Quintessenz
Ganz schön hässlich – ein paar Gedanken zur Debatte über die „Ugliest City Tours“
Was hässlich ist und was nicht, liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters. „Unschön aussehend, nicht den Normen entsprechend“ – so wird das Adjektiv in optischer Hinsicht definiert. „Verletzend und gemein“, bezogen aufs Verhalten. „Kalt oder regnerisch“, bezogen aufs Wetter. „Unerfreulich und negativ“, bezogen auf die Wertigkeit. Und „unschön klingend“, bezogen auf die Akustik. Sagen wir es mal so: Schmeichelhaft ist anders.
Geschmeichelt gefühlt hat sich vermutlich kein Ludwigshafener, als das TV-Satiremagazin „Extra 3“ das Oberzentrum vor sechs Jahren den Titel „Hässlichste Stadt Deutschlands“ verpasst hat. Pikanterweise wurde dazu ein Bild aus Mannheim eingeblendet. Aber das nur am Rande.
Seither jedenfalls haftet Ludwigshafen dieser Makel an wie Pattex. Zurecht, sagen die einen. Blödsinn, entgegnen die anderen. Das Thema wurde x-mal durchgekaut. Warum es jetzt erneut aus der Mottenkiste springt, hat einen profanen Grund: Vor der Kommunalwahl hat sich eine Debatte daran entzündet. Als ob die Stadt keine anderen Probleme hätte.
Mal wieder geht es um die „Ugliest City Tours“ des Künstlers Helmut van der Buchholz – eine selbstironische Reaktion auf die umstrittene Kür durch das Fernsehformat. Fakt ist: Diese für Teilnehmer kostenfreien Touren stoßen bisweilen auf eine große Resonanz und locken auch Menschen nach Ludwigshafen, die ansonsten über die Stadt hinwegfahren oder sie komplett meiden.
Wer schon mal eine Tour erlebt hat, erfährt einiges. Über die Schattenseiten, aber auch über die Schokoladenseiten der Stadt. Ja, die gibt es. Der Architekt Buchholz, der sich im „Buero für angewandten Realismus“ engagiert, trifft meistens den richtigen Plauderton. Auch bundesweit erscheinende Medien haben schon über seine lakonisch-heiteren Führungen berichtet. Eine größere Aufmerksamkeit ist der Stadt dadurch zweifellos zuteilgeworden.
Dass die regelmäßigen Rundgänge in den wärmeren Monaten Ludwigshafen schaden, ist eine Behauptung von Kritikern, die man ebenso wenig belegen kann wie jene von Befürwortern, sie hätten der Stadt viele Sympathiepunkte eingebracht. Ein Aufreger ist nun der Entschluss der Stadt, ihre Förderung einzustellen – angeblich auf der Basis einer sorgfältigen Abwägung verschiedener Faktoren.
Dabei sei hinterfragt worden, ob es sinnvoll ist, dass sich die Stadt quasi selbst aktiv als hässliches Entlein vermarkte. Es sei explizit nicht darum gegangen, kritische Veranstaltungen zu benachteiligen. Mit jährlich 1350 Euro hatte die Stadt die „Ugliest City Tours“ in den letzten fünf Jahren bezuschusst. Nun ist Schluss damit.
Beifall gab’s dafür von der CDU, der diese Touren seit Langem ein Dorn im Auge sind. Empört äußerte sich das linke Spektrum, das von einer „Niederlage der Kunstfreiheit“ und einem „Schlag ins Gesicht aller kritischen Geister“ spricht. Klingt alles ein wenig hochgejazzt.
Aber tatsächlich stellt sich die von Organisator van der Buchholz selbst aufgeworfene Frage, ob sich die Stadt damit einen Gefallen getan hat. Denn 1) ist das ganz schön hässliche Thema jetzt wieder bierernst in aller Munde und 2) sind 1350 Euro im Jahr wirklich nicht die Welt.
Das unternehmerische Risiko müsse van der Buchholz jetzt selbst tragen. Steuergelder dürften nicht für diese dem Image der Stadt abträglichen Veranstaltungen eingesetzt werden, polterte unlängst ein führender CDU-Politiker. „Es geht bei diesen Touren nicht um Selbstironie, sondern um ein Schlechtreden der Stadt.“ Frei nach dem Motto: Es ist es leichter, das Hässliche hässlicher als das Schöne schöner zu machen.
Verantwortliche dieser Stadt wissen das ja besser als alle anderen.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.