Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Lotto: Wie es jetzt mit dem Unternehmen weitergeht

Der Aufsichtsrat der Lotto GmbH wird sich am Donnerstag mit der Personalie Baldauf befassen.
Der Aufsichtsrat der Lotto GmbH wird sich am Donnerstag mit der Personalie Baldauf befassen.

Die Doppelspitze bei Lotto ist passé. Am Donnerstag bestellt der Aufsichtsrat voraussichtlich den Pfälzer und CDU-Politiker Christian Baldauf als alleinigen Geschäftsführer.

Pfälzer gelten als gesellig, lebensfroh und offen. Häufig sind sie Fans des 1. FC Kaiserslautern. Zwischen Rhein, Reben und Rüben aufgewachsen zu sein, bringt eine gewisse Leutseligkeit mit sich. Christian Baldauf ist Pfälzer. Insofern verwundert es kaum, dass die Ambitionen des Christdemokraten aus Frankenthal auf einen Spitzenposten im Dunstkreis der neuen schwarz-roten Landesregierung ein offenes Geheimnis waren. Dass einer, der 2021 als CDU-Spitzenkandidat ins Rennen gehen durfte und jahrelange Erfahrung als Partei- und Fraktionschef hat, sich mindestens als Minister sieht – das war vor der Landtagswahl bekannt. Nach dem 22. März und rund um Sondierungs- und Koalitionsgespräche stand insofern die Frage im Raum: Was soll’s werden: das Justiz-, das Innen- oder das Wirtschaftsressort?

Sein Parteifreund, der damals noch künftige Ministerpräsident Gordon Schnieder, hat den 58 Jahre alten Rechtsanwalt also mit dabei, als er am 12. Mai einen Tag nach der SPD seine Regierungsmannschaft vorstellt. Ministerinnen und Minister, Staatssekretärinnen und Staatssekretäre werden andere. Dem Mann, den er 2023 als Fraktions- und 2024 auch als Parteivorsitzender abgelöst hat, möchte Schnieder einen speziellen Job anvertrauen: Christian Baldauf, heißt es an diesem Tag, soll Geschäftsführer von Lotto Rheinland-Pfalz werden – des Glücksspielunternehmens, das zu 51 Prozent dem Land und zu 49 Prozent den regionalen Sportbünden gehört.

Doppelspitze durchgestochen

Das wahrscheinliche Motiv hinter diesem Schachzug: Schnieder hat damit den früheren starken Mann der rheinland-pfälzischen CDU, der sich nach der Palastrevolution gegen ihn an Weihnachten 2022 unfreiwillig ins zweite Glied zurückziehen musste, mit einer attraktiven Aufgabe versorgt. Gleichzeitig hält der neue Ministerpräsident seinen ehemaligen Konkurrenten vom operativen Regierungsgeschäft fern. Sehr wahrscheinlich muss Christian Baldauf zudem für den Lotto-Job sein im März erfolgreich verteidigtes Landtagsdirektmandat aufgeben.

Was Schnieder zu diesem Zeitpunkt als Chefverhandler der CDU weiß, was aber bis vergangene Woche unter der Decke bleibt: Routinier Baldauf soll die gut dotierte Aufgabe – die Rede ist von einem Jahressalär um die 180.000 Euro – nicht alleine übernehmen. Geplant ist eine Doppelspitze mit dem altgedienten SPD-Landespolitiker Hendrik Hering (62) aus dem Westerwald. Als dieser Plan öffentlich wird, explodiert er den neuen Koalitionspartnern in der Hand. Schwarz-Rot sieht sich massiver Kritik gegenüber: von Opposition und Steuerzahlerbund, aus den eigenen Reihen und in den Kommentarspalten des Internets sowie der Medien.

Hering will nicht mehr

Hering beugt sich dem öffentlichen Druck und zieht zurück. Am Freitagnachmittag vor Pfingsten fasst das zuständige Finanzministerium zwei turbulente Tage trocken in einem knappen Satz zusammen: „Der Aufsichtsrat der Lotto GmbH wird sich mit einem Personalvorschlag befassen.“ SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer bedauert diese Entwicklung am Mittwoch. Er sieht sie als Folge einer „kommunikativen Unwucht, die ich schwierig finde“. Die Folge: Am Donnerstagmittag wird also nicht das von den Koalitionspartnern Geplante passieren. Dem Kontrollgremium, dem Mitglieder der Landesregierung und Vertreter der Sportbünde angehören, liegt dann nur ein Name vor: der von Christian Baldauf.

