Filz
Neue Enthüllungen: Wie tief steckt die AfD im Sumpf der Vetternwirtschaft?
„Deutschland. Aber normal.“: Mit diesem Slogan hat die Alternative für Deutschland (AfD) ihr Parteiprogramm zur Bundestagswahl 2021 überschrieben. Das Abgrenzen von anderen gehört zum Gründungsmythos der Rechtspopulisten. Vertreter der Partei inszenieren die AfD gerne als Gegenentwurf zu den angeblich von Filz durchzogenen Mitbewerbern. Ihnen ginge es nur um die Interessen der Bürger.
Seit einigen Wochen ist dank Recherchen verschiedener Medien klar: So ganz genau scheinen es auch Politiker der AfD mit der Filz-Ferne nicht zu nehmen. Insbesondere im Landesverband Sachsen-Anhalt vermische sich Berufliches mit Privatem. Gleich mehrere Abgeordnete im Landtag beschäftigen Recherchen von SPIEGEL und t-online zufolge Verwandte von Parteifreunden.
Die RHEINPFALZ hat in diesen Tagen über den Fall Ulrike Beckmann berichtet. Sie ist Mutter des Parlamentarischen Geschäftsführers der AfD im Land, Damian Lohr – und festangestellte Mitarbeiterin der Landtagsfraktion. All das ist legal. All das kennzeichnet allerdings ein Gebaren, das die AfD bei anderen in der Vergangenheit entschieden verurteilt hat.
Einer, der besonders laut gegen Vetternwirtschaft gewettert hat, rückt nun selbst in den Fokus: Sebastian Münzenmaier, AfD-Fraktionsvize im Bundestag. Der 36-jährige stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Rheinland-Pfalz hatte etwa dem damaligen Vizekanzler Robert Habeck „grünen Filz“ vorgeworfen. Hintergrund waren Compliance-Vorwürfe gegen Habecks Staatssekretär Patrick Graichen. Die Grünen würden sich „den Staat zur Beute“ machen. Die AfD werde das beenden.
Münzenmaiers Frau ist bei der AfD beschäftigt
Am Donnerstagabend nun bestätigte Münzenmaier dem SWR, dass seine Ehefrau Kathrin B. bei dem AfD-Europaabgeordneten Alexander Jungbluth in Lohn und Brot steht. In eigener Sache äußert sich Münzenmaier gnädiger als bei Habeck. Seine Frau sei lange in der AfD, bei der Tätigkeit für Jungbluth könne er kein Problem erkennen.
Jan Bollinger, Spitzenkandidat der AfD zur Landtagswahl, sieht das genauso. Am Rande einer Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag in der Südwestpfalz sagte er auf Anfrage der RHEINPFALZ: „Für uns zählen nur Eignung, Leistung und Befähigung.“ Die Berichterstattung über Vetternwirtschaft bei der AfD habe „Kampagnencharakter“. Er gehe davon aus, dass jeweils eine für die Einstellung entsprechende Qualifikation vorgelegen habe.
Auch Reinhild Boßdorf in Lohn und Brot bei der AfD
Wie der SWR berichtet, hat Alexander Jungbluth eine weitere in der AfD bestens bekannte Mitarbeiterin: Reinhild Boßdorf. Sie sei eine der Assistentinnen des Abgeordneten. Die Frau ist nicht nur Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf und reichweitenstarke Influencerin, sondern auch Gründerin der AfD-nahen Frauengruppe „Lukreta“, die ein völkisches Frauenbild vertritt.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in dieser Woche im Interview mit der RHEINPFALZ zur AfD-Vetternwirtschaft gesagt: „Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gerne ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen.“