Böhl-Iggelheim
Einsatz für Kirche und Kultur: Verdienstmedaille des Landes für Gisela Singer
Laudatoren greifen gerne zur Formulierung „für langjährige Verdienste“, wenn sie eine Auszeichnung verleihen. Bei Gisela Singer aus Böhl-Iggelheim reichen diese Worte allerdings kaum aus, denn die 87-Jährige hat die Verdienstmedaille des Landes für mehr als fünf Jahrzehnte ehrenamtliches Engagement erhalten. Seit sie 1970 in die Ortsgruppe Böhl der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (KFD) eingetreten ist, setzt sie sich unermüdlich für kirchliche, karitative und soziale Zwecke ein.
Die Auszeichnung, die ihr SGD-Süd-Präsident Hannes Kopf im Mai in Neustadt überreichte, habe sie dennoch sehr überrascht, erzählt die aktive Seniorin. „Es hat mich schon gefreut“, sagt sie. Zumal der Vorschlag vom CDU-Landtagsabgeordneten Johannes Zehfuß gekommen sei, den sie schon als Messdiener gekannt habe. Doch es liegt Gisela Singer so gar nicht, ihr Engagement an die große Glocke zu hängen. Ihr ist es einfach ein Bedürfnis, etwas zu tun und unter die Leute zu gehen. „Ich bin ein kommunikativer Mensch“, erklärt die Geehrte.
Das muss seinerzeit wohl auch den KFD-Mitgliedern aufgefallen sein. Denn kaum war die damals 31-Jährige mit ihrem Mann nach Böhl gezogen, wurde sie schon angesprochen, ob sie nicht in den Verband eintreten wolle. Und noch im gleichen Jahr übernahm sie dort Verantwortung. „Bei der nächsten Wahl war ich Vorsitzende“, berichtet sie lachend.
Gerne die Verantwortung übernommen
Bis 1967 war die in Hettenleidelheim aufgewachsene Pfälzerin als Finanzbeamtin in Ludwigshafen tätig. Danach kümmerte sie sich zunächst um ihre drei Kinder. Und als diese alt genug waren, dass sie wieder ihren Beruf hätte aufnehmen können, wurden nacheinander mehrere Angehörige pflegebedürftig. So blieb Gisela Singer zu Hause und übernahm die Pflege.
„Die geistigen Aktivitäten sollten nicht ganz einschlafen“, begründet die 87-Jährige, warum sie sich gern für ehrenamtliches Engagement gewinnen ließ. Und so blieb es nicht nur beim KFD-Vorsitz in Böhl. Zwölf Jahre lang übernahm sie auch die KFD-Leitung im Dekanat Speyer Süd. Sie stellte nicht nur Jahr für Jahr ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine, sondern kümmerte sich auch um die Vorbereitung der Frauenmessen, Maiandachten und weiterer Gottesdienste.
Von 1975 bis 2012 war Gisela Singer Mitglied im Pfarrgemeinderat sowie im Gemeindeausschuss von Allerheiligen Böhl. Sie engagierte sich als Lektorin, Kommunionhelferin sowie Sakristanin und stand stets für Krankenbesuche und Geburtstagsgratulationen zur Verfügung.
Gelebte Ökumene
Wichtig ist der Katholikin ausdrücklich auch die ökumenische Zusammenarbeit, etwa der ökumenische Weltgebetstag der Frauen, das ökumenische Adventsgebet oder der ökumenische Weihnachtsmarkt in Böhl, den sie viele Jahre mit organisierte. Im Jahr 1975 gehörte sie zudem zu den Initiatoren des Ökumenischen Hungermarsches in Böhl, der bis heute alljährlich stattfindet. Beim ökumenischen Brunnenfest, beim Erntedank und beim Johannisfest am Feldkreuz war sie ebenfalls aktiv.
Bis vor einigen Jahren organisierte die 87-Jährige zudem Europaabende, bei denen sie den zahlreichen Teilnehmern jedes Mal ein anderes EU-Land auf informative und unterhaltsame Art näherbrachte. „Das hat viel Recherche erfordert“, sagt Singer. Doch sich in Themen einzulesen, ist etwas, das sie bis heute sehr gerne tut.
Aus Liebe zu Büchern
Schließlich hat sie neben dem kirchlichen Engagement eine weitere Leidenschaft: die Literatur. Und diese liest sie nicht nur gerne, sondern seit etwa 30 Jahren hält sie auch Vorträge. „Mit den biblischen Frauen habe ich angefangen“, erzählt die Böhlerin. Diese würden meist verschwiegen, hat sie festgestellt. Deswegen begann sie zunächst bei Veranstaltungen der KFD über Frauen wie Ruth und Noemi, Rebecca oder Judith zu sprechen.
Später kamen Dichterinnen und Dichter hinzu, und Gisela Singer wurde regelmäßig von der Volkshochschule Kaiserslautern als Referentin eingeladen. „Die Leute hören mich gern“, freut sich die Seniorin. Auch bei ihren literarischen Vorträgen hat die Böhlerin oft die Frauen in den Mittelpunkt gestellt, da viele Dichterinnen ihrer Ansicht nach zu wenig gewürdigt werden. Gelesen habe sie schon immer gerne, sagt Singer. „Mein Vater hat mir den Schiller in die Hand gedrückt, da war ich zehn oder elf Jahre“, erinnert sie sich. Und die Liebe zum Buch habe ein Leben lang gehalten.
„Heimisch im Garten der Worte“ hat sie ihr breit gefächertes Repertoire überschrieben. Diese Formulierung vereine, was ihr Freude bereite – die Literatur und ihr Garten am Ortsrand von Böhl. Und von beidem kann sie nicht lassen, auch wenn sie offiziell ihre Vortragstätigkeit eingestellt hat. Erst vor kurzem hat sie in Bad Dürkheim wieder über Annette von Droste-Hülshoff referiert. Sie könne dann doch nicht widerstehen, gibt die 87-Jährige zu.
Auch bei der KFD ist sie immer noch aktiv. Allerdings möchte sie nur noch als Ehrenvorsitzende gesehen werden. „Ich arbeite jetzt in einem Team von sieben Personen“, betont die fünffache Groß- und dreifache Urgroßmutter. Gerne möchte sie den Jüngeren das Feld überlassen und sich auch mal etwas Ruhe gönnen. Ihre Zeit weiß sie trotzdem immer sinnvoll zu füllen. Gute Bücher, die gelesen und erforscht werden wollen, gibt es schließlich noch genug.