Siebeldingen
Calardis Blanc: Ein Rebsorten-Zucht-Star – warum er es trotzdem schwer hat
Oliver Trapp deutet auf die Rebzeilen hangabwärts. Auf dem 35 Hektar großen Forschungsfeld in der Südpfalz stehen viele Rebsorten nebeneinander: junge Stöcke und alte. Die Piwis der ersten Generation der Moderne – Phönix und Regent aus den 90er Jahren – genauso wie die jüngsten, 2024 angemeldeten Sorten Calardis Soleil (weiß) und Calardis Royal (rot) sowie der „Star“ Calardis Blanc, dessen Zulassung vor mehr als sechs Jahren erfolgte.
„Calardis“ ist abgeleitet vom altfränkischen Namen für Geilweilerhof, sagt der Biologe, 43. Er ist seit 2024 Leiter des Instituts für Rebenzüchtung in Siebeldingen, einer Bundesforschungseinrichtung des Julius Kühn-Instituts (JKI) für Kulturpflanzen.
Was einen Star ausmacht
Warum aber wurde gerade Calardis Blanc der Star der Südpfälzer Forscher? Weil bei ihr viele gute Eigenschaften zusammenkommen: Qualität, Sensorik und Anbaueigenschaften. Geschmacklich sortiere sie sich zwischen Sauvignon Blanc und Riesling ein, also fruchtiger als der Klassiker Riesling. Calardis Blanc kann etwas später als andere Piwis geerntet werden. „Das ist gut. Und sie bekommt so schnell keinen Sonnenbrand.“ Die Schale der eher kleinbeerigen Trauben sei etwas fester. „Außerdem geht das Mostgewicht nicht durch die Decke“, damit geht ein geringerer Fruchtzuckergehalt und nach der Vergärung ein moderater Alkoholgehalt von 11,5 Prozent einher. „Ein guter Trend“, so Trapp.
Obendrein könne man bis zu 70 Prozent der Fungizide einsparen gegenüber herkömmlichen, nicht pilz-widerstandsfähigen Sorten. Vor allem dem Falschen Mehltau und der Schwarzfäule zeigt Calardis Blanc die kalte Schulter. 2020 zugelassen als Rebsorte, wird sie laut Trapp mittlerweile auf rund 100 Hektar Fläche in Deutschland angebaut, vor allem in der Pfalz. Doch im Vergleich zur Gesamtanbaufläche mit Weintrauben ist das ein Klacks. Allein drei mittelgroße Weingüter bewirtschaften ein Areal dieser Größe.
Seit den 1990er Jahren wurden in Deutschland mehr als 40 neue, nachhaltige Sorten zugelassen, die aufgrund ihrer Resistenzeigenschaften als pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis) bezeichnet werden. Ganz ohne Pestizide kommen auch sie nicht aus.
Rebenzüchtung: eine Frage von Generationen
Ein Star aber wird nicht oft geboren, laut Trapp am Geilweilerhof im Schnitt alle drei Jahre. Das Institut habe in den letzten 34 Jahren elf Piwi-Sorten auf den Markt gebracht – zwei davon sind schon wieder verschwunden. „Gentechnik kommt bei uns in der Züchtung nicht zum Einsatz“, sagt der Institutsleiter. Stattdessen wird klassisch gekreuzt aus Vater- und Mutterrebsorte. Bei Calardis Blanc vereinen sich die Piwi-Sorte Calardis Musqué und Seyve Villard 39-639, eine französische Rebe. Rebenzüchtung ist ohnehin eine Frage von Generationen: 25 Jahre dauert es im Schnitt von der erfolgreichen Kreuzung bis zur Erteilung des Sortenschutzes (vergleichbar einem Patent). Bis zur saatgutrechtlichen Zulassung dauert es weitere zwei bis drei Jahre.
Eine der größten Rebsortengenbanken weltweit
Trapp forscht zusammen mit zwölf Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an zirka 18.000 Zuchtlinien. Dabei kann er „auf eine der größten Rebsortengenbanken weltweit“ am Geilweilerhof zurückgreifen . Die ersten Piwis gingen auf französische Hybride zurück, deren Resistenzen wiederum auf nordamerikanischen Wildarten beruhen. „Heutzutage haben aber auch Resistenzen aus asiatischen Wildarten den Weg ins Zuchtprogramm gefunden.“ Inzucht unter den Pflanzen sei keine Gefahr.
