Landtagswahl RHEINPFALZ Plus Artikel Bald Ministerpräsident? Gordon Schnieder, der Bodenständige aus der Eifel

Der 50-jährige Gordon Schnieder aus der Eifel ist Fraktions- und Landesparteichef der CDU.
Der 50-jährige Gordon Schnieder aus der Eifel ist Fraktions- und Landesparteichef der CDU.

Gewinnt CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder die Landtagswahl am 22. März, hätte er den Fluch gebrochen, der seit dem Machtverlust 1991 auf der Partei lastet.

Gordon Schnieder ist nicht ganz 16 Jahre alt, als 1991 der Westerwälder SPD-Politiker Rudolf Scharping in die Mainzer Staatskanzlei einzieht. Nach 44 Jahren an der Macht hat die CDU Rheinland-Pfalz die Landtagswahl krachend verloren. Nur wenige Monate zuvor hat die Heimatpartei von Bundeskanzler Helmut Kohl noch mit deutlichem Abstand in den Umfragen geführt. Gerade erst ist Kohl, der 1969 bis 1976 selbst Ministerpräsident des Landes gewesen war, „Kanzler der Einheit“ geworden. Gordon Schnieder, ein Schüler aus Birresborn in der Vulkaneifel, zehn Autominuten südlich von Gerolstein, bewundert Kohl. Mit 15 ist der Sohn eines CDU-Kommunalpolitikers in die Junge Union eingetreten. Mit 16 dann wird er Parteimitglied.

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Wer von Ludwigshafen nach Birresborn im dünn besiedelten Landesnorden will, hat eine zweieinhalbstündige Autofahrt vor sich – 220 Kilometer. Die Eisenbahnzüge, die in Birresborn ankommen, fahren in zwei Richtungen weiter: Trier oder Köln. 1086 Seelen zählt das waldreiche Dorf. Es erstreckt sich entlang der Kyll, einem Nebenfluss der Mosel, und liegt zwischen hohen Bergen. Der höchste ist die Rödelkaul. Sie ist mit 592 Metern über Normalnull 272 Meter höher als der Bahnhof von Birresborn. In der fischreichen Kyll kann man ab April Fliegenfischen. Die Eishöhlen von Birresborn, der Vulkan Kalem – pures Idyll. Das schmucke Einfamilienhaus der Familie Schnieder liegt an einem Hang, von dort aus gibt es einen wunderbaren Blick über das beschauliche Dorf, dessen Bürgermeister er bis 2019 war – so wie auch schon sein Vater Hans-Josef, der 2010 gestorben ist. Wenn Gordon Schnieder daheim ist, geht er am liebsten in den Wald und wandert. „Hier tanke ich Kraft“, sagt Schnieder, dessen Arbeitsort seit 2016 die Landeshauptstadt Mainz ist. Seit jenem Jahr ist er Landtagsabgeordneter.

Blick über Birresborn von einem der Hänge des Eifelorts.
Blick über Birresborn von einem der Hänge des Eifelorts.

Szenenwechsel: Nur 350 Meter von der rheinland-pfälzischen Regierungszentrale in Mainz, in der Kaiser-Friedrich-Straße 3, hat Schnieder sein Büro als Fraktionschef der Landes-CDU. Es ist ein geräumiges, aber nüchternes Zimmer mit modernen Möbeln und einem großen Konferenztisch. An der Wand hängt ein abstraktes Schwarz-Weiß-Gemälde von der Kreuzigungsszene auf Golgata. Das C in CDU ist dem 50-Jährigen, der Messdiener war und auch im Kirchenchor sang, die Basis. „Für mich ist es wichtig zu wissen, da gibt es noch höhere Verantwortung und eine höhere Kraft, vor der auch ich mich irgendwann verantworten muss.“

