Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Schauspielerin Sophie Arbeiter über ihr Sophie-Scholl-Hörspiel

 Sophie Arbeiter wurde 70 Jahre nach Sophie Scholl 1991 geboren. Sie hoffe, dass sie mit der Widerstandskämpferin mehr gemeinsam
Sophie Arbeiter wurde 70 Jahre nach Sophie Scholl 1991 geboren. Sie hoffe, dass sie mit der Widerstandskämpferin mehr gemeinsam habe als den Vornamen, sagt die Schauspielerin. Nämlich die Suche nach Integrität und die Offenheit im Kontakt mit anderen Menschen.

Interview: Morgen hätte Sophie Scholl ihren 100. Geburtstag gefeiert. Gestorben ist sie ganz jung: 1943 wurde sie wegen ihres Engagements in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ hingerichtet. Die Erinnerung an die Studentin lebt – ganz neu in einem Hörspiel des Mannheimer Nationaltheaters. Sophie Arbeiter spricht in einem Briefwechsel Passagen von Sophie Scholl. Im Gespräch erzählt sie über die besondere Arbeit.

Frau Arbeiter, wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe sehr viel gelesen, natürlich auch die Briefe, habe versucht, möglichst viel Material zu sammeln, und habe versucht zu fühlen, was das Material mit mir macht.

Was hat es denn mit Ihnen gemacht?
Mich hat dieser Briefwechsel sehr berührt. Die Lektüre war zwar nicht der erste Kontakt für mich mit Sophie Scholls Geschichte, aber der intensivste in der letzten Zeit. Ich finde das sehr faszinierend, wie sehr durch das Medium der Schrift ihre Gedanken und Gefühle erfahrbar werden, und konnte über die Strecke des Briefwechsels tatsächlich verschiedene Emotionen in mir nachfühlen.

Welche Momente haben Sie besonders berührt?
Ich fand das wahnsinnig berührend zu lesen, wie sich Sophies Gedanken, ihr Handeln und ihre Gefühle verändert haben über die Zeit und dass es da trotzdem eine Kontinuität gab in ihrem Kontakt und ihrer Partnerschaft mit Fritz. Es waren viele Gedanken, viele Momente, die sehr berührend waren, am meisten vielleicht aber der letzte Brief von ihr, in dem sie über eine ganz alltägliche Sache spricht, dass sie einen Blumenstock gekauft hat und der da steht und sie ihn betrachtet. Das ist etwas so einfaches und gleichzeitig auch sehr berührendes, weil es ihr letzter Brief ist und Fritz mit ihr nie wieder sprechen können wird und das hat für ich eine Dimension eröffnet von der Alltäglichkeit des Lebens, die dann aber so schnell vorbei ist.

Fällt es Ihnen schwerer, historische Persönlichkeiten darzustellen als rein fiktive?
Fiktive Charaktere geben natürlich sehr viel Raum für Imagination und eigene Assoziationen, aber eigentlich tun das die meisten historischen Personen ja auch. Es ist ja immer mein Blick, oder mein Zugriff darauf, deswegen habe ich da keine Präferenz.

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, bezeichnete Sophie Scholl als ihre „Heldin der Geschichte“. Was bedeutet Sophie Scholl für Sie?
Für mich und vermutlich für viele andere Menschen auch hat sie noch immer eine solche Strahlkraft und Wichtigkeit, weil darin, wie sie gehandelt und gelebt hat, eine so wichtige Botschaft steckt. Sie hat es geschafft, menschlich zu sein in ihren Konflikten und Zweifeln, in ihrer Zerrissenheit zwischen Welten und zwischen Optionen und ist trotzdem immer in Kontakt mit sich selbst und Fritz geblieben, hat sich nicht abgeschottet, sondern hat verbindend agiert. Gerade in unserer Zeit, in der die Gesellschaft so gespalten ist und in der die Positionen immer krasser werden und immer weiter auseinanderdriften, empfinde ich es als ganz wichtig, in Kontakt miteinander zu bleiben miteinander zu sprechen.

Finden Sie, dass Sophie Scholl den Stellenwert im Gegenwartsdeutschland hat, der ihr zusteht, oder erschöpft sich die Wertschätzung im Oberflächlichen und Plakativen, indem etwa Schulen und Straßen nach ihr benannt sind?
Das glaube ich nicht. Ich kann natürlich nicht sagen, wie man das messen könnte, welchen Stellenwert jemand hat und ob das zu viel oder zu wenig ist. Es hat einen guten Grund, weshalb uns ihre Geschichte immer noch so berührt und noch so im Gedächtnis verankert ist, und weil sie eben eine so Hoffnung spendende und so starke Frauenpersönlichkeit ist, kann man ruhig noch mehr Schulen und Straßen nach ihr benennen.

