Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Deutschland, ein Sommermärchen: Erinnerungen an die WM 2006

So etwas wie Public Viewing gab es vor 2006 nicht. Ronald Reng sagt: „Ohne die Atmosphäre auf den Fanmeilen wäre kein Sommermärc
So etwas wie Public Viewing gab es vor 2006 nicht. Ronald Reng sagt: »Ohne die Atmosphäre auf den Fanmeilen wäre kein Sommermärchen möglich gewesen.«

Wer an die WM 2006 denkt, denkt an Sonne und Party. Das Turnier veränderte Deutschland. Ronald Reng reist in seinem neuen Buch 20 Jahre zurück. Ein Interview mit ihm.

Herr Reng, wo haben Sie das WM-Eröffnungsspiel am 9. Juni vor 20 Jahren erlebt?
Ich saß in einem Münsteraner Restaurant vor dem Fernseher, wobei die Atmosphäre etwas gewöhnungsbedürftig für ein Spiel der deutschen Nationalelf war: um mich herum waren lauter holländische Fußballfans.

Gehören Sie zu denjenigen, die noch vom Sommermärchen schwärmen?
Nein, aber es bleibt als schöne Erinnerung im Hinterkopf. Die Idee zu dem Buch kam mir, weil Freunde in der jetzigen Weltsituation mit Kriegen und imperialistischem Denken öfter melancholisch darüber nachdachten, wie schön es vor 20 Jahren gewesen war. Ich wollte wissen: War die Welt vor 20 Jahren wirklich besser? War die überwältigende Leichtigkeit im Juni 2006 wirklich Ausdruck eines optimistischen Zeitgeistes oder war es nur ein Partysommer? Und siehe da, Deutschland hatte 2006 eigentlich auch gravierende Probleme, etwa eine Arbeitslosigkeit von elf Prozent. Aber das Sommergefühl hat alles übertüncht.

Waren Sie beim letzten Vorrundenspiel der Spanier gegen Saudi-Arabien im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern?
Ja, als ich in Kaiserslautern ankam, war ich allerdings nach zwei WM-Wochen schon so platt, dass ich mich einfach nur in das Café gegenüber dem Bahnhof setzte, statt durch die Stadt zu flanieren. Dann bin ich viel zu früh ins Stadion gefahren, um dort in Ruhe eine Telefoninterview mit Johan Cruyffs Sohn Jordi über Spaniens Kreativfußball zu machen. Ich fürchtete, wenn ich im Bahnhofscafé das Telefoninterview führen würde, könnte mir in einer fußballverrückten Stadt wie Kaiserslautern ein Café-Gast mitten ins Interview platzen: „Telefonieren Sie gerade wirklich mit Jordi Cruyff?!“ Also telefonierte ich lieber im Stadion mit Cruyff und langweilte mich danach dort Stunden, bis es endlich losging.

Autor Ronald Reng.
Autor Ronald Reng.

Wie war die Stimmung in Kaiserslautern, dem einzigen WM-Stadion mitten in der Stadt?
Es herrschte im Stadion eine für den Betzenberg völlig untypische Stimmung: Die Leute waren entspannt wie bei einem Picknick an einem lauen Sommerabend. Ich kannte den Betze bis dahin nur als Hexenkessel bei Spielen des 1. FC Kaiserslautern. Doch dieses WM-Spiel war bedeutungslos, da Spanien schon fürs Achtelfinale qualifiziert und die Saudis bereits ausgeschieden waren, zudem waren wenige Fans aus den beiden Ländern anwesend, so wurde es Fußball ohne Aggressivität, und die Einheimischen im Stadion genossen einfach das elegante spanische Spiel. Ich wusste gar nicht, dass die Pfälzer das können: Fußball schauen, ohne emotional durchzudrehen (lacht).

