Siebeldingen / Berlin 100 Jahre Pfälzer Rebenzüchtung: Institut räumt Fehler ein zu NS-Vergangenheit

Außengelände des Rebenzüchtungsinstituts am Geilweilerhof in Siebeldingen (Südpfalz).
Außengelände des Rebenzüchtungsinstituts am Geilweilerhof in Siebeldingen (Südpfalz).

Nach der Berichterstattung der RHEINPFALZ soll nun eine Historikerkommission die braune Vergangenheit der ersten Rebenzüchter in der Südpfalz untersuchen.

Nachdem die RHEINPFALZ über die nationalsozialistische Vergangenheit eines früheren Leiters des Rebenzüchtungsinstituts Geilweilerhof in der Südpfalz berichtet hatte, hat das zuständige staatliche Julius Kühn-Institut (JKI) reagiert. Die Online-Festschrift trägt nun eine Erklärung des Bedauerns – ein Fehlereingeständnis. Das JKI und das übergeordnete CSU-geführte Landwirtschaftsministerium in Berlin schweigen zu Nachfragen.

In diesem Jahr feiert der Geilweilerhof in Siebeldingen sein 100-jähriges Bestehen. Seit Jahrzehnten forscht man dort zu neuen, robusten und klimaangepassten Rebsorten.

Feier mit viel Prominenz

Dazu gab es im Frühjahr ein internes Festkolloquium, zu dem auch der damalige Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD), ein Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums, der Pfälzer Weinbaupräsident Reinhold Hörner, der JKI-Präsident Frank Ordon sowie der langjährige frühere Leiter des Geilweilerhofs, Reinhard Töpfer, geladen waren. Eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Einrichtungsleiter der frühen Jahre hat nie stattgefunden.

Bernhard Husfeld, ein Forscher und NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, kam nach dem Zweiten Weltkrieg von Müncheberg bei Berlin in
Bernhard Husfeld, ein Forscher und NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, kam nach dem Zweiten Weltkrieg von Müncheberg bei Berlin in die Pfalz. In Siebeldingen verantwortete er von 1947 bis 1970 die Rebenzüchtung am Geilweilerhof.

Die 84-seitige Festschrift widmet jeder Führungsperson sowie deren Forschung seit 1926 etliche Zeilen: Unerwähnt bleibt, dass Bernhard Husfeld – zuständig von 1947 bis zu seinem Tod 1970 – ein offenbar überzeugtes NSDAP-Mitglied und ein Denunziant war sowie mutmaßlich der SS nahestand. Eine einfache Recherche führt zu Quellen, die dies so belegen beziehungsweise beschreiben. Offenbar hat man am Institut gewusst, dass der Wissenschaftler Husfeld, nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg bei Berlin kommend, „keine weiße Weste“ hatte. Ob er als Täter einzustufen ist, ist unklar.

Auch Peter Morio steht zur Debatte

Mittlerweile hat das JKI Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen am Sitz in Quedlinburg, zu dem der Geilweilerhof gehört, Fehler eingeräumt. Ein entsprechender Hinweis in Rot wurde auf der JKI-Homepage zur Festschrift ergänzt. Eine unabhängige Kommission soll nun die „NS-Vergangenheit namhafter Führungspersönlichkeiten untersuchen“, schreibt die Pressestelle. Auch Peter Morio, der erste Leiter am Geilweilerhof und Namensgeber eines noch heute vergebenen Preises im Weinbau, steht zur Debatte.

In der Erklärung heißt es: „Wissenschaftliche Integrität erfordert einen uneingeschränkt kritischen Blick auch auf die eigene Institution. Bei der Erstellung dieser Festschrift zur Geschichte des Geilweilerhofs wurde die NS-Vergangenheit namhafter Führungspersönlichkeiten unserer Vorgängerinstitution jedoch ausgespart oder nicht kritisch dargestellt. Dies bedauern wir sehr.“

Wozu Institut und Ministerium schweigen

Drei Jahre lang war der Geilweilerhof ein Institut des Landes Rheinland-Pfalz, bevor ab 1953 der Bund die Finanzierung der Forschungseinrichtung übernahm. Heute ist das Bundeslandwirtschaftsministerium unter Alois Rainer (CSU) verantwortlich. Von dort heißt es auf Anfrage: „Nach unserer Einschätzung ist auch die weitere Aufarbeitung der historischen Vergangenheit des JKI und seiner Institute notwendig und wird zeitnah angegangen.“ Welche Personen alle – neben denen mit einem eigenen Beitrag – für den Inhalt der Jubiläumsschrift verantwortlich sind, ob die NS-Vergangenheit Husfelds bewusst unerwähnt blieb oder ob es Gegenpositionen gab – diese Fragen beantworten das JKI und das Bundeslandwirtschaftsministerium nicht.

Unsere Autorin kommentiert das Verhalten der Behörden: Es sei „verantwortungslos“.

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