„Eine Stärke von mir ist, dass ich ruhig bleibe.“

Dass der Eifelaner Schnieder nun hier sitzt und nicht etwa der Pfälzer Christian Baldauf, der nach der verlorenen Wahl 2021 zunächst Partei und Fraktion weiterführte, ist das Ergebnis eines von so vielen Führungswechseln in der jahrzehntelangen Oppositionszeit der Partei. Auch wenn öffentlich niemand aus der Führung das schmutzige Wort Putsch benutzen würde – Baldauf trat nicht ab, weil er amtsmüde gewesen wäre. Schnieder habe, so erzählen es Gewährsleute, zwar den Sturz nicht initiiert. Er sei zunächst auch nicht die treibende Kraft gewesen. Aber als es dann auf ihn zulief, stand der Mann, der 2016 erstmals in den Landtag eingezogen war, bereit.

Hohe Erwartungen

„Eine Stärke von mir ist, dass ich ruhig bleibe“, sagt Schnieder über sich selbst. „Ich nehme Dinge, wie sie sind. Und schaue, wie wir damit umgehen.“ Nervös zu werden, erhöhe die Gefahr, Fehler zu machen.

Dem 50-Jährigen ist nicht anzumerken, wie hoch die Erwartungen an ihn sind. Seine Herausforderung als Spitzenkandidat der Landtagswahl 2026 hat historische Dimensionen. Seit Rudolf Scharping 1991 die schwarze Burg Rheinland-Pfalz erobert hat, konnte die CDU Rheinland-Pfalz, die in den 1970er- und 1980er-Jahren Ergebnisse über 50 Prozent eingefahren hatte, keine Landtagswahl mehr gewinnen. Nach Carl-Ludwig Wagners Niederlage gegen Scharping scheiterten alle CDU-Herausforderer der SPD: Johannes Gerster, Christoph Böhr, Julia Klöckner und 2021 zuletzt auch Christian Baldauf, als nur noch 27,7 Prozent der Zweitstimmen auf die CDU entfielen. Nun also, im Jahr 2026, will Gordon Schnieder, seit April 2023 Oppositionsführer im Landtag und seit September 2024 auch Landesparteichef, die rote Burg, die Scharpings Nachfolger gebaut haben, schleifen.

Birresborn, ein idyllisch gelegener Ort in der Vulkaneifel, ist katholisch geprägt, das historische Feldkreuz steht am Waldrand
Birresborn, ein idyllisch gelegener Ort in der Vulkaneifel, ist katholisch geprägt, das historische Feldkreuz steht am Waldrand oberhalb des 1086-Seelen-Orts.

Schnieders – typisch moselfränkische – ruhige, bodenständige Art ist sein Markenzeichen. Bundeskanzler Friedrich Merz, der Schnieder durch gemeinsame Termine reichlich Wahlkampfhilfe gibt, lobt, er kenne niemanden, der so bodenständig sei. Will heißen: Einer, der ist; keiner, der nur scheint. Der Kandidat selbst ist überzeugt, dass die Rheinland-Pfälzer genau diese Art schätzen. „Ich mache, so wie ich bin. Dieses Sachliche verbindet eben auch. Und die Menschen, habe ich den Eindruck, wollen dieses Verbindliche. Die wollen mit dem Gefühl rausgehen: Ich nehme es ihm ab. Der macht sich die Arbeit.“

Er sei jemand, der gerne entscheide und auch gerne schnell entscheide, er sei auch mal ungeduldig, wenn es in einer gewissen Zeit nicht laufe. „Ich weiß aber, dass ich nur mit einem ruhigen und klaren Kopf nachdenken und entscheiden kann. Das steckt in mir drin“, so Schnieder.

„Wir waren mal Bildungsspitzenreiter unter Bernhard Vogel.“

Schnieders politische Positionen liegen rechts der Mitte – ob bei innerer Sicherheit oder auch Bildung. Zur zentristisch-liberalen „Angela-Merkel-Fraktion“ seiner Partei gehört er sicher nicht. Seine Weltsicht ist sein ganzes Leben lang in Birresborn geprägt worden. Der Eifelort ist tief konservativ. Die CDU und zwei Wählergruppen gibt es im Gemeinderat, die SPD hat genau null Sitze. Dass Politik vor Ort funktionieren muss, ist Schnieders Mantra. Die Orts- und Kreisebene kennt der 1,93 Meter große verheiratete dreifache Familienvater nicht nur als Politiker aus dem Effeff. Er ist studierter Finanzwirt, war stellvertretender Kämmerer des Eifelkreises Bitburg-Prüm und Leiter der Kommunalaufsicht.

