Saach blooß – die Dialektserie „Des is awwer e Mords-Gummer“
Die „Gummer“ wächst ein wenig im Verborgenen. Das meinen wir jetzt gar nicht in erster Linie botanisch oder gartenbautechnisch, sondern wir beziehen das auf den aktiven Pfälzer Wortschatz. Die Gurke auf Pfälzisch ist im Pfälzer Sprachbewusstsein nicht (mehr) ganz so präsent wie die „Grumbeer“, die Kartoffel also, oder wie der „Persching“, der Pfirsich. Beide genießen in der Region so etwas wie sprachlichen Kultstatus. Und selbst, wenn wir in die Gärten und auf die Balkone schauen: Die „Gummer“ liegt da nicht so extrem im Trend wie die Tomate oder die Zucchini, die in diesen Wochen wieder allerorten in schier unerschöpflichen Mengen (und Größen) herangezogen werden – warum auch immer.
Wir fangen heute einmal damit an, was unsere Leserinnen und Leser
„Mit ämm Dibbelsche Senft“
Was sich aus der „Gummer“ dagegen hervorragend machen lässt, ist Salat. Und auch zum Einmachen in Gläsern eignet sich das Gemüse aus der Familie der Kürbisgewächse bestens. „Moi Oma“, schreibt Christa Holdermann aus Dudenhofen, „hott immer klääne Gummere oigemacht. Odder sie hott aus große Gummere Gummeresalaad gemacht – nadierlich mit ämm Dibbelsche Senft, damit die Gummere net so schwer im Maache lischen.“ Monika Schuster aus Ludwigshafen liefert prompt das Salatrezept: „Eine Gummer geschält, in dünne Scheiben geschnitten, mit Zwiebelstückchen, Pfeffer, Salz, Öl und Essig.“
Präsent ist die „Gummer“ also doch, wenn auch manchmal nur in der Erinnerung, zum Beispiel in der von Albert Steinmetz aus Maxdorf. „In der Generation meiner Großeltern war zu hören: Geh mol in de Keller un hol e Glas Gummere.“ Oder: „Die Dande is im Gaarde un holt sich e Gummer fers Middaagesse.“ Oder: „Des is awwer e Mords-Gummer.“ Gemeint ist: eine sehr große Gurke. (Mehr zur Vorsilbe „Mords-“ lesen Sie hier: „Warum die Pfälzer ein Mordsg’schiss machen“). Sieglinde Hammann-Neser aus Bisserheim hält die Gurkenfahne bis heute hoch: „Die beschde Gummre gebt’s jedes Johr im Gaade. Äfach lecker!“
Aktuelle Anwendungsbeispiele hat ebenso Gilda Moll aus St. Martin parat: „Desjohr hawwich lauter krumme Gummere geplanzt.“ Und: „Gequellte Grumbeere, Hausmacher Worscht un eigemachte Gummere sinn mei Leibspeis.“ Einen ähnlichen Geschmack haben „die Karin un die Elke vun de Haßlocher Sparkass“: „Am beschde is e Lewwerworschtbrot mit Essiggummrescheibe druff.“
Worscht un Dorscht
Da wir schon bei der Wurst sind: Natürlich hat auch die „Gummer“ – wie quasi alle Wörter, die wir in unserer Serie debattieren, – Niederschlag in einer Redensart gefunden:
„Hoscht du Hunger, beiß in die Gummer. Hoscht du Dorscht, beiß in die Worscht.“
Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern meint dazu: „Umgekehrt wäre es sinnvoller, da die Gommer (bei ihm mit ,o’) einen höheren Wassergehalt aufweist.“ Edelgard Oerther aus Oberotterbach weist dagegen auf Folgendes hin: „Mir gedenkt noch, dass früher die alten Bauern ein Stück sehr hart getrocknete Blutwurst einstecken hatten – ich kann mir vorstellen, wegen des Salzgehalts und gegen das Durstgefühl.“ Auf den Spruch hingewiesen hat außerdem Jürgen Steinmann aus Enkenbach-Alsenborn, der ihn aus seiner Kinderzeit kennt. Und auch Herbert Zwißler aus Ottersheim hat ihn früher von seiner Mutter zu hören bekommen. In seinem Wohnort sei außerdem die Variante „Gagummer“ anstelle von „Gummer“ verbreitet (gewesen), wie der Leser berichtet.
