Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel „Außerhalb des Protokolls“: Christos Helfer aus Mainz

dauscher

Der Tod des Weltbürgers Christo am vergangenen Sonntag hat bis tief in die Provinz Anteilnahme ausgelöst. Wer ein Foto von sich und dem 1995 verhüllten Reichstag besitzt, postete es in die sozialen Netzwerke. Und wer, wie der Mainzer CDU-Politiker Johannes Gerster (79), gar eine Bundestagsinitiative zu Christos Berliner Projekt gestartet hatte, erinnerte daran auf Facebook. Sein Name steht tatsächlich an erster Stelle einer langen Liste von Abgeordneten auf der Bundestagsdrucksache 12/6767 vom 3. Februar 1994. Christo möge gestattet werden, den Reichstag vor dessen Umbau zwei Wochen lang zu verhüllen, beantragten die Volksvertreter.

Rita Süssmuth war ebenfalls dafür

26 Jahre und ein wichtiges Kunsterlebnis später wirkt er wie eine reine Formsache. Aber das war er mitnichten. Gerster selbst erinnert daran, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ein entschiedener Gegner des Projekts gewesen sei. Unterstützt wurde es dagegen von der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), die bekanntlich auch in anderen Fragen nicht auf Kohls Wellenlänge lag. Der spätere Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) gehörte ebenfalls zu den Unterstützern.

Wie tief der Riss war, den das Ansinnen Christos und seiner Frau Jeanne Claude quer durch die Fraktionen im Bundestag zog, ist in den Plenarprotokollen des Bundestags nachzulesen. In der entscheidenden Debatte am 25. Februar 1994 brachten sich namhafte Gegner in Stellung, etwa der im März gestorbene FDP-Politiker Burkhard Hirsch, damals Vizepräsident des Bundestages. „Es sollte und es muss in unserem Land noch Dinge geben, die für private Vergnügungen nicht zur Verfügung stehen. Es ist wichtig, dass der Reichstag dazugehört“, sagte er. Die Reichstagsverhüllung tat er als reine „PR-Kampagne“ ab.

Schäuble fürchtete um die demokratische Geschichte und Kultur

Der heutige Bundestagspräsident und damalige CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble enthielt sich einer solchen Wertung: „Das ist keine Entscheidung über Kunst. Niemand von uns wird sich anmaßen wollen zu entscheiden, ob das Vorhaben von Christo künstlerisch sinnvoll ist oder nicht.“ Aber er warnte: „Bedenken Sie die Gefahr, dass das Vertrauen zu vieler Mitbürger in die Würde unserer demokratischen Geschichte und Kultur Schaden nehmen könnte.“

Ihm entgegnete der damalige Hamburger SPD-Abgeordnete Freimut Duve: „Das sanfte Signal, das von einer Verhüllung ausgehen kann und das jeder verschieden interpretiert (...) ist sicher auch eine Antwort auf die Wunden unserer Geschichte, Herr Kollege Schäuble.“ Das Projekt passe zu einer „neuen deutschen demokratischen Gelassenheit“.

Die Mehrheit als Spitzenkandidat blieb Gerster versagt

Am Ende stimmten 292 Abgeordnet für Gersters Antrag, 223 waren dagegen. Damit hat sich der Politiker, der von 1993 bis 1997 an der Spitze der CDU Rheinland-Pfalz stand, um die Weltoffenheit der Bundeshauptstadt verdient gemacht. In seiner Heimat war ihm aber kein Wahlerfolg vergönnt. 1996 unterlag er als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl.

Sommer 1995: Kletterer rollen die Verhüllungsplanen für den Berliner Reichstag ab.
Sommer 1995: Kletterer rollen die Verhüllungsplanen für den Berliner Reichstag ab.
Johannes Gerster
Johannes Gerster
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