Landtagswahl RHEINPFALZ Plus Artikel Der Nachbar aus der Staatskanzlei: Alexander Schweitzer will Landesvater bleiben

Soll für die Sozialdemokraten die Landtagswahl gewinnen: Alexander Schweitzer (52).
Soll für die Sozialdemokraten die Landtagswahl gewinnen: Alexander Schweitzer (52).

Gewinnt SPD-Spitzenkandidat Alexander Schweitzer die Landtagswahl am 22. März, bleibt er Ministerpräsident der 4,1 Millionen Rheinland-Pfälzer.

Alexander Schweitzer hat ein Brett vor dem Kopf, passiert ja jedem mal von Zeit zu Zeit. Gerade in der Politik sind die Bretter in den vergangenen Jahren ohnehin gefühlt immer mehr geworden, besonders die dicken. In diesem Fall hängt das Regal über der Theke des Hirzeckhauses etwas zu tief für den Mann, der über zwei Meter misst. Schweitzer, eine Küchenschürze umgebunden, den dünnen Pulli über die Schultern gelegt, lässt sich nicht beirren. Gelassen schiebt er dem Gast der Pfälzerwaldhütte das Tagesessen über den Tresen, eine Portion Chili con Carne. Zielgenau trotz des Bretts vorm Kopf. Und so ist es, wie so oft, in der Politik wie auch im echten Leben: Manchmal muss man navigieren, ohne schon das Ziel vor Augen zu haben. Für Schweitzer kein Problem als Sohn eines Binnenschiffers, zumindest was das Chili con Carne angeht.

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Der Wahlkampf hat an diesem stürmischen Junimittag des vergangenen Jahres noch nicht begonnen, zumindest nicht offiziell. Schweitzer, 52, ist zu diesem Zeitpunkt knapp ein Jahr im Amt des Ministerpräsidenten. Malu Dreyer hatte ihren Rückzug verkündet und erklärt, dass der Südpfälzer ihr Nachfolger werden solle. Schweitzer weiß, es sind Termine wie dieser im Wald bei Bad Bergzabern, dem südpfälzischen Städtchen, in dem er mit seiner Familie lebt, die wie gemacht sind für einen Landesvater. Wo lässt sich mehr Volksnähe demonstrieren als bei der Ausgabe von Weinschorle? Und trotz aller Lockerheit, wenn Schweitzer beispielsweise davon erzählt, seine Mutter habe ihm gesagt, er müsse sich jetzt anstrengen, nachdem sie davon erfahren hatte, ihr Sohn solle der neue Ministerpräsident werden, wird deutlich: Dieser Mann will schon jetzt nichts dem Zufall überlassen, wenn er sich am 22. März das erste Mal als Ministerpräsident dem Wahlvolk stellen wird.

Beim Besuch im Hirzeckhaus nahe seinem Wohnort Bad Bergzabern übernimmt der Ministerpräsident einen Hüttendienst , schenkt hinte
Beim Besuch im Hirzeckhaus nahe seinem Wohnort Bad Bergzabern übernimmt der Ministerpräsident einen Hüttendienst , schenkt hinterm niedrigen Tresen Weinschorle ein, gibt Essen aus.

Wer dieses zusammengebastelte Bundesland regieren möchte, muss die Menschen hier verstehen – so unterschiedlich die regionalen Mentalitäten sein mögen zwischen Schweich und Speyer, Mayen und Wörth. Rheinland-Pfalz ist arm an großen Städten. Das Leben auf dem Land ist für die meisten die Lebenswirklichkeit, das Dorfbild ist entscheidender als das Stadtbild. Deshalb gehört zum Stellenprofil eines Ministerpräsidenten hier eben auch immer die Fähigkeit, in den Köpfen das Bild zu erzeugen, er sei der Nachbar, der die Mülltonnen rausstellt und die Geranien gießt, wenn es für einen in die Sommerfrische geht. Man kennt sich eben.

Schweitzer hatte mit Kurt Beck und Malu Dreyer zwei Sozialdemokraten als Lehrmeister, die das politische Konzept des guten Nachbarn perfektioniert haben. Über Beck hieß es ja, er habe jedem Rheinland-Pfälzer die Hand geschüttelt, man war irgendwann selbst so weit, diese Geschichte zu glauben. Und Malu Dreyer? Die absorbierte mit ihrem einnehmenden Lächeln jede mögliche Kritik. Ihr flogen die Herzen der Menschen zu, obwohl sie politische Inhalte schon recht bald hinter sich ließ.

Schweitzer hat sich einiges von seinen beiden Vorgängern abgeschaut. Er sagt: „Kurt Beck spielt eine sehr große Rolle in meiner politischen Biografie. Ich überlege oft, was er tun würde. Er hat mir auf jeden Fall beigebracht, dass es keine kleinen Themen gibt.“ Schweitzer hat verinnerlicht, dass sich auch ein Regierungschef für keine Veranstaltung zu schade sein sollte. Und so bekommt auch der Kleintierzuchtverein Insheim ein Grußwort, wenn das gewünscht wird. Nah bei de Leut’ sein, dieses Erfolgsrezept der rheinland-pfälzischen SPD soll auch ihn nun zum Wahlsieg tragen.

