Lohnsfeld RHEINPFALZ Plus Artikel „Aufgeben ist keine Option!“ – Wie eine Bäckerfamilie um ihre Existenz ringt

Müssen seit Jahren einen Rückschlag nach dem anderen verkraften: Angela und Michael Hörhammer.
Müssen seit Jahren einen Rückschlag nach dem anderen verkraften: Angela und Michael Hörhammer.

Idyllisch umgeben von Wiesen liegt die Pulvermühle, seit 2019 mit schickem Ladengeschäft und Hofcafé, einladender Terrasse und gepflastertem Parkplatz. Doch hier herrscht gähnende Leere. Woran das liegt und wie viele Schicksalsschläge ein Betrieb überleben kann.

Aus Richtung Winnweiler kommend ist derzeit kein Durchkommen, weil die Lohnsfelder Hauptstraße umfassend saniert wird. Auch aus Richtung Kaiserslautern/Sembach erfordert die Anfahrt Selbstbewusstsein: Zwei Durchfahrt-Verbotsschilder gilt es zu umfahren (natürlich erst nach genauem Blick auf das Zusatzschild: Durchfahrt zur Bäckerei Hörhammer, Pulvermühle frei). Die letzten 100 Meter sind voller Dreck und Spuren von Baufahrzeugen. Hier wird am Lückenschluss des Radwegs von Enkenbach nach Winnweiler gearbeitet. Kurz vor dem Durchfahrverbot geht’s rechts zur Pulvermühle.

Ein Weg, den aktuell viel zu wenige Menschen einschlagen. „Die Sperrung bedeutet für uns einen Einbruch des Ladengeschäfts von 70 Prozent“, berichtet Angela Böhmer-Hörhammer. „Und das jetzt, nach den harten Jahren, die wir gerade hinter uns geglaubt haben.“

Erinnerung löst noch immer Gänsehaut aus

Die Geschichte der Familie Hörhammer klingt unglaublich. So viel Pech kann man doch eigentlich gar nicht haben: 2018 übernehmen Michael Hörhammer und seine Frau die Bäckerei von Vater Richard. Der Verkauf zieht aus der Backstube in eine alte Scheune um, umfassend modernisiert und mit neuen Wirtschaftsräumen versehen. Kaum liegen die ersten Verkaufswochen hinter den Jungunternehmern, macht ein Backofen-Brand viele der Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen zunichte. Gleichzeitig die Hiobsbotschaft: Nur ein Teil des Schadens wird von der Versicherung ersetzt.

Bei Michael Hörhammer löst die Erinnerung noch immer Gänsehaut aus: „Auf dem Hof stand ein Container, wir mussten praktisch unsere gesamte Weihnachtsproduktion vernichten. Meine Mitarbeiter haben uns angesehen, wie nahe uns das geht. Sie haben Plätzchen und Stollen weggeworfen, ich hätte das nicht gekonnt.“

Neue Zielgruppe: Familienväter

Die Familie berappelt sich, renoviert und setzt sogar den Ausbau der Terrasse oben drauf. „Wir hatten gerade frisch bestuhlt. Da kam Corona und das Verbot der Bewirtung.“ Also nichts mit Sommerfrischlern bei Kaffee und Kuchen auf der Pulvermühle. Stattdessen konzentriert man sich auf Familienväter, die während Kurzarbeit und Homeoffice plötzlich Zeit finden, morgens Brötchen und Brot zu kaufen. „Viele haben nicht mehr in der Kantine gegessen, da wurde die eine oder andere Scheibe Brot mehr gegessen“, erinnert sich der 42-jährige Bäckermeister an die Pandemie-Zeit.

Doch statt die Planungen von „Jazz auf der Pulvermühle“ oder „Herbstzauber mit Ausstellung“ umsetzen zu können, trafen die eigene Corona-Erkrankung sowie der Ukraine-Krieg mit unabsehbaren Folgen für die Kostenentwicklung bei den Grundzutaten die Bäckerfamilie. Nach all den harten Monaten empfinden Angela und Michael Hörhammer die Vollsperrung vor der Betriebstür nun als Ausrufezeichen auf dem Problemberg, den sie bereits zu bewältigen hatten. „Jeder andere hätte mittlerweile sicherlich aufgegeben“, meint Angela Böhmer-Hörhammer leise. Sie stellt aber auch klar: „Ich mache meine Arbeit hier sehr gerne, kann kreativ sein. Für meinen Mann ist das kein Beruf, sondern Berufung. Das ist ein Lebenswerk, das kann man nicht einfach aufgeben, schon wegen unserer Mitarbeiter nicht.“