Ein Gesichtserker
Wenn auch, wie am Anfang erläutert, die „Gummer“ nicht im Sinne von „Loser“ zum Schimpfwort wird, so lassen sich auch mit der pfälzischen Version Schmähungen vermitteln. Dabei geht es dann aber um „Gummere“, die definitiv nicht im Verborgenen blühen. Die Leser formulieren es vorsichtig: „Als Gummer wird eine besondere Form der Nase bezeichnet“, schreibt Claus Becker aus Mauchenheim. Dieter Neubauer aus Wachenheim meint: „Die Gummer ist eine Gurke – meist aber ein hervorragender, ähnlich geformter Gesichtserker: die Nase.“ Manche wünschten sich, schreiben die Karin und die Elke, „ihre Gummer im Gesicht wäre etwas zierlicher ausgefallen“, und Hermann Grundhöfer aus Harthausen erklärt es so: „Eine etwas stärker ausgeformte Nase, die nicht gerade eine loriotsche Knollennase ist, wird als Gummer bezeichnet.“ Manchmal übrigens auch, so Thomas Stalla aus Grünstadt, als „Gumbel“. Manfred Bußemer aus Ramstein-Miesenbach bringt auch noch die Beschädigung der Gurkennase ins Spiel. Und zwar die versehentliche („Sie/Er is uff die Gummer gefall“) wie die absichtliche: „Ich hau der gleich eeni uff die Gummer!“
Die „masque au concombre“
Die Auflösung, wo die pfälzische „Gummer“ ihren Ursprung hat, ist den allermeisten Lesern, die uns geschrieben haben, geläufig. „Die Gummer kommt, glaube ich, aus dem Französischen – von concombre“, schreibt zum Beispiel Gudrun Eckl-Regenhardt aus Grünstadt. Und unter anderem Thomas Stalla verweist auf das noch ältere lateinische „cucumis“ für „Gurke“. Reinhard Hartmann mutmaßt: „Vermutlich aus der französischen Schweiz zusammen mit der Grumbeere eingeführt.“
Wir pflastern uns jetzt ein paar Gurkenscheiben rechts und links neben die Nasengurke – in Wertschätzung der französischen Austauschschülerin, die dasselbe schon lange vor dem Kosmetikboom im Haus von Doris Rittmann aus Birkenheide tat („masque au concombre“ nannte sie das). So bereiten wir uns auf die nächste Folge vor. Die soll sich um das Verb „peese“ oder „herumpeese“ drehen, vielleicht auch bekannt in der Variante „be(e)se“ mit „b“. Was bedeutet „peese“? Wer „peest“ wann? Benutzen Sie das Wort oder haben Sie es früher mal gehört? Schreiben Sie uns!
Die vorherige Folge unserer Dialektserie finden sie hier: „Pfälzer Dialekt legt bundesweit bei der Beliebtheit zu – liegt’s an der Zuckerschnuut?“
Die Serie & unsere Adresse
Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir Ursprung und Bedeutung von Redensarten und Begriffen aus der Pfalz und die Geschichten dahinter. Wir tun das mithilfe von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Ihres Sprachschatzes, Ihrer täglichen Erfahrungen mit dem Pfälzischen und Ihrer Erinnerungen. Schreiben Sie uns an: „Saach blooß“, RHEINPFALZ am SONNTAG, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen, E-Mail: saachblooss@ rheinpfalz.de.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.