Sie heißen ebenfalls Sophie mit Vornamen. Haben Sie noch mehr mit Sophie Scholl gemeinsam?
Ich habe sie ja nur über den Briefwechsel und die Recherche kennengelernt. Ich hoffe, dass zumindest ein Anteil von ihr in mir ist, nämlich diese Suche nach Integrität und nach Selbstbestimmtheit einerseits und gleichzeitig ebene einer Öffnung und einem Kontakt bleiben mit Anderen. Es gibt bestimmt auch sehr viele Dinge, die uns unterscheiden, und wenn ich daran denke, dass sie in so jungen Jahren schon so klar und so stark war, sich mit ihren eigenen Konflikten auseinanderzusetzen, dann weiß ich, dass ich mit 21 Jahren noch nicht so weit war.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Sie selbst so gehandelt hätten wie Sophie Scholl?
Das kann ich schwer beantworten, weil ich mir natürlich nur bis zu einem gewissen Grad vorstellen kann, wie diese Zeit war und wie sie einen zur Haltung gezwungen hat. Natürlich würde sich das heute jeder wünschen, in der Lage gewesen zu sein, so zu handeln, aber ich denke, dass nur sehr wenige Menschen die innere Kraft hatten, so zu handeln wie Sophie Scholl.

Was charakterisiert die Beziehung zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel?
Sie wurde über die Jahre hinweg ja immer wieder infrage gestellt, etwa als Fritz Hartnagel in Amsterdam sich in eine Frau verliebt und mit ihr schläft. Ich glaube, dass es in der Verbindung zwischen den beiden um so viel Tieferes und so viel mehr ging, als um etwa um diese eine Episode mit dem Mädchen, mit den Fritz etwas hatte. Es war eine existenziell sehr tiefe Verbindung und es ist faszinierend zu lesen, wie das möglich war, das über diesen Zeitraum hinweg zu leben. Das ist ein großes Zeichen von menschlicher Liebe.

Hat der Briefwechsel etwas zutage gefördert, was Sie überrascht oder vielleicht auch irritiert hat?
Ich war schon sehr überrascht und sehr berührt davon, wie intim die Bekenntnisse von diesen Seelenkrämpfen, Entscheidungsfindungen und Zweifeln waren, weil ich vor dieser Lektüre eben eher die Ikone Sophie Scholl im Kopf hatte und nicht so sehr den Menschen Sophie Scholl.

Wie würden Sie dieses Kennenlernen, dieses Einfühlen in den Menschen Sophie Scholl und ihre Verbindung mit Fritz Hartnagel im Nachhinein bewerten. Wie wichtig war das für Sie als Mensch und auch als Schauspielerin?
Bei vielen Dingen kann man ja immer erst später bewerten, welche Wirkung sie haben. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es eine sehr intensive Begegnung war mit dieser Person und ihrer Geschichte und ich glaube, dass so etwas sich immer in einem festsetzt und weiterarbeitet. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Projekt machen durfte, so kurzfristig und spontan. Das war eine große innere Freude für mich.

Stichwort

Sophie Scholl

Sophie Scholl kam am 9. Mai 1921 als viertes Kind des Bürgermeisters des württembergischen Städtchens Forchtenberg zur Welt. Sie wuchs in einem Elternhaus auf, das von liberalem Gedankengut und christlichem Glauben geprägt war. Gegen den Willen der Eltern trat sie 1934 bei den Jungmädeln ein, einer Unterorganisation im Bund Deutscher Mädel (BDM). Ihre älteren Geschwister Inge und Hans waren ein Jahr zuvor in die Hitlerjugend eingetreten. Sophie Scholl stieg Ende 1935 zur Scharführerin und 1937 zur Gruppenführerin auf. Sie begann, sich vom NS-Regime abzuwenden, als ihre Geschwister wegen „bündischer Umtriebe“ verhaftet wurden. Im Alter von 16 Jahren verliebte sich Sophie Scholl in den vier Jahre älteren Offiziersanwärter Fritz Hartnagel. Der Briefwechsel der beiden ist Grundlage des Hörbuchs des Nationaltheaters mit dem Titel„Bleiben wir uns das, was wir uns sein können“. Im Mai 1942 begann sie, in München Philosophie und Biologie zu studieren, und schloss sich der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an, der auch ihr Bruder Hans angehörte. Am 18. Februar 1943 wurden sie verhaftet, als sie im Universitätsgebäude Flugblätter verteilten. Am 22. Februar 1943 wurden die Geschwister Scholl und ihr Studienkollege Christoph Probst mit der Guillotine enthauptet. Fritz Hartnagel stand nach der Hinrichtung der Geschwister der Familie Scholl bei und unterstützte sie finanziell. Im Oktober 1945 heiratete er Sophies Schwester Elisabeth. Von Beruf Richter, engagierte er sich in der Friedensbewegung. Er starb am 29. April 2001 im Alter von 84 Jahren.

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