Saach blooß – die Dialektserie RHEINPFALZ Plus Artikel Konfusion auf Pfälzisch: „Mir is im Kopp ganz worres“

Voll verwirrt, der gute Mann. Also: „ganz worres“.
Voll verwirrt, der gute Mann. Also: »ganz worres«.

Das Pfälzer Wort „worres“ passt perfekt in unsere irre Zeit. Trotzdem ist es kaum noch in Gebrauch. Warum eigentlich?

Es gibt Dialektwörter, die kaum noch benutzt werden, weil sie etwas beschreiben oder für etwas stehen, das es nicht mehr gibt oder das kaum noch vorkommt. Verschwunden sind auf diese Weise die Namen vieler landwirtschaftlicher Gerätschaften (vor allem solche zur kleinteiligen und mühseligen Handarbeit). Klar: Sie wurden längst durch moderne Maschinen ersetzt. Alte Wörter wie „Abort“ oder „Abtritt“ sind dem „WC“ gewichen, seit Water Closets – Klos mit Wasser – Standard sind.

Manche Wörter sterben aus, weil sie semantisch kontaminiert wurden. Soll heißen: Ihre Bedeutung wurde „verseucht“. Das gilt zum Beispiel fürs pfälzische „ficken“ im Sinne von „jemanden ärgern“, das sich einst noch beim Dame-Spiel im Begriff „Fickmiehl“ niedergeschlagen hatte. Auch das gängige und völlig unverfängliche Dialektwort „wichsen“ im Sinne von „etwas glänzend polieren“ (Schuhe zum Beispiel) hat auf diese Weise den Sprachtod gefunden. Irgendwann stand es nur noch für die tabuisierte Nebenbedeutung des Rubbelns: das Masturbieren. Erschwerend kommt hier noch hinzu: In Zeiten von Sneaker und Crocs werden Schuhe tatsächlich viel seltener gewichst als früher. Das Wort hat also wie viele andere in der modernen Welt keine Verankerung mehr und wird daher – letztlich zu Recht – allmählich vergessen. Übrigens: Eine Liste der alten Pfälzer Wörter, die nach Meinung der Leserinnen und Leser auf keinen Fall aussterben sollen (und noch einige spannende Listen mehr, zum Beispiel pfälzische Neuerfindungen), finden Sie hier: Von den alten Persern das „driwwer Noochdrinke“ gelernt.

Das seltsame Verschwinden

Und dann gibt es Wörter, die verschwinden, obwohl es dafür nicht den geringsten Grund gibt. „Worres“ ist so eines – das Dialektwort, das wir für diese Folge unserer Serie zur Debatte gestellt haben. Es ist eng verwandt mit „wirr“ und „verworren“ und bedeutet „verwirrt“ oder „durcheinander“. „Worres“ wäre damit perfekt für die heutige Zeit mit sich nahtlos aneinanderreihenden Krisen und völlig durchgeknallten Polit-Darstellern.

Jedoch: Das Wort „worres“ wird, legt man die Rückmeldungen der Leserinnen und Leser zugrunde, heute kaum noch verwendet. „Worres habe ich fast noch nie im allgemeinen Sprachgebrauch gehört“, schreibt zum Beispiel Doris Rittmann aus Birkenheide. Die regelmäßige Teilnehmerin unseres kleinen Sprachforschungsprojekts musste sich erst gezielt in ihrem Bekanntenkreis umhören, bis sie auf Hinweise stieß. „Mit dem Wort kann ich nichts anfangen“, schreibt Barbara Dürk aus Hochdorf-Assenheim und fügt an, das Wort sei auch in ihrem Umfeld „nicht bekannt“.

 Gefühlschaos: „Dein Schnorres macht mich ganz worres!“ – Auch Schmetterlinge im Bauch lassen sich auf Pfälzisch mit „worres“ au
Gefühlschaos: »Dein Schnorres macht mich ganz worres!« – Auch Schmetterlinge im Bauch lassen sich auf Pfälzisch mit »worres« ausdrücken.

„Ein Lieblingsspruch meiner Mutter“

Aber immerhin: Ein paar Sichtungen von „worres“ oder zumindest Erinnerungen daran gibt es schon zu vermelden. „Ein Lieblingsspruch meiner Mutter war: Du machscht mich ganz worres, ich weeß nimmi, wo owwe un unne esch!“, schreibt Gisela Schumann aus Grünstadt. „Verrückt, damisch, kirre, durcheinander“, sind ihre Übersetzungen. Das Wort, meint die Leserin, sei eher im Saarland oder in der Westpfalz gebräuchlich, auch in der Version mit „u“: „wurres“.

