Gesundheit im Fokus RHEINPFALZ Plus Artikel Medizinische Versorgungszentren als Retter im ländlichen Raum?

Heidrun Jäger (links), im Westpfalz-Klinikum zuständig für die MVZ des Klinikums, im Gespräch mit Stefan Kniele in der Praxis fü
Heidrun Jäger (links), im Westpfalz-Klinikum zuständig für die MVZ des Klinikums, im Gespräch mit Stefan Kniele in der Praxis für Pneumologie und Schlafmedizin in Kaiserslautern.

Sie sprießen wie Pilze aus dem Boden und stehen für die Medizin der Zukunft. Was Medizinische Versorgungszentren tatsächlich können, fragte die RHEINPFALZ nach bei dem Leiter des MVZ Donnersberg, Michael Schmid, und bei Heidrun Jäger, die für die MVZ des Westpfalz-Klinikums verantwortlich ist.

Herr Schmid, im Donnersbergkreis waren Sie der erste, der ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) umgesetzt hat. Heute leiten Sie die vier Standorte in Kirchheimbolanden und Rockenhausen sowie in Alzey und Nieder-Olm im Nachbarkreis. Sehen Sie in MVZ die Retter in Zeiten des Ärztemangels?
Schmid: Richtig ist: Die Zeiten der Einzelpraxen sind weitgehend vorbei. Der Zusammenschluss von mehreren Ärzten und Kassensitzen wie es in einem MVZ umgesetzt wird, ist sicher ein Modell der Zukunft. Allerdings ist für die Tätigkeit in einem MVZ der Facharztstatus nötig. Er wird daher nicht gelingen, durch dieses Angebot junge Ärzte unmittelbar nach dem Studium in die Region zu locken.

Auch das Westpfalz-Klinikum engagiert sich in Medizinischen Versorgungszentren und verlässt damit den stationären Bereich. Was sind die Beweggründe?
Jäger: In erster Linie geht es uns dabei um die Versorgungssicherheit der Menschen in unserem gesamten Einzugsgebiet. Natürlich zuerst im stationären Bereich, aber wir sind auch darauf angewiesen, dass der ambulante Bereich gut läuft. Schon alleine, um zu vermeiden, dass die Menschen aus Mangel an niedergelassenen Ärzten und Anlaufstellen immer häufiger in der Notaufnahme landen. Unser Engagement ist auch eine Folge der bundesweiten Marschrichtung „ambulant vor stationär“. Unser Ziel ist eine gute Vernetzung zwischen beiden Bereichen. Diese wird umso stärker, wenn Ärzte sowohl im Krankenhaus als auch in der Praxis angestellt sind.

Aber der Ärztemangel lässt sich auch durch ein MVZ nicht beheben. Wie soll das MVZ da die Entscheidung bringen?
Schmid: Im MVZ können unendlich viele Ärzte angestellt werden, solange die Kassensitze dafür vorhanden sind. Einen Kassensitz kann man auf vier Ärzte verteilen. Die Arbeit kann also besser den individuellen Wünschen und der Lebenssituation angepasst werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir auch junge Menschen mit Kindern oder Kinderwunsch in den medizinischen Berufen halten wollen, kann das ausschlaggebend sein.

Jäger: Der entscheidende Punkt ist ja, dass sich die Ärzte und im Übrigen auch die medizinischen Fachangestellten, durch diese Organisationsform besser auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. Aus den Versorgungszentren des Klinikums beispielsweise werden viele administrative Arbeiten an die kaufmännische MVZ-Leitung ausgelagert. Das entlastet das medizinische Personal stark, und für die eigentliche Kompetenz, die medizinische Versorgung der Patienten, bleibt mehr Zeit. Gleichzeitig bleiben die Ärzte Teil eines großen Teams. Auch die Sicherheit, bei einem großen Konzern angestellt zu sein, betrachten viele als Vorteil.

Und wie genau arbeitet das MVZ Donnersberg?
Schmid: Das MVZ gehört sechs Ärzten, wir haben 8,5 Kassensitze inne. Unsere Spezialgebiete sind die Viszeralchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, ergänzt durch den Bereich der Gastroenterologie.

Ist der Standort im Gesundheitszentrum direkt neben dem Klinikum, wo Sie als Chefarzt der Viszeralchirurgie tätig sind, ein besonderer Vorteil?
Schmid: Der große Vorteil ist der leichtere Übergang von ambulant zu stationär und umgekehrt. Der entsteht dadurch, dass fast alle unsere MVZ-Ärzte auch im Klinikum angestellt sind und dort operieren. Es kommt selten vor, dass ich jemanden operiere, den ich nicht kenne. Aber: Wir Ärzte haben keinen Bonus, wenn wir dem Klinikum Patienten bringen. Die Patienten haben immer die freie Wahl, wo sie operiert werden wollen und zu welchem niedergelassenen Arzt sie gehen.

