Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Winzer-Initiative will aufrütteln: „Eine Flasche Wein mehr trinken“

 Der Billigheim-Ingenheimer Weinzer Thomas Schaurer wählt drastische Worte: „Die Deutschen müssen entscheiden, ob der deutsche W
Der Billigheim-Ingenheimer Winzer Thomas Schaurer wählt drastische Worte: »Die Deutschen müssen entscheiden, ob der deutsche Weinbau weiter existieren soll oder ob er kaputtgehen kann.«

Der Weinbau ist in der Krise. Die Berufsverbände setzen auf Positiv-Werbung, eine neue Winzer-Initiative kontert und stellt die Situation so drastisch wie möglich dar.

Ob Spanien, Frankreich oder Italien – überall klagen die Winzer über volle Keller und rückläufigen Absatz. Experten gehen davon aus, dass es sich nicht um eine kurzfristige Nachfrageschwäche handelt, sondern um strukturelle Veränderungen im Trinkverhalten der Verbraucher. Vergleicht man die Einkaufsmengen der deutschen Haushalte (ohne Gastronomie), so ist nach Angaben des Deutschen Weininstituts die verkaufte Menge an deutschem Wein in Deutschland von 2022 bis 2024 um 27 Prozent zurück gegangen, im ersten Quartal 2025 um weitere 8 Prozent gegenüber dem 1. Quartal 2024.

Für die Weinbaubetriebe ist dies ein gewaltiger Rückschlag, der vor allem die Erzeuger von Trauben und Fasswein trifft, die den Großhandel beliefern und von den „Basispreisen“ des Marktes abhängig sind. Aber auch Flaschenwein erzeugende Weingüter und Genossenschaften haben zu kämpfen.

Stilllegeprämien in Frankreich

Was ist zu tun? In Frankreich gibt es bereits Stilllegeprämien für Weinberge. In Deutschland sind spezielle Maßnahmen zur Krisenbewältigung bisher nicht geplant. Der Ingenheimer Bi owinzer Thomas Schaurer hat sogar den Eindruck, dass die offiziellen Vertreter des deutschen Weinbaus sich wegducken und die Krise kleinreden wollen. Er hat deshalb im Mai eine Initiative gegründet, „weil die Berufsvertretung, also der Weinbauverband, nichts unternimmt“. Der „Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau e. V“, gehören nach eigenen Angaben inzwischen über 150 Weinerzeuger an, vorwiegend aus der Pfalz und Rheinhessen.

„Ich will nicht dem Weinbauverband Konkurrenz machen“ sagt Thomas Schaurer. „Aber weil der nichts unternimmt gegen die Bedrohung des Weinbaus muss ja irgendeiner etwas tun.“ Schaurer ist der Ansicht, die bedrohliche Krise des Weinbaus müsse nicht klein geredet, sondern der Bevölkerung in deutlichen Worten klargemacht werden: „Die Bevölkerung muss verstehen, dass der Weinbau in Deutschland in Gefahr ist. Wenn wir jetzt, und das bedeutet in den nächsten zwei, drei Wochen, nicht handeln, verlieren wir unsere Kulturlandschaft, unsere Geschichte, unsere Identität.“

Kreditwürdigkeit verändert sich

Ein Blick auf den deutschen Markt zeigt: Waren 80 Cent für einen Liter Basis-Fasswein, die in den zurückliegenden Jahren gezahlt wurden, oft kaum rentabel, so sind mit den aktuell noch niedrigeren Auszahlungen bei gleichzeitig steigenden Preisen für Material und Personal viele Erzeuger deutlich in die Verlustzone gerutscht. Für Investitionen in Geräte und Fahrzeuge ist kein Geld mehr da. Weinberge werden für Spottpreise zum Kauf angeboten oder sogar umsonst als Pacht. Wo man noch vor wenigen Jahren 10 Euro pro Quadratmeter zahlte, gibt es heute Angebote für zwei. Trotzdem finden sich kaum Interessenten. Hinzu kommt: Die niedrigen Landpreise verändern die Kreditwürdigkeit der Erzeuger, weshalb Banken den Kredithahn zudrehen. Kurz vor der vermutlich großen Weinernte 2025 liegen viele Keller noch voll mit 24er Wein. Andere freilich sind leer – ein Zeichen für unterschiedliches Geschick im Umgang mit der Situation.

