ROCKENHAUSEN
Adient: Wirtschaftliche Lage stabiler, aber weiter angespannt
Denn zum 1. September haben hier 24 junge Menschen ihre Tätigkeit aufgenommen: neben 22 gewerblichen Azubis – zwei sind über das Technische Zentrum (TZ) Kaiserslautern eingestellt worden, durchlaufen aber den größten Teil ihrer Lehre in Rockenhausen – ein angehender Industriekaufmann und ein Zerspanungsmechaniker des zweiten Ausbildungsjahres, der von einem anderen Betrieb zu Adient gewechselt ist. Mit elf weiteren Azubis beziehungsweise Dualen Studenten, die im TZ arbeiten, gibt es damit 35 neue Mitarbeiter an den Pfälzer Standorten des weltweit größten Herstellers von Fahrzeugsitzen.
Das ist deshalb nicht selbstverständlich, weil Adient 2020 entgegen langjährigen Gepflogenheiten am Standort Rockenhausen die „fertigen“ Azubis aus finanziellen Gründen nicht beziehungsweise nur auf sechs Monate befristet übernommen hatte. Zudem waren auslaufende Zeitverträge nicht verlängert worden – auch das hatte vor allem junge Mitarbeiter betroffen, die im Jahr zuvor ihre Ausbildung abgeschlossen hatten.
Im Zuge der Sparmaßnahmen hatte das Unternehmen ferner im Frühjahr angekündigt, binnen zwei Jahren 320 der rund 1200 Stellen in der Nordpfalz abbauen zu wollen. Als Gründe hatte die Konzernleitung „ein verändertes Produktportfolio, herausfordernde Marktbedingungen und anhaltend rückläufige Umsätze“ genannt. Ziel der „nachhaltigen Restrukturierung“ sei daher „die Anpassung der Beschäftigungssituation an die rückläufige Auftragslage, um den Standort wieder profitabel bewirtschaften zu können“.
Abbau: 268 statt 320 Stellen
In den folgenden Verhandlungen hatte der Betriebsrat mit Unterstützung der IG Metall erreichen können, dass die Anzahl der wegfallenden Stellen dank der Wiedereingliederung ausgelagerter Prozesse auf 268 reduziert wird. Zudem ist vereinbart worden, 190 Mitarbeitern rentennaher Jahrgänge das Ausscheiden aus dem Betrieb mit einer Nettoabsicherung von 90 Prozent anzubieten. Wenn alle einwilligten, könnte die Anzahl der betriebsbedingten Kündigungen auf 78 sinken, durch ein zusätzliches freiwilliges Abfindungsprogramm sogar noch weiter reduziert werden. Betroffene können für bis zu zwölf Monate in eine Transfergesellschaft wechseln.
Dieser Prozess sei inzwischen angelaufen, hat Adient-Pressesprecherin Annika Wiertz auf Anfrage der RHEINPFALZ mitgeteilt. „Die Mitarbeiter in Rockenhausen machen von den freiwilligen Austrittsoptionen Gebrauch“, so Wiertz. Aktuell sei das Unternehmen „mit allen Personen in den individuellen Gesprächen“. Daher könnten momentan auch keine konkreten Zahlen genannt werden, wie viele Beschäftigte das Angebot auf vorzeitiges Ausscheiden annehmen. Bis voraussichtlich 31. Dezember laufe die diesbezügliche Abwicklung des Interessenausgleichs beziehungsweise Sozialplans. Bis 30. September 2021 soll der folgende Stellenabbau abgeschlossen sein.
Weiter Kurzarbeit
Die finanziellen Engpässe sind dann im Frühjahr durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie verschärft worden. Seit März läuft bei Adient in wechselndem Umfang Kurzarbeit. Aktuell sei die wirtschaftliche Situation „aufgrund der weiter angespannten Lage in der Automobilindustrie, den makroökonomischen Schwierigkeiten und der Covid-19-Krise nach wie vor herausfordernd“, sagte Wiertz. Vorerst sei die Kurzarbeit bis 30. September verlängert worden, eine mittelfristige Prognose sei aber nicht möglich. Zwar hätten sich die Abrufzahlen der Kunden inzwischen stabiliert, so Wiertz. Personalleiter Axel Bechberger habe das aber treffend so ausgedrückt: „Wir fahren auf Sicht.“
In den Verhandlungen über den Stellenabbau spielte für Betriebsrat und Gewerkschaft die Haltung von Adient zum Thema Ausbildung eine große Rolle. Die Arbeitnehmervertreter haben dem Papier nur zugestimmt, weil sich der Konzern verpflichtet hat, in nächster Zukunft mindestens 20 Azubis pro Jahr einzustellen und diese nach Ende ihrer Lehre für mindestens zwölf Monate zu übernehmen. Wiertz betonte hierzu: „Der Standort Rockenhausen ist grundsätzlich und langfristig auf Facharbeiter angewiesen und natürlich hier auch auf passenden Nachwuchs.“
Angesichts der Turbulenzen der vergangenen Monate war die Begrüßung der neuen Azubis für alle Beteiligten eine willkommene Abwechslung. Wobei sich auch hier die derzeit üblichen Corona-Beschränkungen bemerkbar machten: Entgegen der Tradition konnten weder die neuen Auszubildenden aus dem TZ noch Vertreter der Berufsbildenden Schule an der Veranstaltung teilnehmen.
Immerhin das war wie immer: Werkleiter Guido Herkenrath, Personalleiter Axel Bechberger und der Leiter der Lehrwerkstatt, Uwe Schwab, haben die Neuen willkommen geheißen. Unter den gewerblichen Azubis sind neun Werkzeugmechaniker, sieben Elektroniker, drei Mechatroniker, zwei Zerspanungsmechaniker und – gemäß dem Zwei-Jahres-Rhythmus – zwei Werkstoffprüfer.
1347 Azubis seit 1964
Schwab betonte, die duale Berufsausbildung in Deutschland werde „zurecht als Erfolgsmodell“ bezeichnet. Adient werde den Auszubildenden eine „hochwertige, praxisnahe berufliche Qualifikation bieten, mit der Aussicht auf vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten“. Die Azubis wiederum müssten angesichts der zunehmenden Digitalisierung und dem anstehenden Wandel in der Automobilindustrie, „welcher Antrieb zukünftig der Richtige sein wird“, über bestimmte Fähigkeiten verfügen: „Sich schnell an neue Dinge anzupassen, die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, interdisziplinäres Arbeiten und weitere Kompetenzen, die eben nicht digitalisierbar sind, wie zum Beispiel Kreativität“, so Schwab.
Wert lege das Unternehmen auch auf „Softskills“ wie Kooperations- und Konfliktfähigkeit sowie Problemlösungskompetenz. Er verwies ferner darauf, dass seit 1964 schon 1347 Absolventen ihre Ausbildung im Rockenhausener Werk erfolgreich abschließen konnten. „Wir als Betrieb haben sicherlich das Potenzial als langfristiger Arbeitgeber.“
In Rockenhausen werden Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze produziert. Adient (Umsatz 2019: 16,5 Milliarden US-Dollar), das bis 2011 als Keiper firmierte und 2016 aus dem US-Konzern Johnson Controls ausgegliedert wurde, hat rund 220 Standorte über den Erdball verteilt. Der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugsitzen hat einen Marktanteil von über 30 Prozent – etwa in jedem dritten Auto ist ein Adient-Sitz.