Weintipp
Die Visitenflasche
Weinkenner reagieren unterschiedlich auf Flaschengrößen. Am unterschiedlichsten wohl bei Flaschen von 1,5 und 2 Litern. Dabei gibt es technisch gesehen keinerlei Unterschiede. Himmelweit ist jedoch der Abstand beim Renommee: Weinkellereien füllen gerne Plörre in zwei Liter fassende Flaschen. Sie stehen unten im Regal und kosten selten mehr als drei Euro – gefüllt! Ehrfurchtsvoll spricht man dagegen vom Inhalt einer „Magnum“, wenn das Glasbehältnis 1,5 Liter fasst. Hier handelt es sich meist um wertvolle Weine. Eine Magnum als Geschenk bedeutet nicht nur die doppelte Menge wie „normal“, sondern das dreifache Image.
Die „normale Flasche“ ist inzwischen die 0,75-l-Flasche. Das war nicht immer so. Denken wir wenige Jahrzehnte zurück, wurden nur ausgesuchte Qualitäten in die Dreiviertelliter (damals 0,7 Liter) gefüllt. Das Gros des Geschäfts waren Literflaschen, verkauft in Holzsteigen und – ökologisch sinnvoll – nach Gebrauch zur Wiederverwendung zurückgebracht. Das war kein Problem, denn, Überraschung: Sie sahen alle gleich aus; nur auf den Inhalt kam es an. Merkwürdige Idee oder?
Heute gilt Wein in der Literflasche als Zechwein oder einfacher Alltagswein. Als Verkoster kann man allerdings bei manchen Erzeugern den Eindruck gewinnen, in der Literflasche landet als Resteverwertung alles, was zu Besserem nicht taugt.
Das sehen andere Weingüter anders: Ihr Literwein wird ebenso gepflegt wie ihr Topwein, denn er ist die Visitenkarte des Hauses. Wer etwas auf sich hält, muss auch beim Literwein zeigen, was er kann. Deshalb kürt der Vinum-Weinführer jährlich die zehn besten Literweine. In diesem Jahr kommt die Nummer 1 aus der Südpfalz vom Weingut Gies-Düppel und hat die Auszeichnung auf jeden Fall verdient. Der trockene Riesling aus dem Jahrgang 2021 braucht nicht mehr als 12 Prozent Alkohol, um viel Saft und Frucht für wenig Geld zu bieten. Einziges Problem: Er ist nur noch begrenzt vorhanden.
Der Wein
Preis: 6,50 Euro ab Hof, Weingut Gies-Düppel, Birkweiler, Telefon 06345/919156, www.gies-dueppel.de
Der Autor
Jürgen Mathäß ist Weinjournalist und Seminarleiter, er war Chefredakteur verschiedener Weinzeitschriften und ist Experte für Pfälzer Weine sowie für die Weine der iberischen Halbinsel und Südamerikas. Seit 2007 schreibt alle zwei Wochen den „Weintipp“ für die RHEINPFALZ am SONNTAG. Er lebt in Landau-Arzheim.

Dürfen wir nachschenken?
Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter „Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.
Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.