30.000 Sämlinge jährlich gedeihen in den Gewächshäusern in Siebeldingen. Trapp nennt diese Station „Vorgeplänkel“. Von dort schaffe es nur ein Prozent in die nächste Stufe. Er zieht die Tür auf zu Gewächshaus Nummer fünf. Jeder Pflanze dort wird ein etwa vier Millimeter großes Stück aus dem Blatt gestanzt. Erst wenn die Untersuchung in deren Genetik gute Schädlingswiderstandskraft zeigt, bleibt die Pflanze im Rennen und gelangt draußen ins Versuchsfeld.
Die Sache mit den Punkten
Ziel beim genetischen Fingerabdruck sei möglichst eine drei plus drei Resistenz: drei Abwehrmechanismen gegen den Erreger des Echten und ebenso viele gegen den des Falschen Mehltaus. Mit dem „Star“ Calardis Blanc wird weiter gezüchtet. Nachkommen dieser Sorte haben sogar das Potenzial für eine „4 plus 5 Punktzahl“, sagt der Biologe. Bei der Auswertung von Testreihen mit der Impfung der Pflanzen mit Schadorganismen hilft längst auch Künstliche Intelligenz.
Je weiter die Forscher sind, desto stärker kommen dann Anbau- und Kellertechnik zum Tragen. Auch das testet man am Geilweilerhof mit eigenem Kellermeister und Weinverkauf aus. Die neuen Sorten haben nur Erfolg, wenn deren Wein seine Kundschaft findet. Die aber, und damit auch die Winzerschaft, zögert. Der Anteil der Piwi-Rebsorten in Deutschland an der gesamten Rebfläche betrug 2025 erst 4,5 Prozent.
Die entlarvende Blindverkostung
Wie schwer es Piwis haben, weiß auch Weinsensoriker Martin Darting aus Bad Dürkheim. Trotz ihrer Vorteile – eine Spritzfahrt mit Pestiziden statt bis zu 14 bei herkömmlichen Rebsorten – sei die „Ablehnung immer noch groß“, sagt der 65-Jährige. Ihnen hänge unberechtigterweise ein Negativimage an. Das hat womöglich mit dem muffigen Ton oder anderen Fehltönen der Weine der ersten Piwi-Generation zu tun.
In Frankreich sei man deutlich weiter, so Darting. „Hier aber tut man sich schwer mit Neuem. Schon wenn es ein bisschen anders schmeckt, wird es nicht gekauft.“ Dabei zeigten „Blindverkostungen seit Jahren, dass moderne Piwi-Weine von Konsumentinnen und Konsumenten sensorisch mindestens gleich gut, teils sogar besser bewertet werden als klassische Sorten“.
Der entscheidende Faktor
Das Problem liege nicht im Glas, sondern im Kopf. Den Geschmack eines Weines präge vor allem die Güte der Kellerarbeit: Nur etwa 20 Prozent macht Darting zufolge die Rebsorte aus, weitere 20 Prozent Herkunft und Klima. „Den mit Abstand größten Einfluss, rund 60 Prozent, hat jedoch der Ausbau im Keller.“
Laut Darting macht es Sinn, dass Rebenzüchtung in staatlicher Hand ist und damit aus Steuergeldern finanziert wird. Nach Angaben des Julius-Kühn-Instituts kostete die Rebenzüchtung am Geilweilerhof in den vergangenen fünf Jahren rund 17 Millionen Euro. Private Player kommen erst danach mit der Vervielfältigung von Pflanzen in Rebschulen, dem Anbau und der Vermarktung ins Spiel. Der Biologe und Baden-Württemberger Oliver Trapp, der mit seiner Familie heute im Kreis Germersheim lebt, wird bei der Frage nach seiner Weinvorliebe diplomatisch: Er trinke Rot und Weiß, Piwis und herkömmliche Sorten. „Bevorzugt aber deutschen Wein.“