Stichtag: 11. November

Auch Thomas Schaurer geht es um Zahlen: „Etwa 50 Prozent der Weinbaubetriebe und der größte Teil der Fassweinerzeuger sind in ihrer Existenz bedroht und werden den traditionellen Auszahlungstermin am 11. November nicht überleben.“ Drastische Worte. Und: Mit solchen Aussagen gelingt es der Initiative, erhebliche Aufmerksamkeit zu erzeugen, über Tageszeitungen, Zeitschriften, Fernsehen bis hin zur London Times, die „Deutscher Weinbau vor dem Aus“ titelte.

Der Pfälzer Weinbaupräsident Reinhold Hörner ist darüber überhaupt nicht glücklich: „Die Zeitung hat dann beim Deutschen Weininstitut angerufen und gefragt, ob es im kommenden Jahr noch deutschen Wein gibt.“ Daran sehe man: „Mit Jammern und übertriebenen Behauptungen kommen wir nicht weiter. Die Leute werden eher abgeschreckt, wenn die Winzer ständig lamentieren und bitten und betteln. Wir müssen positive Werbung machen.“

„Mache mir Tag und Nacht Gedanken“

Und es sei ja wirklich nicht alles schlecht, obwohl auch er schon vor über einem Jahr auf die schwierige Situation vieler Betriebe hingewiesen habe. Man glaubt es Hörner, wenn er seine Hilflosigkeit in der aktuellen Situation zugibt und bedauert, dass eine Veränderung der Marktsituation nicht in seiner Macht steht: „Ich mache mir Tag und Nacht Gedanken, aber es gibt keine Maßnahmen, mit denen der Verband die Krise mildern könnte. Und die Politik hilft uns nicht.“ Er verstehe die Not der betroffenen Kollegen und „es tut mir um jeden leid, der den Betrieb aufgeben muss“.

Hörner weist aber auch darauf hin, dass manche Betriebe sich zu sehr auf die gute Situation vergangener Jahre verlassen und nicht für schwierige Zeiten vorgesorgt hätten. Nicht zu bestreiten sei aber auch, dass der Strukturwandel im Weinbau nicht zu verhindern sei: „Der Weinbau wird sich weiter verändern und jede Krise bringt auch Chancen mit sich.“ Die Zukunft der Pfalz liege außerdem nicht im Billigweinanbau, sondern im Qualitätsweinbau. Da ist er sich mit Thomas Schaurer einig.

Werbeabgabe erhöht

Was aber kann aktuell getan werden, wenn die geringere Nachfrage den Betrieben zu schaffen macht? Dauerhafte Rodungen sieht Hörner kritisch, weil dann die wertvollen, aber aufwendig zu bearbeitenden Hanglagen gerodet würden. Eher kann er sich mit dem Gedanken des deutschen Weinbaupräsidenten Klaus Schneider anfreunden, der Rotationsbrachen ins Spiel bringt: „Dem Boden und der Gesundheit späterer Pflanzungen tut es gut, wenn er ein paar Jahre nicht bebaut wird.“ Immerhin habe man endlich die Werbeabgabe erhöht, die jeder Erzeuger zahlen muss. Damit stünden der Pfalzweinwerbung jährlich 500.000 Euro mehr zur Verfügung, um Pfälzer Wein, seine Kulturlandschaft und seine Tradition positiv darzustellen.

Was schlägt nun Thomas Schaurer vor, um sein Horrorszenario doch noch abzuwenden? „Wir müssen die Bevölkerung aufrütteln, damit sie den deutschen Wein unterstützt. Die Deutschen müssen entscheiden, ob der deutsche Weinbau weiter existieren soll oder ob er kaputtgehen kann.“ Es würde genügen, wenn jeder erwachsene Deutsche eine einzige Flasche deutschen Wein zusätzlich kaufen würde. Mit dieser einen Flasche zusätzlich wäre der ganze produzierte Wein verkauft.

Das stimmt. Aber wie will er das in den nächsten zwei Wochen schaffen, die seiner Meinung nach noch bleiben? „Wir müssen kämpfen statt nichts zu tun.“

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