudem fleißige Sammlerin von Waldpilzen und Kräutern. „Die wurden anfangs noch mit dem Pferdegespann nach Kaiserslautern gefahren“, erzählt Julia.
Im Jahr 1956 stiegen die Karlins auf dem neu erworbenen Areal in den professionellen Gärtnerei- und Floristikbetrieb ein. Die Beschickung des Wochenmarktes erfolgte noch bis Anfang der 1980er-Jahre. Erst die Konkurrenz durch die neu eröffneten Baumärkte machte dem ein Ende. 1976 kam das erste Gewächshaus hinzu.
Floristikgeschäft zurück nach Steinbach geholt
20 Jahre später übernahm in Hans Karlin Junior – genannt „Hansi“ – die zweite Generation. Er investierte in den Gewächshausanbau und erweiterte das Sortiment Stück für Stück. Der Blumenverkauf hingegen lag in den Händen von Ehefrau und Floristikmeisterin Petronella Karlin. Sie betrieb rund 15 Jahre lang in Kirchheimbolanden einen Blumenladen, später weitere fünf Jahre in Göllheim. Vor drei Jahren hat man das Floristikgeschäft zurück auf das Firmengelände geholt. „Sich auf die Wurzeln besinnen, war für uns die beste Entscheidung. Das schätzen auch unsere Kunden, von denen viele mit uns zusammen eine Zeitreise unternommen haben“, sagt Petronella Karlin.
Zu den Herzensprojekten der Karlins gehören unter anderem die Kooperation mit mehreren Kindergärten im Kreis sowie das Engagement für das Hospiz in Rockenhausen. Auch die Dekoration der Weinprobe beim Rockenhausener Herbstfest wird von den Karlins geliefert.
Jubiläumspläne auf Eis
Vor fünf Jahren übernahm Betriebswirtin Julia Karlin die Firmenleitung, seit 2018 ist Geschäftspartner Jürgen Gocea mit an Bord. Für das Jubiläumsjahr hatten sie zahlreiche Pläne, unter anderem dachten sie Kaffeeausschank in den Gewächshäusern nach. „Das ist aufgrund der aktuellen Situation natürlich alles auf Eis gelegt“, sagt Julia Karlin bedauernd. Dennoch hoffe man auf die Zukunft.