Donnersbergkreis
Warum die Steinbacher Traditionsgärtnerei Karlin um ihre Existenz bangen muss
Der Ursprung der Probleme liegt etwa ein halbes Jahr zurück: Damals wurden auf dem benachbarten Grundstück Verdichtungsarbeiten für den Neubau des Steinbacher Feuerwehrgerätehauses durchgeführt. Auftraggeber ist die Verbandsgemeinde Winnweiler. Kurz darauf bemerkten Julia Karlin und ihr Geschäftspartner Jürgen Gocea Schäden an den Gewächshäusern: geborstene Fensterscheiben, verzogene Metallteile und verschobene Betonwege. „Von jetzt auf gleich mussten wir einen Großteil der Gewächshäuser sperren“, berichtet Gocea.
Der Schaden sei immens: Allein die Kosten für die kaputten Glasscheiben summieren sich auf rund 85.000 Euro, hinzu kämen weitere 45.000 Euro für die defekte elektrische Steuerung der Lüftungsklappen. Die Versicherung des Bauunternehmens ließ die Schäden durch einen Sachverständigen untersuchen. Das Ergebnis des Gutachtens, das im August vorlag, traf die Gärtnerei-Betreiber hart: Ursächlich gewesen seien demnach nicht die Bauarbeiten, sondern eine „nicht ausreichende Gründung“ der Gewächshäuser selbst.
Gewächshäuser sind einsturzgefährdet
„Wir hatten das Gefühl, uns wird der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Karlin. Denn die Versicherung der Baufirma lehnte daraufhin eine Regulierung der Schäden ab. Die Verbandsgemeinde Winnweiler wiederum sieht zunächst die Bauunternehmer-Versicherung in der Pflicht. Bürgermeister Rudolf Jakob betont auf Anfrage: „Wir haben unmittelbar nach der Schadensmeldung ein Ingenieurbüro mit der Dokumentation beauftragt und den Versicherungsfall gemeldet. Mehr können wir nicht tun.“
Nun muss die Haftungsfrage juristisch geklärt werden – wann und wie das geschieht, ist offen. Seit Beginn hat die Gärtnerei einen Anwalt mit im Boot. Während der Ausgang ungewiss ist und die Situation an ihren Nerven zehrt, kämpfen Julia Karlin und Jürgen Gocea Tag für Tag ums Überleben ihres Betriebs. Die Gewächshäuser sind wegen den zerstörten Scheiben einsturzgefährdet; betreten darf sie nur noch, wer Schutzkleidung trägt. Kunden sind momentan ganz ausgeschlossen. „Ich muss meine Arbeit nach der Wetter-App planen“, erzählt Gocea. Weil die automatische Belüftung ausgefallen ist, musste er die Lüftungsklappen bei Hitze manuell öffnen, um die Pflanzen vor Mehltau und „Sonnenbrand“ zu bewahren. Dennoch verbrannten viele Jungpflanzen unter der Glasdecke.
Keine Jungpflanzen für das kommende Jahr
Besonders wirkte sich der Schaden auf die für die Gärtnerei wichtigste Zeit des Jahres aus: Von April bis Juni kommen normalerweise viele Stammkunden, um Gemüse- und Zierpflanzen direkt in den Gewächshäusern auszuwählen. „Das war diesmal nicht möglich. Viele sind zu anderen Anbietern abgewandert“, sagt Karlin. Lediglich die Belieferung einiger Supermärkte habe schlimmeren wirtschaftlichen Schaden verhindert. Die zusätzliche Beheizung der Gewächshäuser über die Wintermonate verbietet sich, weil die gläserne Front undicht ist. Die Verkaufsfläche beschränkt sich derzeit auf den kleinen Hof und das Ladengeschäft.
Doch das eigentliche Problem steht noch bevor: Für das nächste Jahr konnten keine Jungpflanzen bestellt werden. „Normalerweise produziere ich neben vielem anderem rund 15.000 Tomaten- und Paprikapflanzen für den Frühling – das fällt jetzt aus“, klagt Gocea. Die Hängepartie ist für ihn und Karlin belastend, die Inhaber rechnen mit einem langen Rechtsstreit. „Wir haben nichts falsch gemacht, müssen aber nun um unsere Existenz bangen“, fassen die beiden ihre Gemütslage zusammen. Derzeit lebten sie von der Substanz des zuvor Erarbeiteten. Bei allen Sorgen: Hoffnung ziehen sie aus der Solidarität in der Region. „Wenn die Kunden Verständnis zeigen und uns trotz der Einschränkungen treu bleiben, gibt uns das den Mut, um weiterzumachen“, sagt Karlin. Ob die Gärtnerei im kommenden Jahr tatsächlich ihren 70. Geburtstag feiern kann, steht allerdings in den Sternen. So viel ist klar: Die Aufgabe des Traditionsbetriebs wäre für Steinbach ein herber Verlust.