Bei der Heim-WM 2006 verdrängte die Leichtigkeit hohe Arbeitslosenzahlen und Wirtschaftskrise, die Welt fühlte sich zu Gast bei Freunden.
Die Hochstimmung entstand nicht zufällig, sondern war von langer Hand geplant. Die Politik investierte so viel Geld und Mühe in die WM-Organisation wie nie zuvor. Die WM sollte mehr werden als ein fantastisch organisiertes Sportturnier, nämlich ein Gesellschaftsereignis, dass der Welt Deutschland als weltoffenes, fröhliches und wirtschaftlich fähiges Land präsentierte. Die Deutschen wiederum sollten sehen, in welch liebenswertem und funktionierendem Land sie lebten. Die Fanfeste bildeten den perfekten Rahmen, um das Sportereignis von den Stadien hinaus in die Städte zu tragen. Das war ein Novum, dass eine Weltmeisterschaft in den Städten gefeiert wurde. Zur lässigen Stimmung trug auch das durchdachte, deeskalierende Polizeikonzept bei.

Wie?
Die Polizei in Kaiserslautern flanierte, ohne schusssichere Westen und geschulterte Maschinengewehre, in ihren damals noch grünen Uniformen, Eis essend durch die Fanzone. Auch Kampagnen wie „Du bist Deutschland“, „Die Welt zu Gast bei Freunden“ oder Werbeslogans, die Deutschland als Investitionsstandort anpriesen, zeigten Wirkung und führten dazu, dass sich die Fröhlichkeit aus dem Volk heraus in vollem Maße entfalten konnte.

Welche sportlichen Höhepunkte trugen zum Flair des Sommermärchens bei?
Damit die Stimmung das ganze Land ansteckte, brauchte es weniger glanzvolle deutsche Siege als kurze Augenblicke, die das Publikum überwältigten. Und da gab es 2006 aus deutscher Sicht gleich drei: das wunderschöne Tor von Philipp Lahm in den ersten Minuten des Eröffnungsspiels gegen Costa Rica, das Last-Minute-Tor gegen Polen und der Moment, als Torwart Jens Lehmann beim Elfmeterschießen gegen Argentinien einen Spickzettel aus dem Stutzen holte und dann zwei Elfmeter parierte. Für mich steckt vor allem in dem Tor gegen Polen der Zauber jenes Sommers: Aus dem Nichts wurde alles rosig. Niemand außer Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte in David Odonkor, der den Treffer vorbereite einen Nationalspieler gesehen. Fußball ist am stärksten, wenn etwas völlig Unerwartetes passiert, wenn das Glück plötzlich um die Ecke kommt und einen anspringt.

Das Public Viewing feierte 2006 Weltpremiere. Ein Faktor, um Deutschland schweben zu lassen?
Von allen Maßnahmen bei jener WM war Public Viewing die entscheidende. Die Weltmeisterschaft fand nicht mehr nur für Fans mit Eintrittskarten in den Stadien statt, sondern als Event für alle in den Städten. Auch Nicht-Fußballfans gingen in die Stadt, um zu schauen, was dort los war, ob irgendwo Mexikaner oder Iraner feierten. Fußball wurde ein Anlass, um sich zu treffen, ähnlich wie das Kuchenessen beim Geburtstag. Im Buch zitiere ich den Erfinder des Public Viewings, einen Soziologen aus Hamburg. Er vergleicht Public Viewing mit dem Flanieren, wie es der Philosoph Walter Benjamin beschreibt: Die Flaneure schlendern durch die Stadt, um zu sehen, was los ist, und wollen gleichzeitig gesehen werden. Ohne die Atmosphäre auf den Fanmeilen wäre kein Sommermärchen möglich gewesen.

Im Buch erzählen Sie Geschichten hinter dem Fußball: Ulrich Krämer landet mit seinen Fancamps in der Insolvenz, die junge Türkin Tuğba Tekkal entdeckt Fußball als Tor zur Freiheit, Flo Weber komponiert den WM-Hit der Sportfreunden Stiller in der Studenten-WG, der Astronaut Thomas Reiter schwebt während des Halbfinals zwischen Deutschland gegen Italien völlig losgelöst im All.
Für das Buch wollte ich die großen, gesellschaftlichen Themen von 2006 durch persönliche Geschichten illustrieren. Zum Beispiel feierte damals im Zensus des Deutschen Amts für Statistik die Kategorie „Migrationshintergrund“ seine Premiere. Gleichzeitig berichteten Zeitungen von Migranten, die die deutsche Fahne schwenkten und das deutsche Team anfeuerten. Da lag es auf der Hand, mit einem Migrantenkind zu reden. Ich habe die Jesidin Tuğba Tekkal als Zeitzeugin gefunden, deren Eltern ihr als Mädchen das Fußballspielen aus traditionellen Gründen verbieten wollten. Fußball zu spielen, empfand sie aber als einzige Chance, in Deutschland dazuzugehören, also spielte sie heimlich und wurde Bundesligaspielerin.

