Schifferstadt / Ludwigshafen
Eine Pfälzerin entwickelt revolutionäre App für Schulen: Dank KI mehr Zeit für Schüler
Als Annette Pitters nach der Elternzeit in Kalifornien wieder in Deutschland zurück war und in den Schuldienst eintrat, traute sie ihren Augen nicht. Sie kam in eine Welt mit analogen Akten, also noch aus Papier, und Umfragen, die per E-Mail gemacht wurden. In ihrem Bekanntenkreis habe sie aber einige technisch versierte Menschen, wie sie im RHEINPFALZ-Gespräch erzählt. „Ich hatte viele Ideen. Und als Antwort habe ich immer bekommen: Ja, das geht.“
Doch zwischen technisch möglich und in der Praxis anwendbar liegen oft Welten. Und so war der entscheidende Antrieb für die 40-Jährige nach eigener Aussage am Ende der Frust über die bestehenden Tools für Lehrkräfte und die Aussagen von Technik- und IT-Experten, dass es viel besser gehe.
Kampf für mehr Zeitersparnis
Ein spezielles Anliegen ist der Pädagogin die Zeitersparnis im Alltag. „Was die Lehrer am meisten stresst, ist die ganze Papierarbeit an den Abenden, am Wochenende oder in den Ferien“, sagt sie. In der Spitze benötige ein Lehrer etwa 180 Stunden pro Schuljahr nur für die Korrektur von Klassenarbeiten, Tests, Hausaufgaben- und anderen Leistungsüberprüfungen. Und ein Schüler komme im Jahr auf gut 80 Leistungsüberprüfungen.
„Klar ist man mit der einzelnen Arbeit oder einem Test schnell durch. Aber dann müssen noch Punkte vergeben und die Noten ermittelt werden. Dabei muss man immer aufpassen, dass man nicht in der Zeile verrutscht und ein falsches Ergebnis rauskommt“, erläutert sie. Die „krassesten Peaks“ gebe es während der Korrektur der Abiturarbeiten.
Tests schneller erstellen und korrigieren
Die von ihr und ihrem Mitstreiter entwickelte App „Cucua“ soll Abhilfe schaffen. Das Programm sei im Oktober 2025 schon an den Start gegangen. 90 Prozent der Korrekturzeit könnten dadurch eingespart werden, ist sich Pitters sicher. Sie ist davon überzeugt, dass mithilfe ihrer App die Schüler den Unterrichtsstoff besser verstehen und auf der anderen Seite die Lehrer mehr Zeit haben, sich auf pädagogische Inhalte im Unterricht zu fokussieren. „So ist die Chance höher, dass der Unterricht noch effektiver sein kann. Nicht immer nur motzen. Das funktioniert nicht“, betont die Schifferstadterin. Sie wolle mit der App „Lehrern, die einen mega Job machen, den Rücken stärken“.
„Cucua“ funktioniert sowohl für das Erstellen, Benoten und Korrigieren von Tests als auch für Aufsätze. Annette Pitters demonstriert das an einem Beispiel. Für einen Aufsatz muss man die Aufgabenstellung sowie den Erwartungshorizont in eine Maske eingeben. Auch die Bewertungskriterien werden genau definiert. „Wichtig ist, dass das Feedback am Ende immer wertschätzend ist, auch wenn der Aufsatz mal nicht so gelungen sein sollte“, sagt Pitters.
Einsatz von KI an vielen Stellen
Die Lehrerin scrollt etwas herunter und zeigt in dem Demonstrationsbeispiel auf das Feld „Gesamteinschätzung“. Da stehen einige Sätze. „Wenn ich das unter jeden Aufsatz schreibe, werde ich an einem Wochenende nicht fertig mit der Korrektur“, verdeutlicht sie. Dazu liefert die App noch die „Übereinstimmung mit dem Erwartungshorizont“, „konkrete Überarbeitungshinweise“ und Hinweise auf „sachliche Richtigkeit“.
An vielen Stellen werde Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt bei der App, erklärt Pitters, die an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Ernst Bloch in Oggersheim Deutsch, Geschichte und Sozialkunde unterrichtet. Die App sei aber konform mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Und auch Vorbehalte, ob man mithilfe der KI Noten machen dürfe, könne sie ausräumen. Fragen seien selbstverständlich legitim, aber die Skepsis habe sich in Grenzen gehalten.
Pilotphase hat begonnen
Die Pilotphase für die App hat bereits begonnen. Schulen in Ludwigshafen, Speyer, Nürnberg, Frankfurt, Bischofswerda (Sachsen) sowie eine deutsche Schule im Ausland nehmen laut Pitters daran teil. Das sogenannte Onboarding, also die Präsentation in den jeweiligen Schulen, habe begonnen. Annette Pitters und Kai Cui hoffen dabei auf viel Feedback von den Lehrern. „Manchmal sind es sehr kleine Dinge, die dann aber dafür sorgen, dass alles für die Schüler etwas verständlicher ist.“
Dabei wollen die Entwickler der App keine Zeit verlieren. Nach einer Zwischenevaluation soll es noch vor den Sommerferien eine Abschlusskonferenz geben. Annette Pitters weiß, dass gerade bei digitalen Produkten Zeit auch Geld bedeutet. Die Entwicklung der App sei auch noch lange nicht am Ende. „Was wir jetzt haben, ist etwa die Hälfte von dem, wo wir hinwollen“, sagt sie.
Bleibt noch die Frage nach dem Namen. Woher kommt eigentlich „Cucua“? „Das ist ein Begriff aus dem Ostafrikanischen Swahili. Es bedeutet so viel wie wachsen oder fliegen“, erklärt Annette Pitters. Deshalb passe es auch so gut, weil über die App das Lernen wieder mehr Spaß machen solle.
Im Netz
www.cucua.co