Saarbrücken / Berlin Alles zur Bundestagswahl im Saarland: Wer kommt rein, wer bleibt draußen

Im fernen Berlin ist es natürlich lange nicht so schön wie „dehemm“ im Saarland, so wie hier an der Saarschleife. Dennoch bewerb
Im fernen Berlin ist es natürlich lange nicht so schön wie »dehemm« im Saarland, so wie hier an der Saarschleife. Dennoch bewerben sich eine ganze Reihe von Saarländern um einen Sitz im Deutschen Bundestag. Sieben bis zwölf von ihnen könnte der Sprung gelingen.

Lafontaine, Kramp-Karrenbauer, Wagenknecht– die goldenen Jahre sind vorbei. Im neuen Bundestag werden die Saarländer auf den hinteren Bänken Platz nehmen.

Das waren noch Zeiten! Als Angela Merkel Deutschland regierte, da saßen am Ende auf den wichtigsten Posten ihres Kabinetts ausschließlich waschechte Saarländer: Heiko Maas (SPD) als Außenminister, Peter Altmaier als Wirtschaftsminister und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) als Verteidigungsministerin. Kramp-Karrenbauer hatte Merkel zudem als CDU-Vorsitzende abgelöst und schickte sich an, selbst Kanzlerin zu werden.

Und von den Oppositionsbänken aus führte die Wahl-Saarländerin Sahra Wagenknecht namens der Linkspartei ein scharfes Schwert.

Lafontaine kann’s nicht lassen

Erst vor drei Jahren und 46 Tagen endete Merkels Kanzlerschaft und mit ihr auch die Machtfülle der Saarländer in Berlin. Das Vierteljahrhundert, in dem Oskar Lafontaine seit 1987 die Bundespolitik mitprägte, liegt zwar länger zurück. Aber bei der Gründung der Partei seiner Frau, dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), konnte es Lafontaine nicht lassen, im Hintergrund wieder kräftig mitzumischen. Und jetzt im Winterwahlkampf kann er’s auch nicht.

Aber Lafontaine kandidiert nicht noch einmal, auch nicht unter „ferner liefen“, für den Deutschen Bundestag. Ebenso wenig Kramp-Karrenbauer, Maas und Altmaier. Dafür treten fürs Saarland auf den aussichtsreichsten Plätzen Frauen und Männer wie Josephine Ortleb, Roland Theis und Carsten Becker an.

Nie gehört? Macht nichts, die Kandidatinnen und Kandidaten haben sich fern der Heimat noch keinen Namen gemacht – und selbst „dehemm“ an der Saar können sie unerkannt einkaufen gehen. (Wie sie am Ende tatsächlich abschnitten, das steht hier.)

CDU-Granden verzichten

Bei der Bundestagswahl 2021, als die CDU eins auf die Nase bekam, hatten nur zwei Christdemokraten aus dem Saarland den Sprung nach Berlin geschafft: Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier. Beide verzichteten auf ihr Mandat. Via Landesliste rückten Nadine Schön (St. Wendel) und Markus Uhl (Homburg) nach. Beide hatten schon zuvor dem Bundestag angehört.

„Rabenmutter“ und Social Media: Nadine Schön hat genug

Nadine Schön zählte zu den großen Nachwuchshoffnungen ihrer Partei. Die fleißige und umgängliche Nordsaarländerin saß schon mit 21 Jahren im Landtag des Saarlandes, mit 26 gelang ihr der Sprung in den Bundestag, mit 31 Jahren stieg sie dort zur stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion auf. Doch jetzt ist es genug. „Politik machen von der Uni bis zur Rente: So verstehe ich ein Mandat nicht. Es wird auf Zeit vergeben. Und irgendwann ist es dann auch mal Zeit für einen Wechsel“, sagt sie. Nach der Wahl will sie „erst einmal ein paar Monate Privatmensch sein“ und sich dann einen neuen Beruf suchen. Ja, als junge Mutter zweier Jungs hat sie Shitstorms erlebt, wurde in einem handgeschriebenen Brief als „Rabenmutter“ beschimpft, weil sie fern ihrer Kinder in Berlin Karriere mache. „Aber das ist nicht der Grund aufzuhören, das wäre eher eine Motivation weiterzumachen.“ Was sie mehr stört: Dass es in der Politik immer mehr darum gehe, „schöne Bilder für Social Media“ zu produzieren, sich da selbst zu vermarkten als sich Zeit für inhaltliche Arbeit zu nehmen.

Schön tritt nicht erneut an, aber Markus Uhl. Der 45-Jährige Homburger agierte zeitweise, aber glücklos als Generalsekretär der CDU Saarland, sein Mandat im Bundestag übt der Informatiker eher unauffällig aus. Im Wahlkreis Saarbrücken geht die CDU mit Yvonne Brück ins Rennen. Dass das Leben kein Ponyhof ist, weiß die 52-Jährige: Sie führt einen Pferdehof und gehörte bis vor zweieinhalb Jahren den Grünen an. Ihr Wechsel zur CDU ließ die schwarz-grüne Koalition im Saarbrücker Stadtrat platzen. Im Wahlkreis Saarlouis setzt die Union ebenfalls auf ein neues Gesicht: Hier geht Philip Hoffmann (36) ins Rennen. Der Volkswirt arbeitet bei einer Fondsgesellschaft in Luxemburg und führt nebenher ein Weingut in Biringen an der Grenze zu Frankreich.

