Meinung
Lotto Rheinland-Pfalz: Schwarz-Rot vergeigt den Start
Ein winziger Moment des Zweifels hätte genügt, sich einmal tief in die Augen zu schauen und zu fragen: Ist das wirklich richtig und sinnvoll, was wir da vorhaben? Offenbar hat es aber keinerlei Störgefühle geweckt, als die Verhandler von CDU und SPD vor einigen Wochen vereinbaren, dass Lotto Rheinland-Pfalz nichts dringender braucht als eine politisch besetzte Doppelspitze – mit jeweils einem Vertreter der beiden Koalitionspartner.
Als öffentlich wird, was Christ- und Sozialdemokraten vorhaben, fliegt ihnen diese Idee um die Ohren. Die Entrüstung darüber, dass neben einem sehr gut bezahlten Geschäftsführerposten ein zweiter gleichberechtigter entstehen soll, ist enorm. Schwarz-Rot zieht erschrocken zurück. Der Preis für dieses Manöver ist hoch: Der SPD-Kandidat Hendrik Hering ist blamiert und beschädigt. Der CDU-Mann Christian Baldauf, der den Laden allein schmeißen muss, startet mit einer gewaltigen Hypothek.
Politisches Taktgefühl: Fehlanzeige
Tatsächlich spricht es für wenig politisches Taktgefühl, wenn Spitzenleute beider Lager nun versuchen, ihren Fehltritt als rein kommunikatives Missgeschick zu verkaufen. Das wirkt, als wollten sie nicht verstehen, warum das Thema die Menschen im Land triggert.
Wenn Verantwortliche stattdessen angestrengt versuchen, das doppelte Lott(o)chen als unglaublichen Gewinn für Sport, Kultur und Ehrenamt in Rheinland-Pfalz zu verkaufen, zeigt das vor allem eins: Sie haben den Schuss nicht gehört. Es ist der bei vielen aufkeimende Verdacht, dass Politik den Staat zum Selbstbedienungsladen erklärt – genährt beispielsweise auch von der Debatte um den nun ausgeschiedenen Lotto-Geschäftsführer (und SPD-Mann) Jürgen Häfner, der für diesen Job als Staatssekretär Sonderurlaub bekam und über Jahre fette Versorgungsansprüche als Beamter sammelte. Das haben in Mainz beide Parteien ignoriert oder übersehen: die Regierungsneulinge der CDU genauso wie die vermeintlichen Profis von der SPD.
Kontrolle über den Aufsichtsrat
Dabei ist der Grundgedanke einer politischen Begleitung des staatlichen Lotteriebetriebs sogar nachvollziehbar. Jedes Jahr schüttet Lotto einen dreistelligen Millionenbetrag an den Landeshaushalt und andere Berechtigte aus – da will man als Mehrheitsgesellschafter (51 Prozent) mitreden. Logisch. Tatsächlich sollte dafür aber der Aufsichtsrat doch vollkommen ausreichen, in dem Politik und die Sportbünde als Minderheitsgesellschafter (49 Prozent) ohnehin vertreten sind.
Rheinland-Pfalz geht als eines von wenigen Ländern den Weg, den oder die Manager an der Lotto-Spitze nicht aus der freien Wirtschaft zu holen. Eine Anfrage bei den 15 weiteren staatlichen Spieleanbietern der Republik zeigt: Sie setzen zum größten Teil längst auf Führungskräfte aus Unternehmenskreisen. Darunter sind Kaufleute, Finanzexperten, Banker sowie ehemalige Mitarbeiter aus der Beraterbranche. In einigen Fällen mischen sich politische und wirtschaftliche Erfahrung. Nicht selten läuft es nach Angaben der Lotto-Gesellschaften einfach so, wie’s in Unternehmen üblich ist: Ein Job wird ausgeschrieben, es folgt das Bewerbungsverfahren und dann setzt sich (hoffentlich) die oder der Beste durch. Hierzulande zählen Leutseligkeit und Stallgeruch offenbar (noch) mehr als Professionalität und Branchenkenntnis.