„Kurt Beck hat mir beigebracht, dass es keine kleinen Themen gibt.“

– Alexander Schweitzer

Doch manche sind sich nicht ganz sicher, ob das in ihm steckt, diese Wärme, diese Unverstelltheit, um Volkes Liebling werden zu können. Eine Schweitzer persönlich wohlgesonnene Christdemokratin, ja, die gibt es in Rheinland-Pfalz, hat mal erzählt, er sei manchmal etwas entrückt, nicht greifbar, eben kein Vergleich mit den politischen Fußbodenheizungen Dreyer und Beck, an denen sich die Bürger wärmten. Muss sich Schweitzer die Volksnähe manchmal abringen? Ist das öffentlich von ihm gezeichnete Bild des gut gelaunten Landesvaters, der an Türen klingelt, Hunde streichelt, Dorffeste besucht, echt? Wer ist der Mann also, der dieses schöne Bundesland weiter regieren möchte?

Klassische Aufsteigerbiografie

Vielleicht hilft ein Blick auf den Lebensweg weiter. Schweitzer hat eine klassische Aufstiegsbiografie, die als Blaupause für sozialdemokratische Werbeprospekte dienen könnte. Als der Südpfälzer, verheiratet, drei Kinder, Jurist, das erste Mal dauerhaft festen Boden unter den Füßen hat, ist er sechs Jahre alt. Bis zu seiner Einschulung in Ingenheim, einem kleinen Örtchen bei Landau, war er jahrelang auf dem Rhein unterwegs. Schweitzers Vater war Steuermann, mit seinem Binnenschiff transportierte er Baustoffe und Heizöl. „Das war keine gewöhnliche Kindheit. Und die Erfahrungen auf dem Schiff haben mich sehr geprägt“, hat Schweitzer mal erzählt. Er habe gesehen, wie hart manche Menschen arbeiten, um über die Runden zu kommen. Seine Eltern seien politisch immer interessiert gewesen. Aber Politik selbst machen? „Das war weit weg und eher was für Leute, die studiert haben. Aber gerade das hat mich neugierig gemacht.“ Zum Eintritt in die SPD habe ihn letztendlich der aufkommende Rechtsradikalismus Ende der 80er-Jahre bewegt.

Im Sommer 2024 hat Alexander Schweitzer das Regierungsamt von Malu Dreyer übernommen.
Im Sommer 2024 hat Alexander Schweitzer das Regierungsamt von Malu Dreyer übernommen.

Wenige Wochen nach dem Hüttendienst sitzt Alexander Schweitzer, nun mit vollem Ornat, also mit Anzug und weißem Hemd, in einem Eiscafé am Marktplatz von Bad Bergzabern. Er wirkt gelöst an diesem Vormittag. Schweitzer sagt, er sei sehr bei sich, freue sich auf die kommenden Aufgaben. „Ich habe Sie schon öfter im Fernsehen gesehen“, sagt ein Mann von der Seite. Schweitzer grinst, fragt, was er hier mache in der Südpfalz. Nur zu Besuch sei er, berichtet der Mann, sein Elternhaus stehe in Annweiler. Er sei aber schon lange weg, beruflich rumgekommen, lange in Afrika gewesen. Schnell sind Schweitzer und der Herr mit der Brille und dem großen Mitteilungsbedürfnis beim Du. Pfälzer halt.

Spitzname: Alexander, der Große

Es wirkt, als sei für Schweitzer das Gespräch ein Beleg dafür, dass seine Taktik aufgeht. Vor wenigen Tagen erst war er in seiner neuen Rolle bei Markus Lanz im ZDF gewesen, in dessen Sendung schon zahlreiche Spitzenpolitiker vom lächelnden Talkmaster gefoltert wurden. Für Schweitzer lief es milde ab, vielleicht galt ja noch der Welpenschutz für den neuen Landesvater. Jedenfalls, erzählt Schweitzer, habe er viele positive Rückmeldungen erhalten nach seinem Auftritt. Dem Südpfälzer ist es in der Tat innerhalb kurzer Zeit gelungen, gefühlt auf allen Kanälen zu sein: bei Miosga, dem Morgenmagazin, der SWR-Landesschau sowieso. Wäre es nicht so abwegig, könnte man angesichts der Omnipräsenz auf die Idee kommen, Schweitzer lasse in einer Werkshalle im Bad Bergzaberner Industriegebiet Doppelgänger von sich fertigen. Modellname: Alexander, der Große. Das ist sein Spitzname im politischen Mainz, nicht alle meinen ihn nett. Doch Schweitzer weiß: Der Goldstandard für einen Ministerpräsidenten ist der Bekanntheitsgrad, auch das hat er von Beck und Dreyer.

„Kurt Beck spielt eine sehr große Rolle in meiner politischen Biografie“, sagt Schweitzer über den ehemaligen Landesvater. Hier
»Kurt Beck spielt eine sehr große Rolle in meiner politischen Biografie«, sagt Schweitzer über den ehemaligen Landesvater. Hier ein Bild vom SPD-Landesparteitag 2012.