In Rufweite der Pfalz groß geworden

In Rufweite der Pfalz wuchs der Kandidat auf, den die CDU im Wahlkreis St. Wendel nach dem Rückzug Nadine Schöns ins Rennen schickt: Roland Theis wuchs in dem Dorf Fürth auf, das an den Kreis Kusel grenzt. Der 44 Jahre alte Jurist und Hobbyjäger, Spross deutsch-französischer Eltern, kandidierte 2024 vergeblich fürs Europaparlament, für Berlin müsste es nun reichen.

Neun schafften’s 2021

Bei der Bundestagswahl 2021 nämlich schafften es neun Saarländer ins Parlament der Deutschen: vier Sozialdemokraten, zwei Christdemokraten und je einer von FDP, Linken und AfD.

Die politische Gemengelage hat sich seither erheblich verändert. Bei der Wahl am 23. Februar dürfte die CDU aller Voraussicht nach stärkste Partei im Saarland werden und dürfte auch alle vier Wahlkreise gewinnen. Nur: Die inzwischen in Kraft getretene Wahlrechtsreform führt dazu, dass nicht jeder Wahlkreisgewinner automatisch in den Bundestag kommt. Das war bisher immer so, gilt aber nicht mehr. Das kann dazu führen, dass die CDU zwar alle vier Wahlkreise im Saarland gewinnt, aber trotzdem nur drei CDU-Politiker nach Berlin dürfen. Wenn der CDU Saarland nach dem Zweitstimmenergebnis nur drei Mandate im Bundestag zustehen, zieht der CDU-Wahlkreiskandidat den Kürzeren, der seinen Wahlkreis am knappsten gewonnen hat. Der Blick auf frühere Wahlen zeigt: In St. Wendel und Homburg könnte der Vorsprung der Union größer sein als in Saarlouis oder Saarbrücken. Sprich Theis und Uhl müssen weniger zittern als Hoffmann und Brück.

Wohl nur zwei Sitze für die SPD

Für die SPD könnte der Wahlabend im Februar so bitter werden wie für die CDU beim letzten Mal. Mehr als zwei Mandate im Bundestag sind für die Sozialdemokraten kaum drin. Wenn es bei den derzeitigen Umfragewerten bleibt, ist selbst das zweite Mandat nicht hundertprozentig sicher.

Esra Limbacher, der tatsächlich aus Limbach bei Homburg kommt, führt die Landesliste der SPD an. Der 35-jährige Jurist sitzt seit 2021 im Bundestag und gehört zu den wirtschaftsnahen, konservativeren Sozialdemokraten. Nebenher kümmert er sich als Generalsekretär um die Geschicke der Saar-SPD. Auf Platz zwei folgt Josephine Ortleb (38) aus Alt-Saarbrücken. Auch sie kein Neuling, sie gelangte erstmals 2017 in den Bundestag, drei Jahre später stieg sie zur Parlamentarischen Geschäftsführerin ihrer Fraktion auf. Wer sich für Mode interessiert, mag die gelernte Restaurantfachfrau von einem Cover des FAZ-Magazins kennen, das Ortleb im selben Jahr präsentierte.

Ein kleines rotes Wunder müsste geschehen, damit die Neulinge auf der Liste, der drittplatzierte Polizist David Maaß (40) aus dem Landkreis Saarlouis oder gar die viertplatzierte Sandra Hans, Physiotherapeutin aus Neunkirchen-Hangard in den Bundestag ziehen. Limbacher, Ortleb und Maaß sind auch Wahlkreiskandidaten der SPD. Im Wahlkreis St. Wendel tritt Christian Petry (59) aus Neunkirchen an, der seit 2014 im Bundestag wirkt, sein Mandat im Februar aber verlieren dürfte.

Für FDP, BSW und Linke wird’s ganz, ganz schwer

Dieses Schicksal blüht auch Oliver Luksic von der FDP. Der 45-Jährige aus Heusweiler bei Saarbrücken gehörte bis zum Bruch der Ampelkoalition sogar der Bundesregierung an – als Staatssekretär von Volker Wissing im Verkehrsministerium. Luksic tritt erneut für die FDP an. Aber selbst wenn die Liberalen den Sprung in den Bundestag knapp schaffen sollten, wird es Luksic sehr eng. Die FDP müsste im Saarland schon ein Ergebnis von mindestens sieben bis acht Prozent holen, damit es für einen Abgeordneten von der Saar reicht.

