Tiere
Wenn Samtpfoten die Krallen zeigen
Frau Schmidt, warum sind Katzen aus tierpsychologischer Sicht so spannend?
Weil sie mehrere, scheinbar widersprüchliche Eigenschaften gleichzeitig vereinen: Sie sind sozial und unabhängig, domestiziert und noch stark vom Wildtierverhalten geprägt.
Trotz ihrer Domestikation zeigen noch viele ursprüngliche Verhaltensweisen – etwa Jagdtrieb, territoriales Denken und große Sensibilität gegenüber Veränderungen. Gleichzeitig bauen sie enge Bindungen zu Menschen auf, behalten aber ihre Eigenständigkeit. Dazu kommt ihre sehr feine Körpersprache, die oft missverstanden wird. Genau dieses Zusammenspiel aus Nähe, Unabhängigkeit und subtiler Kommunikation macht Katzen so faszinierend.
Wie oft wenden sich verzweifelte Besitzerinnen und Besitzer an Sie, weil ihr Stubentiger plötzlich aggressiv auf Annäherung reagiert, das Mobiliar zerstört oder die ganze Wohnung zum Katzenklo macht?
Häufig und doch zu selten. Hinter solchen Verhaltensänderungen steckt meist keine „Boshaftigkeit“, sondern Stress, Unsicherheit oder ein ungelöstes Bedürfnis. Katzen zeigen Probleme oft über ihr Verhalten – etwa durch Aggression, Unsauberkeit oder exzessives Kratzen. Deshalb lohnt es sich immer, die Ursachen genau von einem Experten anschauen zu lassen, statt nur das Verhalten zu bestrafen.
Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Auslöser für eine Verhaltensänderung?
Schmerzen und Krankheiten, Langeweile, Umzug, neue Menschen oder Tiere im Haushalt, Mobbing im Katzenhaushalt, andere Katzen in der Nachbarschaft.
Verrät die Katze durch ihre Körpersprache, was ihr fehlt, und ob sie zum Beispiel unter Stress leidet? Worauf sollte man achten?
Ja, Katzen zeigen über ihre Körpersprache oft sehr deutlich, wie es ihnen geht – allerdings viel subtiler als Hunde. Anzeichen für Stress und Schmerzen können angelegte Ohren oder oft auf die Seite gedrehte Ohren, eine angespannte Körperhaltung, erweiterte Pupillen, hektisches Schwanzzucken, Rückzug oder plötzliches Vermeidungsverhalten sein. Manche Katzen ziehen sich auch zurück, spielen weniger oder putzen sich übermäßig. Wichtig ist, immer auf kleine Veränderungen im normalen Verhalten zu achten, denn Katzen kommunizieren eher leise.
Wann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?
Professionelle Hilfe ist sinnvoll, wenn sich das Verhalten plötzlich verändert, länger anhält oder Mensch und Tier stark belastet. Besonders bei Aggression, Unsauberkeit, starkem Rückzug oder auffälligem Stressverhalten sollte man nicht zu lange warten. Wichtig ist zudem, zuerst mögliche körperliche Ursachen tierärztlich abklären zu lassen, um Schmerzen oder Krankheiten auszuschließen.
Katzen gelten als recht unabhängige und eigenwillige Tiere. Dennoch reagieren sie auf kleinste Veränderungen des Umfelds. Unterschätzen wir ihre individuellen Bedürfnisse zu leicht und lösen dadurch unbewusst ihr unerwünschtes Verhalten aus?
Ja, leider. Katzen wirken unabhängig, sind aber gleichzeitig äußerst sensibel gegenüber Veränderungen und brauchen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Schon kleine Dinge wie neue Möbel, veränderte Routinen, fehlende Rückzugsorte oder zu wenig Beschäftigung können Stress auslösen. Zudem benötigen Katzen in ihrem Tagesablauf Routinen, das gibt ihnen Sicherheit. Viele unerwünschte Verhaltensweisen entstehen deshalb nicht grundlos, sondern weil die Bedürfnisse der Katze im Alltag unbewusst übersehen werden.
Früher hatten Katzen eine wichtige Aufgabe – nämlich die Anzahl der Nagetiere in Schach zu halten. Heute sollen sie vor allem eins sein: kuschlig und anschmiegsam. Kann zu viel Gefühl und Nähe eine Katze psychisch krank machen?