In welchen Bereichen engagiert sich das Westpfalz-Klinikum in Versorgungszentren?
Jäger: Ursprünglich wurde zur Stärkung des Krankenhauses in Kusel für den Bereich der Gefäßmedizin ein MVZ mit den Fachgebieten Innere Medizin, Nierenerkrankungen und Dialyse sowie Labormedizin gegründet. Wir sind in diesen Bereich langsam hineingewachsen. In den letzten Jahren allerdings hat das ganze rasant an Fahrt aufgenommen. Ab dem Jahr 2009 hat sich das Klinikum dann auch in Kaiserslautern mit einem MVZ eingebracht, damals mit den Fachgebieten Strahlentherapie und Pathologie. Heute verfügen wir im MVZ Kaiserslautern über ein sehr breites Angebot an verschiedenen Standorten. Dazu zählen beispielsweise auch eine gynäkologische Praxis in Rockenhausen, eine Praxis für Orthopädie in Landstuhl oder auch eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis in Ramstein-Miesenbach. Dazu kommen ein Hausarzt-MVZ in Altenglan und das MVZ Kuseler Land. Es ist mir aber immer wichtig zu betonen: Das Klinikum drängt sich nicht vor, wenn es um den Bereich der ambulanten Versorgung geht. Wir springen ein, wenn wir Versorgungsbedarf sehen und damit die stationäre Versorgung stabilisieren können. Es ist doch prima für den Patienten, wenn er seinen Praxisarzt auch wieder in der Klinik vorfindet. Ansonsten überlassen wir das gerne den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen.

Ist es leichter Mitarbeiter zu finden im ambulanten Bereich als im stationären?
Jäger: Der Praxisbetrieb ist ja auf Wochentage beschränkt, was gerade für junge Menschen mit Familie ein Kriterium ist. Aber wir machen uns natürlich damit im Unternehmen selbst Konkurrenz, denn überall sind medizinische Fachkräfte dringend gesucht. Wir müssen daher als Klinik und als MVZ weiterhin Anstrengungen unternehmen, damit wir genügend medizinisches Personal bekommen und auch halten können.

Ist ein MVZ auch für Fachärzte im Berufseinstieg die richtige Wahl?
Schmid: Der Einstieg ist meist im Krankenhaus etwas günstiger. Denn dort gibt es ein festes Team, das den jungen Kollegen zur Seite steht. In einem MVZ oder einer anderen ambulanten Praxisform sind die Teams oft kleiner, da ist von Anfang an eigenständiges Arbeiten noch wichtiger. In größeren MVZ können aber natürlich auch „Frischlinge“ ihren Berufsstart nehmen.

Mittlerweile können MVZ ja nicht nur von Ärzten, sondern auch von Investoren geführt werden. Die kaufen sich über Kliniken ein. Kritiker befürchten, dass es da bei um Profit geht und nicht vorrangig um den Patienten. Was denken Sie darüber?
Schmid: Ich bin der Meinung, dass ein MVZ wenn möglich von den betreffenden Medizinern selbst geleitet werden sollte. Das ist wie in jedem anderen Bereich auch: Wer sich für sein eigenes Unternehmen engagiert, der tut das mit größtem Einsatz. Das MVZ ist erfolgreich, wenn die Patienten gerne kommen. Und das tun sie nur, wenn die Ärzte gute Arbeit leisten. Ich bin nicht sicher, dass das genauso gut funktioniert, wenn man für einen Privatinvestor arbeitet.

Jäger: Das Westpfalz-Klinikum ist ein Wirtschaftsunternehmen, das in kommunaler Trägerschaft geführt wird, und damit nicht mit einer Investmentgesellschaft zu vergleichen. Auch unsere MVZ sind gemeinnützig. Gewinne fließen für Investitionen in das MVZ zurück. Wirtschaftlichkeit ist daher notwendig und wichtig, um alle Praxen im Fortbestand zu sichern. Eine Gewinnmaximierung und Gewinnabschöpfung steht bei uns allerdings ausdrücklich nicht im Vordergrund.

Was denken Sie darüber, dass auch in Rockenhausen ein MVZ gegründet werden soll?
Schmid: Ich glaube, Rockenhausen braucht ein Gesundheitszentrum mit medizinischen und therapeutischen Angeboten für die Grundversorgung und mit guten Drähten zur stationären Versorgung. Zur Grundversorgung sollten Hausärzte und Fachärzte für Innere Medizin, Chirurgie und Gynäkologe gehören. Den stationären Bereich wird man auf Dauer nicht halten können, denn hier ist immer stärkere Spezialisierung gefragt, was übrigens zum Wohle der Patienten ist. Außerdem ist gerade bei älteren Menschen mittlerweile eindeutig, dass sie sich im Krankenhaus meist nicht verbessern. Mit einem guten ambulanten Bereich ist den Menschen nach meiner Meinung viel mehr geholfen.

Und wo steht das Westpfalz-Klinikum, was die Zukunft von Rockenhausen anbelangt? Steigen Sie da in ein MVZ mit ein?
Jäger: Wir sind eine Kooperation mit den Zero-Praxen eingegangen, die in der Vorderpfalz bekannt sind und viel Erfahrung auch im Bereich hausärztliche MVZ mitbringen. Wir wollen gemeinsam unsere Expertise nutzen, um die hausärztliche Versorgung vor Ort zu sichern.

Die Serie

In der Serie „Gesundheit im Fokus“ werden verschiedene Facetten der medizinischen Versorgung in der Westpfalz unter die Lupe genommen. Bereits erschienen:

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Der Leiter des MVZ Donnersberg, Michael Schmid, ist zugleich Chefarzt der Viszeralchirurgie am Klinikum Kirchheimbolanden.
Der Leiter des MVZ Donnersberg, Michael Schmid, ist zugleich Chefarzt der Viszeralchirurgie am Klinikum Kirchheimbolanden.
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