Das Politikgeschäft hat Schweitzer von der Pike auf gelernt. Er war SPD-Ortsvereinsvorsitzender und Gemeinderatsmitglied. 2006 wurde er erstmals in den Landtag gewählt. In Mainz machte er schnell Karriere: Staatssekretär, Generalsekretär, Minister, Fraktionschef, wieder Minister. Und nun Ministerpräsident. Als die SPD ihn 2020 erneut als Kandidaten für seinen Wahlkreis Südliche Weinstraße nominierte, war auch Dreyer zu Gast. Sie sagte: „Er kann gut reden. Das Wort ist wie gemacht für Alexander.“ Schweitzer ist ein guter Redner, keine Frage. Er kann rhetorisch zwischen Filetmesser und Machete wechseln, diese Geschmeidigkeit haben nur wenige, besonders im oft so behäbigen rheinland-pfälzischen Politikbetrieb. Für viele Beobachter gilt Schweitzer auch als einer, der seine SPD nicht nur auf der Funktionärsebene denkt, sondern die Sozialdemokratie in ihrer Grundausrichtung prägen möchte. Er ist in der Partei gut vernetzt, auch bundesweit, spricht ihre Sprache. Schweitzer hat bei der Mainzer Ampelkoalition auch immer betont, die könne nur funktionieren, wenn alle, SPD, Grüne und FDP, ihre sichtbaren Erfolge hätten. Mit Blick auf das Ampel-Chaos in Berlin hat er in den vergangenen Jahren einen auffälligen Sicherheitsabstand zur Bundespartei eingenommen und tut das bis heute, als handele es sich um den schrägen Onkel, der auf Familienfeiern immer zu viel trinkt und sich dann danebenbenimmt.

Dass die SPD ein strukturkonservatives Land, wie Rheinland-Pfalz so gerne bezeichnet wird, einst erobern und bis heute halten konnte, lag vor allem an zwei Dingen. Die Genossen hier waren nie solche, die im Uniseminar ihr politisches Weltbild erarbeitet haben, sondern häufig da draußen, vor allem im dörflichen Leben, im Alltag vieler Rheinland-Pfälzer – der ländliche Raum als Machtzentrum. Die SPD in Rheinland-Pfalz suchte zudem nie nur Partner im linken Spektrum, lange regierte sie allein mit der FDP. Pragmatismus vor Parteiideologie.

Gewinnt er, wäre der Pfälzer einer der mächtigsten Männer in der SPD.

Doch auch die rheinland-pfälzische SPD ist nicht mehr ohne Schrammen. Seit nunmehr 35 Jahren regiert sie das Land. Das hat etwas mit diesem Land gemacht, auch mit der Partei, und eben nicht nur Gutes. Der Umgang mit der tödlichen Ahrflut, allen voran das dröhnende Schweigen der doch sonst so mitfühlend wirkenden Landesmutter Malu Dreyer, hat viele empört, den Eindruck erweckt, wonach man es offenbar nicht mehr für nötig hält, sich für etwas zu rechtfertigen. Denn die Partei hat immer recht. Schweitzer hat das Problem im Blick. Nicht umsonst vermeidet er im Wahlkampf allzu große Nähe zu seiner Vorgängerin.

Auf Rettungsmission für die SPD

Ende Januar, der Wahlkampf ist inzwischen offiziell eröffnet, er läuft im Grunde seit Weihnachten auf Hochtouren. An diesem Sonntagnachmittag wird ein neues Sozialzentrum in Bad Bergzabern eingeweiht. Auch der Ministerpräsident ist da, was sonst, ein Heimspiel. Schweitzer kommt gerade aus Koblenz, hat sich dort mit Verteidigungsminister Boris Pistorius getroffen. Und gute Nachrichten mitgebracht, sie laufen bereits über die Agenturen. Das Beschaffungszentrum der Bundeswehr bleibt in der Stadt. Das sichere Arbeitsplätze, sagt Schweitzer. Es sind Sätze, die Ministerpräsidenten gerne sagen, besonders wenn eine Wahl ansteht.

Schweitzer ist Fan von Oasis, dort heißt es im Lied Wonderwall: „Because maybe you’re gonna be the one that saves me“. Denn vielleicht wirst du derjenige sein, der mich rettet. Schweitzer ist auf Rettungsmission, für sich und auch die SPD. Er hat angekündigt, er werde nicht als Minister in eine Koalition in Mainz eintreten, sollte die Wahl in die Hosen gehen. Gewinnt er, wäre der Pfälzer einer der mächtigsten Männer in der SPD. Es gibt ja nur noch wenige Sozialdemokraten hierzulande, die Wahlsiege einfahren können, deswegen richten viele Genossen in der ganzen Republik nun ihren Blick auf Rheinland-Pfalz. Schweitzer jedenfalls ist auf klarem Kurs Richtung Wahltag. Daran wird ihn auch kein Brett vorm Kopf hindern, so wie auch nicht im Hirzeckhaus.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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