Rheinland-Pfalz Am Rande: Kohl, Reimann und die Prestigeduelle

Der 2. Dezember 1990 war für die Ludwigshafener Sozialdemokraten ein rabenschwarzer Tag. Pechschwarz. Denn der seit Jahrzehnten von ihr souverän gehaltene Bundestagswahlkreis Ludwigshafen ging damals erstmals an die CDU verloren: Bundeskanzler Helmut Kohl hatte als Direktkandidat im Wahlkreis Ludwigshafen nach vier vergeblichen Anläufen endlich die bisher tiefrote Hochburg erobert und die „Sozen“ in seiner Heimatstadt gedemütigt. Das war für ihn eine innere Genugtuung, über die er gerne zufrieden schmunzelte. Geschlagen geben musste sich der damalige rheinland-pfälzische SPD-Spitzenkandidat und Gewerkschafter Manfred Reimann, der zuvor zweimal – 1983 und 1987 – gegen Kohl gesiegt hatte. Die Niederlage hat Reimann lange geschmerzt, richtig verwunden hat er sie wohl nie. Die Entscheidungen ums Direktmandat, die vom Wähler per Erststimme getroffen wird, sind Prestigeduelle; auf die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag haben sie keinen Einfluss – diese hängen von der Zweitstimme ab. Deshalb geht es bei den Prognosen der Meinungsforscher auch immer darum, wie die Wähler mit ihrer Zweitstimme votieren werden. Wissenschaftlern aus Mannheim, Berlin und Zürich hatten vergangene Woche aber nun auch erstmals Erststimmen-Prognosen für alle 299 Wahlkreise geliefert. Dafür teilten sie die Wahlkreise in vier Kategorien von „offen“ bis „sicher“ ein: „Wir sehen den Wahlausgang in einem Wahlkreis als offen an, wenn keiner der Kandidaten eine Gewinnwahrscheinlichkeit von mindestens 65 Prozent erreicht“, erklärt Thomas Gschwend, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim. Für Rheinland-Pfalz kam dabei heraus: Als „sicher“ beziehungsweise „wahrscheinlich“ erschien den Wissenschaftlern ein Sieg des CDU-Direktkandidaten in neun Wahlkreisen, darunter Südpfalz, Neustadt-Speyer und Pirmasens. Eine „Tendenz“ für die CDU machten sie in vier Wahlkreisen aus, darunter in Ludwigshafen/Frankenthal. Als „offen“ ermittelten sie das Rennen lediglich in zwei Wahlkreisen, einer davon war Kaiserslautern, wo die Meinungsforscher für den SPD-Direktkandidaten Gustav Herzog „nur“ eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 58 Prozent errechneten. Doch das reichte: Herzog gewann gestern gegen CDU-Mitbewerber Xaver Jung das Direktmandat mit 33,9 zu 31,3 Prozent. Und Ludwigshafen/Frankenthal? Der Wahlkreis fiel wieder an die CDU, aber diesmal ganz knapp mit nur 444 Stimmen Vorsprung – ein Prestigesieg.