„Alleweil is mer’s im Kopp ganz worres“, schreibt Sieglinde Hammann-Neser aus Bissersheim. „Des is jo en Worres!“ wiederum sei ein Ausruf, um eine auf den ersten Blick aussichtslose Situation zu beschreiben: verwirrend, verworren, und damit nicht so einfach aufzulösen. Ein Kuddelmuddel. Manfred Bußemer aus Ramstein-Miesenbach berichtet: „Wenn Jemand ,worres’ ist, ist er durcheinander oder macht verrücktes Zeug. Er selbst sagt dann: ,Ich bin ganz worres’.“ Und Jutta Bertram aus Brücken meldet: „Auch bei uns kennt man den Begriff ,worres’. Der macht mich noch ganz worres met seine Ideeje!“

„Norre net worres mache losse“, denkt sich der Karikaturist.
»Norre net worres mache losse«, denkt sich der Karikaturist.

Geistig verwirrt oder strukturell ungeordnet?

Apropos „die Leit worres mache“. Das pfälzische „worres“ lässt sich sowohl im Sinne von „(geistig) verwirrt“ verwenden als auch im Sinne von „verworren“, also von „strukturell durcheinander“ (wie beim verhedderten Wollknäuel oder der zerzausten Frisur). Und: Die Wurzel von „wirr“, „verwirrt“, „verworren“ und damit auch von „worres“ reicht wohl mehrere Jahrtausende zurück bis ins Indoeuropäische, das den Großteil europäischer und vieler asiatischer Sprachen umfasst. Auch das englische Wort „war“ für Krieg – im Wortsinn dann: die Wirren/die Zerstörung des Krieges – geht auf diese Wurzel zurück.

Warum aber hat es nun ausgerechnet das pfälzische „worres“ in der Gegenwart des Pfälzer Sprachalltags so schwer, obwohl es so gut passt? „Saach blooß“ vermutet: Es könnte an der Konkurrenz liegen. In vielen Situationen lässt sich für „wirr“ oder „durcheinander“ genauso gut das Wort „heck ewelsch“ benutzen. Und auch das beliebte „letz“ kann – je nach Kontext – an dieselbe Stelle treten. „Du machscht mich ganz heckewelsch!“ und „Du machscht mich ganz letz!“ sind jedenfalls geläufige pfälzische Sätze, die der Variante „Du maschscht mich ganz worres“ den Garaus gemacht haben könnten. (Warum unter anderem das Wort „heckewelsch“ so beliebt ist, haben uns die Leser hier verraten: Loss die Hosse wackle! – die Pfälzer Lieblingssprüche der Leser.)

Heckewelsch und letz

Was „heckewelsch“ und „letz“ allerdings eher nicht schaffen: erotische Spannung zu verbreiten. „Du machscht mich ganz worres!“ könne auch heißen, da hat jemand Schmetterlinge im Bauch, ist also verliebt, erklärt Sieglinde Hammann-Neser und steht damit nicht allein. Dazu passt das Mini-(Erotik-)Drama, das Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern in ganzen 13 Wörtern schildert: „Treffen an der Bahnhofsuhr. Sie zu ihm: Dein Schnorres macht mich ganz worres!“

Wir wollen die allgemeine Verwirrung hier beenden und zur nächsten Folge kommen. Die soll dem „Knibbel“ gewidmet sein. Wir würden gerne erfahren: Wer benutzt das Wort „Knibbel“ noch und in welchem Zusammenhang? Was ist ein „Knibbel“? Wie entsteht ein „Knibbel“? Und wie ist wohl dieses originelle Pfälzer Wort entstanden? Und: Kennen Sie Redensarten mit „Knibbel“? Machen Sie sich also für die nächste Folge unserer Dialektserie gerne einen „Knibbel ins Hirn“ und schreiben Sie uns!

Lust auf mehr? Die vorherige Folge der Serie drehte sich um eine noch lange nicht vergessene Fertigkeit: Wer weiß noch, wie man „dengelt“?

Unsere Adresse

Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir den Ursprung von Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz und die Geschichten dahinter. Wir tun das mithilfe unserer Leser, ihres Sprachschatzes, ihrer alltäglichen Erfahrungen mit dem Pfälzischen und ihrer Erinnerungen. Schreiben Sie uns zum neuen Thema „Knibbel“ an „Saach blooß“, RHEINPFALZ am SONNTAG, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen oder per E-Mail an saachblooss@rheinpfalz.de.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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