Aus bei Michelin
Reifenhersteller zahlt Abfindungen bis über 400.000 Euro
Der Reifenhersteller Michelin schließt seine Werke Karlsruhe und Trier binnen Jahresfrist und einen Großteil des Werkes Homburg bis Ende 2025. Über 1500 Menschen verlieren dadurch ihren Arbeitsplatz. In zwei Betriebsvereinbarungen haben Michelin und der Gesamtbetriebsrat auf 34 Seiten die Details der Schließungen und den Sozialplan festgeschrieben. Sie liegen der RHEINPFALZ vor.
Das Gros der Mitarbeiter soll über Abfindungen ausscheiden. Im Einzelfall kann diese Abfindung über 400.000 Euro betragen. Je länger jemand bei Michelin arbeitet und je mehr er aktuell verdient, desto höher fällt die Basisabfindung aus. Sie errechnet sich aus der Anzahl der Jahre der Betriebszugehörigkeit multipliziert mit dem Bruttomonatslohn und der Zahl 1,5. Als Höchstbetrag legten die Parteien 350.000 Euro fest.
Gleichwohl kann die Gesamtabfindung aber höher ausfallen. Denn es gibt Zuschläge: 4000 Euro pro Kind, 5000 Euro für Schwerbehinderte sowie einen so genannten „Zuschlag wegen Aktivitätsschließung“, der im Einzelfall über 60.000 Euro betragen kann. Ein sehr gut verdienender Micheliner, der schon lange im Betrieb ist, kann auf diese Weise auf eine Abfindung von über 400.000 Euro kommen. Aber auch für die Gesamtabfindung haben die Parteien eine Obergrenze vereinbart: Sie darf nicht höher sein als der Betrag, den der Arbeitnehmer noch bis zum Eintritt in die Rente verdient hätte.
Der Haken an der Abfindung: Sie wird auf einen Schlag ausbezahlt und muss so in dem Jahr, in dem sie fließt, voll versteuert werden.
Älteren Beschäftigten bietet der Sozialplan, wohl auch deshalb, eine Alternative: Treueprämie statt Abfindung. Mit der Treueprämie wird die Abfindung quasi gestreckt. In der Praxis sieht das so aus: Der Mitarbeiter bleibt bei Michelin beschäftigt, wechselt aber in eine so genannte Passivabteilung. Er muss nicht mehr zur Arbeit kommen und erhält die Treueprämie monatlich anteilig ausbezahlt, maximal fünf Jahre lang. Das Angebot richtet sich an Beschäftigte, die Jahrgang 1968 oder älter sind. Den Jahrgängen 1964 oder älter wird die Treueprämie dadurch nachdrücklich nahegelegt, dass bei ihnen andernfalls ein Abschlag auf die Abfindung berechnet wird, der umso höher ausfällt, je älter der Mitarbeiter ist.
Eher jüngere Mitarbeiter und solche, die noch nicht lange bei Michelin sind, werden sich für den Wechsel in eine Transfergesellschaft interessieren: Dort werden sie maximal ein Jahr beschäftigt und sollen in dieser Zeit durch Qualifizierung und Arbeit zur Probe in einen neuen, guten und gut bezahlten Arbeitsplatz in der Industrie vermittelt werden. Die Transfergesellschaft zahlt 80 Prozent des bisherigen Gehalts, wenn dieses 7600 Euro nicht überschreitet.
Bis zu diesem Wochenende konnten die Beschäftigten in den Werken Homburg, Karlsruhe und Trier bekunden, in welche Richtung sie gehen wollen, gegebenenfalls mit Rangfolge. Michelin wird jetzt jedem ein Angebot machen. Der Sozialplan schreibt fest, dass bis 21. August alle Verträge mit allen Mitarbeitern unterschrieben sein sollen.
In Homburg bleiben zunächst 480 Arbeitsplätze in der Runderneuerung, die bis Ende 2025 auf 450 und bis Ende 2027 auf 400 sinken sollen. Alle anderen Mitarbeiter in Homburg und alle in Karlsruhe und Trier müssen ab jetzt bis spätestens Ende 2025 Michelin adieu sagen.
In der Gesamtbetriebsvereinbarung nennt Michelin erstmals konkrete Zahlen zu den Gründen der Werksschließungen. Demnach waren Michelins europäische Werke, in denen Reifen für Lastwagen hergestellt werden, im Jahr 2023 nur zu 65 Prozent ausgelastet. Der Grund hierfür: Michelin hatte in Europa in erheblichem Ausmaß Marktanteile verloren, weil die Kunden vermehrt Billigreifen aus Fernost kauften. „Die Marktanalysen lassen keine wesentliche Besserung erwarten“, heißt es in dem Papier. Und weiter: „Gleiches gilt für die Wulstkernfertigung in Europa. Hier ist die Unterauslastung noch etwas höher als die in den Lkw-Reifen-Werken.“ Da Lkw-Reifen in Homburg und Karlsruhe und Wulstkerne in Trier produziert werden, bedeutete diese Entwicklung das komplette Aus für die Werke Trier und Karlsruhe und die Zwei-Drittel-Schließung von Homburg.
Auf Anfrage der RHEINPFALZ hatte die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) die Betriebsvereinbarung in ganz groben Zügen bestätigt, hatte aber keine Details genannt. Michelin selbst teilte mit, „dass wir ausschließlich unsere Mitarbeitenden über ihre individuelle Lösung informieren“ und berief sich dabei auch auf den Datenschutz. Das Unternehmen bestätigte aber den Zeitplan für die Schließung der einzelnen Werke.
Und hier ist zu nachlesen, warum einst der allererste Lkw-Reifen, der im neuen Michelin-Werk Homburg produziert wurde, auf einmal Feuer fing. Der Mann, der ihn herstellte, erzählt die Geschichte hier.