Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Gestapo-Beamter verhörte Sophie Scholl

Widerstand gegen das NS-Regime: In München erinnert an der Ludwig-Maximilians-Universität ein in den Boden eingelassenes Denkmal
Widerstand gegen das NS-Regime: In München erinnert an der Ludwig-Maximilians-Universität ein in den Boden eingelassenes Denkmal an die Weiße Rose.

Am Sonntag wäre die Widerstandskämpferin Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Der Gestapo-Beamte, der sie vor ihrer Hinrichtung verhört hatte, war ein Pfälzer, der nach dem Krieg einige Jahre in Bad Dürkheim gearbeitet hat. Historiker Michael Martin spricht am Sonntag über die außergewöhnliche junge Frau – und den unrühmlichen Bezug zur Pfalz.

Herr Martin, für Ihren Vortrag haben Sie sich mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl beschäftigt. Derzeit wird viel über sie geredet, nicht nur, weil ihr 100. Geburtstag bevorsteht. Auch weil sogenannte Querdenker sich mit ihr gleich setzen. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
In einer Zeit, in der alles querbeet geht, in der man jemanden mit Freisler (Anmerkung der Redaktion: Richter der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz) vergleicht, wie jetzt beim DFB. Oder wenn man in einer freien Demokratie den Begriff Widerstand in den Mund nimmt und sich dazu versteigt, Parallelen zu Sophie Scholl zu sehen – also das ist sowas Borniertes und Ungebildetes und Unverschämtes. Da weiß ich nicht: Ist das dumm oder frech oder beides zusammen.

Was verbinden Sie mit Sophie Scholl?
Sie ist mir natürlich schon immer ein Begriff, jetzt beim näheren Studium komme ich erst richtig dahinter, wie menschlich die Frau war. Sie ist immer so ikonenhaft dargestellt worden, versinnbildlicht in der Walhalla in Bayern, wo eine kleine blasse Marmorfigur neben all den Fürsten steht. Dabei war das ein ganz junges lebendiges Mädchen mit allen menschlichen Schwächen und Stärken. Nur: Am Schluss hatte sie nur noch Stärken und das finde ich das Faszinierende an ihr.

Vor ihrer Ermordung ist Sophie Scholl vom Gestapo-Beamten Robert Mohr verhört worden, einem Pfälzer. Können Sie beschreiben, wie der Mann aus der Nordpfalz zur Gestapo nach München kam?
Mohr war ab 1933 Kripobeamter, erst in Frankenthal. Dort hat er aber gleich einen Aufstieg gemacht. Ich sage es neutral: Er war ein fähiger Beamter. Er wurde dann nach München versetzt, hatte dort auch Schulungen und wurde schließlich bei der Sonderkommission eingesetzt, die sich mit der Weißen Rose befasste. Es ist immer wieder die Rede gewesen, er habe das Verhör vom Vater, Robert Scholl, sehr mäßig geführt und habe ihn vorm Henker gerettet.

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Es gab nach dem Krieg keine Konsequenzen für den Gestapo-Beamten Mohr. Er hat völlig unbehelligt gelebt – unter anderem in Bad Dürkheim als Angestellter der Kurverwaltung. Was hat er hier gemacht?
Das weiß niemand. Er war in Landau im Internierungslager. Nach seiner Entlassung ist er zurück in seinen Heimatort Bisterschied. Von dort ist er nach Bad Dürkheim, auf welchen Wegen ist unbekannt. Es gibt keine Akten der Kurverwaltung, in denen man nachgucken könnte. Seine über 90 Jahre alte Schwiegertochter, mit der ich Kontakt hatte, wusste auch nicht, wie ihr Schwiegervater nach Bad Dürkheim kam. Ich vermute, dass er mit niemandem darüber gesprochen hat. Es wird schon Verbindungen gegeben haben, wir wissen es nicht.

Robert Mohr soll magenkrank gewesen sein. Weiß man, ob sein Gewissen ihn geplagt hat?
Er hat nie über diese Zeit gesprochen und das haben viele nicht. In meinem Buch (Anmerkung der Redaktion: Zur NS-Zeit in Landau) habe ich geschrieben: Die, die nichts zu sagen hatten, die haben geredet. Die, die was zu sagen gehabt hätten, haben geschwiegen. Sie glauben gar nicht, was die Leute sich vorgemacht haben. Es gibt heute noch zig Biografien, in denen die Leute sich etwas vormachen und zusammenlügen. Wenn die Menschen nicht vergessen könnten, wären sie schon nicht mehr da, viele hätten ja Selbstmord begehen müssen vor Scham. Er hat Magenschmerzen gehabt, ja. Er war nie gezwungen, dazu Stellung zu nehmen. Die Sache Scholl war ein erschwerender Umstand in seinem Entnazifizierungsverfahren. Aber letztendlich kam er ja gut davon. Wen ich wirklich abgrundtief verabscheue, das ist der Hausmeister in München, der Sophie Scholl und Hans Scholl verhaftet hat. Das ist ein typischer Denunziant gewesen, der natürlich in einer Vernehmung gesagt hat, er habe nur seine Pflicht getan. Das menschliche Leben ist nicht so einfach, nicht so schwarz-weiß.

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Sie sind in der Nachkriegszeit zur Schule gegangen. Wie hat man bei Ihnen in der Schule über diese Zeit geredet?
Ich habe für Landau eine NS-Dokumentation herausgebracht – 2012, als ich in Pension ging. Ich habe die Personalakten aller meiner Lehrer in den Händen gehabt. Ich muss sagen, bei vielen habe ich mich nicht gewundert, bei manchen habe ich mich gewundert. Die Alten waren doch alle belastet. Wir haben in Geschichte nichts erfahren. Drittes Reich? Wenn überhaupt ging das im Schweinsgalopp. Da war kein Lehrer dabei, der gesagt hat: „Ich habe die Zeit so oder so erlebt.“ Gar nichts. Ich wundere mich heute, warum ich überhaupt Geschichte studiert habe, so grottenschlecht war der Unterricht.

 

Info

Michael Martin hält am Sonntag, 9. Mai, 17 Uhr, den Vortrag „Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl – Eine Spurensuche in der Pfalz“. Die Gemeinschaftsveranstaltung von Stadtmuseum und Museumsgesellschaft Bad Dürkheim wird virtuell angeboten über die Plattform der VHS Bad Dürkheim. Anmeldung unter https://vhs.link/WG7VXp.

Michael Martin
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