Dieser Orientierungswert gilt auch für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und die Linken. Die Linkspartei schnitt – seinerzeit dank der Popularität von Oskar Lafontaine – im Saarland bei Wahlen immer besonders gut ab, bis sie sich selbst zerlegte. Seit 2009 vertrat Thomas Lutze die Saar-Linken im Deutschen Bundestag. Vor zwei Jahren wechselte er zur SPD und behielt sein Mandat. Da ihn die Saar-SPD nicht als Mitglied haben wollte, schloss sich Lutze der SPD Berlin an. Er kandidiert nicht wieder für den Bundestag. Der unkonventionelle Homburger Hausarzt Michael Arndt, Spitzname „Moses“, Kandidat der Linken für die Wahl im Februar, geht in ein recht aussichtsloses Rennen.

Trotz Wagenknecht und Lafontaine: Dem BSW wird im Saarland kein überragendes Ergebnis zugetraut. Spitzenkandidatin der neuen Partei ist die Berufsschullehrerin Désirée Kany (31), die bisher nicht politisch aktiv war. Sahra Wagenknecht selbst, die mit Lafontaine bei Merzig wohnt, fehlt auf der saarländischen Landesliste, sie kandidiert für das BSW Nordrhein-Westfalen.

Bei der Bundestagswahl 2021 standen die Grünen nicht auf dem Wahlzettel. Interne Querelen hatten dazu geführt, dass zum Stichtag keine gültige Landesliste vorlag. Folglich stellten die Saar-Grünen auch keine Bundestagsabgeordneten. Dieses Mal sollte es mindestens für eine reichen. Spitzenkandidatin ist die 29-jährige Landesvorsitzende, die Rechtsanwältin und Deutsch-Französin Jeanne Dillschneider, auf Platz zwei folgt der Lehrer Volker Morbe (56).

Die AfD wird zu den Wahlgewinnern zählen. Alle Umfragen sehen die Partei derzeit bei 20 Prozent. Holt die AfD ein solches Ergebnis auch im Saarland, wird sie womöglich mit drei Abgeordneten von der Saar im Bundestag vertreten sein, wobei nur zwei über das Saar-Ticket nach Berlin kämen. Auf Platz eins der Landesliste steht der Landesvorsitzende Carsten Becker (34). Er gehört dem rechten AfD-Flügel an. Seit knapp drei Jahren sitzt er im Saar-Landtag, zuvor arbeitete er bei Ford Saarlouis in der Produktion. Auch Boris Gamanov (37), der am Saarbrücker Bahnhof einen Backshop betreibt, dürfte den Einzug in den Bundestag schaffen.

Der Möchtegern-Innenminister von Weidels Gnaden

Dritter im Bunde könnte Beckers Erzfeind Christian Wirth (61) sein, der nahe Homburg wohnt. Der rechte Rechtsanwalt vertritt die saarländische AfD seit 2017 in Berlin. Christian Wirth und Carsten Becker kämpfen seit Jahren erbittert um die Macht in der AfD Saar. Im Dezember kandidierten beide für den Spitzenplatz bei der Bundestagswahl. Wirth warb für sich mit dem Argument, dass er Bundesinnenminister werde, wenn Alice Weidel Kanzlerin wird. Es half nichts: Wirth unterlag Becker. Doch Becker hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht: Der Unterlegene suchte sich einen anderen Landesverband. Nun steht er auf der Liste der AfD Nordrhein-Westfalen an 26. Stelle. Das ist zwar kein guter Platz, aber bei einem sehr guten Abschneiden der AfD in NRW könnte es für Wirth gerade so reichen. Falls es so käme, würden die beiden Streithähne Becker und Wirth künftig gemeinsam einer AfD-Bundestagsfraktion angehören.

Mit 21 wurde sie hauptberuflich Politikerin, jetzt mit 41 ist Schluss: Nadine Schön (CDU).
Mit 21 wurde sie hauptberuflich Politikerin, jetzt mit 41 ist Schluss: Nadine Schön (CDU).
Roland Theis, CDU, aus Fürth im Ostertal.
Roland Theis, CDU, aus Fürth im Ostertal.
Markus Uhl, CDU, aus Homburg-Erbach.
Markus Uhl, CDU, aus Homburg-Erbach.
 Esra Limbacher, SPD, aus Limbach.
Esra Limbacher, SPD, aus Limbach.
Josephine Ortleb, SPD, aus Saarbrücken.
Josephine Ortleb, SPD, aus Saarbrücken.
Fondsmanageer und Winzer Philip Hoffmann, CDU.
Fondsmanageer und Winzer Philip Hoffmann, CDU.
Aus dem Ford-Werk auf den rechten Flügel der AfD: Carsten Becker aus Saarlouis.
Aus dem Ford-Werk auf den rechten Flügel der AfD: Carsten Becker aus Saarlouis.
Backshop am Hauptbahnhof: Boris Gamanov, AfD.
Backshop am Hauptbahnhof: Boris Gamanov, AfD.
Will Innenminister unter Alice Weidel werden und geht den Umweg über die Landesliste NRW: AfD-Politiker Christian Wirth.
Will Innenminister unter Alice Weidel werden und geht den Umweg über die Landesliste NRW: AfD-Politiker Christian Wirth.
Jeanne  Dillschneider, Grüne, 29 Jahre.
Jeanne Dillschneider, Grüne, 29 Jahre.
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