Sie führten Interviews und Hintergrundgespräche mit rund 60 Personen. Gab es Absagen und schafften es Personen nicht ins Buch?
Ja, beides. Gerhard Schröder und Angela Merkel sagten mir ab, Merkel verwies auf ihre Autobiografie. Auch Jürgen Klopp, der damals als Fernseh-Fußballexperte die große Entdeckung war, wollte nicht mit mir reden. Vielleicht weil ihn nach der WM 2006 der Blues überkam: Er fühlte sich nicht mehr als Fußballtrainer ernstgenommen, sondern glaubte, alle sähen in ihm nur noch den Erzählonkel.

Wenn sich der 18-jährige Julian Nagelsmann, Bankdrücker Thomas Hitzlsperger, Coach Jürgen Klinsmann oder Fußballerin Alexandra Popp an ihre persönlichen Sommererlebnisse erinnern – welche Geschichten überraschten Sie am meisten?
Kaputt gelacht habe ich mich, wie mir Alexandra Popp erzählte, dass sie 2006 mit 15 schon für die Jugendnationalmannschaft der Mädchen spielte, aber gar nicht realisierte, dass es so etwas wie professionellen Frauenfußball gab. Sie dachte, so eine WM gebe es nur für Männer. Überrascht hat mich Jürgen Klinsmann. Er erzählte mir ausführlich etwas von sich, was noch völlig unbekannt war: sein familiäres Verhältnis zur DDR. Die Familie seines Vaters kam aus der DDR, die Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen lebten weiterhin in Hohenwutzen im Oderbruch, direkt an der polnischen Grenze. Jürgen Klinsmann verbrachte als Kind seine Ferien jeden Sommer in der DDR.

Die Sommermärchen-Affäre rund um die dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro und Franz Beckenbauers Rolle streifen Sie nur kurz im Schlusskapitel. Warum?
In dem Buch versuche ich den Leser wieder in den Sommer 2006 zu versetzen und tue deshalb als Autor bewusst so, als wären wir auf dem damaligen Wissensstand: In dem Buch halten wir also Nokia-Handys für das Nonplusultra, finden es völlig normal, dass die deutsche Bahn immer pünktlich ist – und niemand kann sich vorstellen, dass bei der WM-Vergabe Bestechung im Spiel war. Stattdessen schwebt Franz Beckenbauer als Lichtgestalt im Hubschrauber über Deutschland und ist an einem Tag in drei verschiedenen Stadien präsent, ohne einen Schweißtropfen zu vergießen. Erst im Schlusskapitel richte ich den Blick aus der heutigen Zeit auf das Jahr 2006.

„Ein Tor liefert Menschen hemmungslos ihren Gefühlen aus, ein Tor lässt uns glauben, Glück könne explodieren. Ein Tor ist der Moment, in dem alles anders wird.“ So beschreiben Sie im Buch das erlösende Tor gegen Polen. Passt das zusammen: Fußball-Romantik versus Kommerzialisierung und Technologisierung?
Widersprüche sind die Würze im Leben. Wäre alles in unserem Dasein eindeutig schwarz oder weiß, wäre es ja langweilig. So ist Franz Beckenbauer einerseits das strahlende Gesicht der Weltmeisterschaft, als Organisationschef hatte einen hohen Anteil daran, dass wir diesen Sommer erlebten. Andererseits muss man akzeptieren, dass bizarre Geldzahlungen von seinem Konto offenbar über Umwege bei Fifa-Funktionären landeten. So viel Differenzierung muss man schon aushalten können.

Der Autor

Ronald Reng, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebte viele Jahre als Sportreporter und Autor in Barcelona und London. Zuletzt erschien sein Buch „1974. Eine deutsche Begegnung“, die historische Aufarbeitung des einzigen Fußball-Länderspiels zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Sein neues Buch „Der deutsche Sommer. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ (416 Seiten, 25 €, Piper) erinnert an ein Fußballfest, das vor 20 Jahren ein ganzes Land nachhaltig veränderte. Reng lebt seit vielen Jahren in Südtirol.

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