Ja, das kann passieren. Viele Menschen behandeln Katzen wie kleine Menschen oder erwarten ständig Nähe und Aufmerksamkeit und wirken somit für die Katze übergriffig. Dabei brauchen Katzen oft selbstbestimmte Kontakte, Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe. Wird ihre Körpersprache dauerhaft übergangen oder haben sie zu wenig Kontrolle über Distanz und Alltag, kann das Stress verursachen. Nähe ist wichtig – aber immer im Tempo der Katze.
Wie arbeiten Sie mit Tier und Mensch an einer Verhaltensänderung? Was war Ihr bisher ungewöhnlichster Fall?
Ich arbeite immer mit beiden Seiten – also mit der Katze und ihren Menschen. In der Regel mache ich Hausbesuche, um mir die Wohnsituation und natürlich auch die Katze genau anzuschauen. Danach erstelle ich gemeinsam mit den Besitzern einen Therapieplan, der realistisch im Alltag umgesetzt werden kann.
Mein ungewöhnlichster Fall war ein älterer Kater, der sehr aggressiv war und regelrecht das ganze Dorf tyrannisierte. Er griff Hunde, Menschen auf der Straße und sogar seine Besitzer zu Hause an. Schließlich bekam der Kater einen gesicherten Auslauf, zusätzlich arbeiteten wir mit gezielter Beschäftigung und unterstützend mit Bachblüten. Dadurch ließ sich sein Verhalten deutlich verbessern.
Manchmal ist der Wille da, aber zum Beispiel die Wohn- und Lebensumstände erlauben es nicht, den Bedürfnissen einer Fellnase gerecht zu werden. Raten Sie auch mal dazu, ein Tier lieber in andere Hände zu geben?
Das kommt leider durchaus vor – besonders in Mehrkatzenhaushalten. Häufig liegt es daran, dass Katzen sich nicht mehr verstehen oder eine Vergesellschaftung von Anfang an nicht gut gepasst hat. Gerade bei sogenannten Zwangsvergesellschaftungen wird oft zu wenig darauf geachtet, ob Charakter, Alter und Temperament der Tiere wirklich zusammenpassen.
Manche Katzen sind zudem eher Einzeltiere und kommen mit Artgenossen nur schlecht zurecht – die sogenannten Einzelprinzen oder Einzelprinzessinnen.
Nicht immer steckt hinter Pipi-Problemen und anderem die Psyche. Wann sollte man mit der Katze zum Tierarzt, um gesundheitliche Ursachen auszuschließen?
Grundsätzlich sollte man immer zuerst zum Tierarzt gehen, wenn eine Katze außerhalb der Katzentoilette uriniert, Schmerzen beim Urinieren zeigt, häufiger kleine Mengen absetzt oder Blut im Urin ist. Das kann auf eine Blasenentzündung oder andere Harnwegsprobleme hinweisen. Auch bei plötzlicher Aggression, Rückzug oder Appetitverlust ist eine medizinische Abklärung wichtig. Erst wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, sollte man von einem Verhaltensproblem ausgehen.
Ich habe den Eindruck, viele machen sich im Vorfeld keine Gedanken darüber, dass es eine große Verantwortung ist, ein Haustier zu halten. Welches Wissen wünschen Sie sich für künftige Katzenhalter?
Ich wünsche mir vor allem, dass künftige Katzenhalter verstehen, dass eine Katze kein pflegeleichtes Kuscheltier ist, sondern ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Dazu gehören artgerechte Beschäftigung, Rückzugsmöglichkeiten und eine passende Umgebung.
Einen verpflichtenden Sachkundetest vor der Anschaffung von Tieren fände ich sinnvoll – unabhängig von der Tierart. Er würde helfen, grundlegendes Wissen über Haltung, Bedürfnisse, Kosten und Verantwortung zu vermitteln und viele Fehlentscheidungen im Vorfeld zu verhindern. Wichtig wäre dabei allerdings, dass der Test nicht nur theoretisches Wissen abfragt, sondern auch realistische Alltagssituationen berücksichtigt – etwa Zeitaufwand, Platz, artgerechte Haltung und langfristige Verantwortung. Sonst besteht die Gefahr, dass er eher als Hürde wahrgenommen wird, ohne wirklich das Verständnis zu verbessern.
Insgesamt könnte so ein Modell dazu beitragen, weniger Tiere impulsiv anzuschaffen und mehr Tiere in passende, gut informierte Haushalte zu vermitteln.
Zur Person
Melanie Schmidt ist ausgebildete Tierphysiotherapeutin, -homöopathin und -heilpraktikerin sowie Katzenpsychologin und Verhaltenstrainerin. Darüber hinaus