Phönixsprudel ist nicht mehr

Wie schwer es ist, Dinge politisch voranzubringen, weiß Schnieder aus der Heimat nur zu gut. Die Bausubstanz in Birresborn ist teils in die Jahre gekommen. Das Hotel zur Krone im Ortszentrum atmet den Charme der 1980er-Jahre. Der Ort hat mehr Nahversorgung als so manch anderes Dorf im Land, aber auch nicht im üppigen Maß. Es gibt einen Bäcker, einen Frisör und sogar einen Fahrradladen. Die Grundschule wird renoviert. Die eigene Sprudelfabrik – Phönixsprudel – gibt es nicht mehr.

Wer Schnieder in seinem Büro in Mainz oder in seinem Heimatkreis begleitet, dem fällt auf: Der 50-Jährige hört gut zu, drängt sich bei Terminen in Gruppen – anders als manche Spitzenpolitiker – nicht in den Vordergrund. Er lächelt gern. Er ist kein Lautsprecher. Er ist auch kein Vielsprecher. Seine Worte sind knapp und klar. Verletzend zu reden, entspricht nicht seinem Stil. Schmähungen des Gegners überlässt er seiner Abteilung Attacke um Johannes Steiniger, den Generalsekretär der Landes-CDU. Überhaupt, sein Team: Schnieder versuche, so viele wie möglich einzubinden, ist aus Parteikreisen zu hören. Das führe zwar dazu, dass er die Aufmerksamkeit mit vielen teile, aber so habe er die Partei auch zusammengeführt, zumindest so weit, dass im Moment alle durch das Ziel, die Wahl zu gewinnen, geeint sind.

Friedrich Merz hat bereits mehrfach den CDU-Spitzenkandidaten unterstützt, hier in Neustadt/Wied. Im Hintergrund ist auch Patric
Friedrich Merz hat bereits mehrfach den CDU-Spitzenkandidaten unterstützt, hier in Neustadt/Wied. Im Hintergrund ist auch Patrick Schnieder zu sehen, Gordon Schnieders älterer Bruder. Er ist Bundesverkehrsminister im Kabinett Merz.

Niemand will über alte Narben reden. Auch der Frankenthaler Christian Baldauf sagt: „Ich schätze Gordon Schnieders authentische und bodenständige Art.“ Sie sei ein großer Pluspunkt für die CDU, um den Politikwechsel zu schaffen, „den unser Land dringend braucht“. Schnieder selbst betont, dass er sich sehr auf „General“ Steiniger und den Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Marcus Klein, stütze. Zwei Pfälzer also, der eine aus Bad Dürkheim, der andere aus dem Kreis Kaiserslautern. Der eine managt den Wahlkampf, der andere leitet hinter den Kulissen die Arbeit der Fraktion.

Zu Schnieders engen Fraktionskollegen zählt auch der Pfälzer Dirk Herber. Der Mußbacher saß ab 2016 neben Schnieder im Landtag und brachte dem Eifelaner die Rieslingschorle im Dubbeglas nahe. Zuletzt hat Schnieder sogar dem Kanzler Dubbegläser geschenkt, erzählt er schmunzelnd.