Hoffen auf positive Effekte durch den Radweg

Entsetzt berichtet das Paar, dass man ihnen vorgeschlagen habe, man könne ja einen Teil der Belegschaft entlassen, solange die Sperrung eben dauert. „Aber das ist doch nicht wie bei einem großen Industriebetrieb!“, entrüstet sich Michael Hörhammer. „Wir beschäftigen hier Fachkräfte, wo sollen wir die denn wieder herbekommen? Nach sechs Wochen sind die weg vom Markt. Wir wissen, was wir an unseren Mitarbeitern haben, da sind über die Jahre Freundschaften entstanden. Ich möchte keinem sagen müssen: Sie sind entlassen.“

Die Baumaßnahme macht hilflos. „Sie kriegen das vorgesetzt, da können Sie nichts machen.“ Das haben Hörhammers nach zahllosen Telefonaten, Schriftwechseln und persönlichen Gesprächen gelernt. „Auch wenn die Lokalpolitik durchaus bemüht ist, wirklich tun können die nichts.“ Natürlich ist die Familie nicht gegen den Radweg-Ausbau, kann die möglichen positiven Effekte durchaus schätzen. Dennoch stellt sie die Frage: „Wäre nicht auch ein zeitweises Arbeiten bei einspuriger Verkehrsführung mit Ampellösung denkbar gewesen? Oder mit einer höheren Zahl an Arbeitern, um Zeit einzusparen?“

Zweieinhalb Tage pro Woche bleibt der Laden zu

Wie sieht es bei den Betrieben im Umfeld aus? „Im November 2021 haben wir einen Brief geschrieben. Den haben alle Geschäftstreibenden unterschrieben in Lohnsfeld, Wartenberg, Sembach.“ Rausgekommen ist bei der Sache aber nichts. Was anders ist als bei vielen der alteingesessenen Betriebe: „Es ist ein Unterschied, ob ich einmal die Umleitung zum Baustoffhof fahre, um meine Fliesen zu holen, oder ob ich jede Woche vor der Entscheidung stehe, beim Brötchenholen einen Umweg von 20 Kilometern zu fahren.“

Wieder hatten die Hörhammers eine Idee: Sie haben einen Verkaufswagen gemietet, der nun an vier Tagen pro Woche in Winnweiler auf dem Schlossplatz steht. Der Stellplatz kostet sie nichts extra. „Wir sind schon seit vielen Jahren auf dem Winnweilerer Wochenmarkt, da ist uns die Gemeinde entgegengekommen“, sind sie dankbar für die Unterstützung. Daneben sind sie mit ihrem rollenden Verkauf sowie einem Stand auf den Wochenmärkten in Rockenhausen und Kaiserslautern vielseitig aufgestellt. Gleichzeitig muss das Ladengeschäft für zweieinhalb Tage in der Woche geschlossen bleiben, da die Kundschaft ausbleibt. „Das bringt uns auch gegenüber unseren regionalen Zulieferern in Zugzwang. Wenn wir langfristig zu wenig abnehmen, stehen Kooperationen, wie sie mit der Metzgerei Cherdron vom Messersbacherhof oder dem Klostergut Hahnerhof bestehen, auf der Kippe“, sorgt sich Angela Böhmer-Hörhammer.

Jeden Tag öffnen, das lohnt derzeit nicht.
Jeden Tag öffnen, das lohnt derzeit nicht.

Schon Pläne für die Zeit danach

Die Wochen zum Jahresende hin sind für Bäcker die umsatzstärksten im Jahr. Auf der Pulvermühle wird das in diesem Jahr wohl anders sein. Dennoch: „Aufgeben ist keine Option!“, macht das Paar deutlich. Ganz im Gegenteil. Da werden Ideen für eine besonders schöne Weihnachtssaison im Kreis der Mitarbeiter gesammelt. Da gibt es erste zaghafte Planungen für die Zeit, wenn der Radweg fertig ist und die Menschen hoffentlich wiederkommen.

Die Hörhammers haben ihre Stammkundschaft. „Aber ob es uns in einem halben Jahr noch gibt, sodass wir beim Eröffnungsfest des neuen Radweg-Abschnitts mitfeiern können?“, fragen sich Angela und Michael Hörhammer. Mit ihnen hoffen 22 Menschen in Lohn und Brot auf der Pulvermühle.

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