Zur Begründung der ursprünglich geplanten Doppelspitze verweisen Gesprächspartner vergangene Woche neben ihrem Wert für Sport, Kultur und Ehrenamt gerne auf Beispiele außerhalb von Rheinland-Pfalz und deren teils mehrköpfige Lotto-Chefetage. Die RHEINPFALZ hat deshalb die Glücksspielunternehmen der Bundesländer angeschrieben, die Anzahl der Geschäftsführer abgefragt und sich nach den Eigentumsverhältnissen erkundigt. Gestellt haben wir darüber hinaus die Frage, wie stark der Einfluss der Politik auf Personalentscheidungen an der Unternehmensspitze ist und wie die Auswahl geeigneter Manager organisiert ist.

Festzuhalten ist: Dass wie in Rheinland-Pfalz Sportverbände Anteile an den Lotto-Gesellschaften halten, stellt bundesweit die Ausnahme dar. Außer im Saarland (Land: 57,14 Prozent, Landessportverband 42,86 Prozent) und Niedersachsen, wo Sportbund und Fußballverband des Landes mit im Boot sind, agieren die übrigen Bundesländer direkt oder über Beteiligungsfirmen als alleinige Gesellschafter. In Thüringen ist die Staatslotterie eine Anstalt des öffentlichen Rechts im Geschäftsbereich des Finanzministeriums, in Bayern gehört sie zur Staatlichen Lotterie- und Spielbankverwaltung.

Besonderheit in Bayern

Dass zur Steuerung der staatlichen Glücksspielgeschäfte zwei Chefs gebraucht würden, diese Notwendigkeit sehen nach RHEINPFALZ-Recherche acht der 15 Länder und Stadtstaaten neben Rheinland-Pfalz – darunter das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen, aber auch Niedersachsen und das Saarland, wo die zwei Geschäftsführer auch die Konzerntochter Saarland-Spielbank GmbH zu verantworten haben – was wiederum in Sachsen ein Manager allein erledigt.

Beim Punkt der Politiknähe der Gesellschaften verweisen einige der Angefragten direkt an ihre jeweiligen Finanzministerien. Dass aktive Politiker oder politische Beamte auf den lukrativen Posten landen, das gibt es aber nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch andernorts: In Thüringen etwa ist ein ehemaliger SPD-Staatssekretär Geschäftsführer. Oft mischt sich die politische mit der Erfahrung in der freien Wirtschaft. In NRW steuern erfahrene Führungskräfte aus dem Finanz- und Bankensektor das Spiel mit den Glückszahlen und die Verwendung der damit erwirtschafteten Millionen.

Hier greift das sogenannte Lotto-Prinzip: Von 8,3 Milliarden Euro Spieleinsätzen in ganz Deutschland flossen 2025 rund vier Milliarden als Gewinn an Teilnehmer von Lotto, Eurojackpot oder Keno. Steuern, Abgaben und sogenannte zweckgebundene Erträge fließen an die Landeshaushalte und andere Destinatäre. Im vergangenen Jahr seien mit rund 3,3 Milliarden Euro Projekte in den Bereichen Soziales, Sport, Kunst, Kultur, Denkmalpflege und Umweltschutz gefördert worden. 70 Jahre lang war Lotto Rheinland-Pfalz übrigens einer der Hauptsponsoren der zweitklassigen Roten Teufel vom Betzenberg, bis ein privater Glücksspielanbieter 2024 mehr Geld auf den Tisch legte. Beim Erstligisten Mainz 05 spielt Lotto jedenfalls eine deutlich sichtbare Rolle. Ein Fall für den Pfälzer Christian Baldauf, in dessen Privatauto seit jeher ein FCK-Wimpel baumelt. Deutlich sichtbar.

Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU)
Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU)
Christian Baldauf (CDU)
Christian Baldauf (CDU)
Hendrik Hering (SPD)
Hendrik Hering (SPD)
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