Schnieder macht im Wahlkampf vor allem eins zu schaffen, auch wenn er das nicht gerne zugibt: Er ist im Vergleich zu seinem Kontrahenten, Ministerpräsident Alexander Schweitzer von der SPD, wenig bekannt. Auf der Bundesbühne spielte er bisher keine Rolle. Sie liegt ihm auch nicht. Die Zuspitzungen, mit denen da gearbeitet wird, missfallen ihm: „Ich bin überzeugt, wir müssen endlich den öffentlichen Streit sein lassen. Dass die Menschen meinen, wir würden uns zanken – das macht Vertrauen kaputt.“

Der Ortskern von Birresborn: In der St.-Nikolaus-Kirche war Gordon Schnieder als Junge Messdiener, auch heute besuchen er und se
Der Ortskern von Birresborn: In der St.-Nikolaus-Kirche war Gordon Schnieder als Junge Messdiener, auch heute besuchen er und seine Familie hier die Messe.

Ob in der Bundes- oder in der Landespartei – es gibt Stimmen in der CDU, die fragen, ob Schnieder nicht zu bodenständig, ja, zu „langweilig“ sei. Ob er nicht ein bisschen mehr wie ein lebenslustiger Pfälzer agieren müsste. Ein bisschen langsam sei dieser Wahlkampf, heißt es dann. Richtig ist: Immer wenn Schnieder gefragt wird, wie er sich zu einer Frage positioniert, tendiert er zu einer Sowohl-als-auch-Antwort. In einem Instagramvideo auf einem Weihnachtsmarkt antwortet er auf die Frage, ob er die Bratwurst rot oder weiß möge: rot-weiß!

Schnieder ficht nicht an, dass sich mancher mehr Pfeffer von dem Kandidaten wünscht, der daheim gerne kocht – Lieblingsgericht Tafelspitz mit Meerrettichsoße. Und es gibt durchaus klare Positionierungen Schnieders, auch zu Bundesthemen. Den Vorstoß, das Recht auf Teilzeitarbeit abzuschaffen, hat er als „Schnapsidee“ abgekanzelt: „Wir sind eine Partei, die auf Anreize statt auf Verbote setzt.“

Aber im Zweifel neigt er eben zur moderaten Formulierung, will damit unnötige Stürme im medialen Wasserglas vermeiden. Und so bleibt die Frage: Reicht das zum Sieg, den Umfrage-Vorsprung zu „verwalten“?

Ortstermin in Gerolstein: Gordon Schnieder (links) im Eiscafé Café di Piu zusammen mit den Cafébetreibern und Parteifreund Winfr
Ortstermin in Gerolstein: Gordon Schnieder (links) im Eiscafé Café di Piu zusammen mit den Cafébetreibern und Parteifreund Winfried Wülferath (rechts), der Bürgermeister werden will.

Sollten ihm die Wähler das nötige Mandat schenken, weiß Schnieder seine Familie hinter sich. Schon jetzt muss sie den Vater mit der Partei teilen. Zwei der Kinder des 50-Jährigen sind noch in der Schule. Mindestens eine Stunde und 50 Minuten dauert es von Mainz nach Birresborn mit dem Auto. Als Schnieder Fraktionschef wurde, hat er versprochen, mindestens ein Wochenende im Monat ganz daheim zu sein. Das sei leider nur ein paar Mal geglückt. Aber dank Handy ist der Papa erreichbar. Hilfe hat die Familie, weil Schnieders Mutter mit im Haus wohnt, übrigens das (inzwischen renovierte) Elternhaus, in dem Schnieder selbst als jüngstes von vier Geschwistern – drei Brüder und eine Schwester – aufwuchs.

Wer Schnieder beobachtet, erkennt bei ihm zumindest bisher keine Stresssymptome. „Draußen zu sein und den Kontakt zu den Menschen zu haben, das macht Spaß“, sagt er. Freude machte ihm auch jüngst die TV-Fasnachtssitzung „Mainz bleibt Mainz“. Da war er als Kapitän verkleidet, hielt das symbolische Steuerrad ganz fest in der Hand. Wohin die Reise unter Kapitän Gordon ginge? Ein für ihn besonders wichtiges Thema: „Wir waren mal Bildungsspitzenreiter unter Bernhard Vogel. Und jetzt reden wir über Polizei in der Schule, so weit sind wir gekommen. Wir müssen es umkrempeln.“

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