Tiere
Stelzenvögeln fehlt Lebensraum und Futter
Mal schreiten sie, mal wird getrippelt, und gewippt wird eigentlich immer – Stelzen zu beobachten ist etwas Feines und eigentlich gar nicht besonders schwer. Das gilt für die Bachstelze, die Gebirgsstelze und auch für die dritte bei uns lebende Stelzenart, die Wiesenschafstelze. Wirklich scheu sind nämlich alle nicht, nur kommen sie leider nicht mehr überall in ihren angestammten Lebensräumen vor. Die Gründe sind, wie so oft, wenn es um den Rückgang einer Art in der Tierwelt geht, bei uns Menschen zu suchen.
Die Bachstelze ist in der Pfalz die am häufigsten vorkommende Stelzenart. Ähnlich dem Spatz, der Schwalbe und dem Hausrotschwanz ist sie ein typischer Kulturfolger. Mit dem Bach ist sie dabei gar nicht so verbandelt, wie ihr Name es ausdrückt. Sie besiedelt meistens halboffene Bereiche unserer Kulturlandschaft, kommt in Dörfern und auf anderen Siedlungsflächen zurecht. Auf strukturlosem Ackerland oder im dichten inneren Pfälzerwald ist sie dagegen kaum anzutreffen.
Rückgang um 20 Prozent
Noch vor etwa 30 Jahren konnte das kleine, scheinbar immer wippende, schwarz-weiße Vögelchen besonders in ländlichen Gebieten quasi in jeder Straße gesehen werden. Das gehört inzwischen in die Rubrik „Es war einmal“: Laut der aktuellen Roten Liste in Rheinland-Pfalz gilt die Bachstelze nicht als gefährdet. Allerdings wurde die Liste bereits 2013 aufgestellt.
„Aktuellere Ergebnisse des Langzeitmonitorings zeigen auf Bundesebene einen Rückgang der Anzahl der Brutpaare während der vergangenen 25 Jahre um mehr als 20 Prozent. Und das bei einer Vogelart, die schon seit ewigen Zeiten eng mit dem Menschen zusammenlebt und überhaupt nicht scheu ist“, berichtet Peter Ramachers, einer der Landeskoordinatoren Monitoringprogramm Rheinland-Pfalz. Der Mitarbeiter der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (Gnor) sieht im Rückgang der Bachstelzenbestände einen Zusammenhang mit Gebäudeversiegelungen und dem dadurch bedingten Fehlen von Brutnischen sowie dem gravierenden Nahrungsmangel durch den seit Jahren anhaltenden Insektenrückgang.
Brut auch in Fahrzeugen
Langbeinig, der Schwanz ein bisschen überdimensioniert, fällt die zu den Singvögeln gehörende Bachstelze durch ständiges Wippen auf. Auch in der Luft hat sie ihre eigene Art, sie fliegt in bogenförmigen Auf- und Abwärtsbewegungen.
Die possierlichen Vögel bauen ihre Nester in versteckte Mauerlöcher, in Gebäudenischen, unter Dachziegeln, in Felsspalten, Uferböschungen, in Baumhöhlen, ja sogar in Fahrzeugen wurden schon Nester gefunden.
Die Bachstelzen ziehen ab September in den wärmeren Mittelmeerraum und kehren meist im März zurück. Während der Zugzeit kann man sie in größeren Trupps oft gemeinsam mit der Wiesenschafstelze auf Ackerflächen und Viehweiden beobachten. „Vereinzelt, aber immer öfter werden Bachstelzen beobachtet, die in unseren Zonen überwintern“, so Ramachers. Der Klimawandel scheint sich auch auf die Bachstelze auszuwirken.
Auch in Gärten zu Hause
Die etwas größere Gebirgsstelze, gut an der gelben Färbung am Unterbauch und am Bürzel zu erkennen, ist dagegen schon immer ganzjährig in Rheinland-Pfalz anzutreffen. Im Gegensatz zur Bachstelze ist diese wesentlich seltener vorkommende Stelzenart tatsächlich an Fließgewässer gebunden. Die findet sie im Berg- und Mittelgebirgsland Rheinland-Pfalz reichlich, durchaus auch in naturnahen Gärten, in denen es schnell fließende und sauerstoffreiche Bachläufe gibt. Kommen offene Geröllflächen, ein ufernaher, schattiger Baumbestand und ein ausreichendes Insektenangebot dazu, ist die Welt in Ordnung, und die Gebirgsstelze bleibt da.
In der Westpfalz findet man laut Ramachers an den Bächen und Flüssen wie Lauter, Glan und Odenbach im Normalfall alle paar Kilometer ein Brutpaar Gebirgsstelzen. Auch im ausgedehnten Pfälzerwald mit seinen verzweigten Bachsystemen und in kleineren Ortschaften ist sie als Brutvogel ansässig. In der dicht besiedelten nördlichen Vorderpfalz zeigen sich dagegen Verbreitungslücken.
Ziehende Gäste beobachten
Auch bei der rund 20 Zentimeter großen Gebirgsstelze läuft ohne Wippen nichts. Es ist faszinierend zu beobachten, wie dieser gelbe Vogel mit seinem langen Schwanz Wippbewegungen durch den Körper bis zum Kopf schickt und gekonnt an Brücken, am Bachufer und am Gartenteich auf Insektenfang geht. Fliegend jagt die Gebirgsstelze sogar so gut, dass sie selbst auf der Wasseroberfläche schwimmende Beute im Vorbeiflug einfach wegschnappt.
Die Bestände im Land gelten seit Jahren als stabil, allerdings ist die Siedlungsdichte insgesamt sehr niedrig. Laut Ramachers leidet auch diese Stelzenart unter dem Ausbau vieler Bachabschnitte.
Außer Bachstelze und Gebirgsstelze brütet bei uns auch die Wiesenschafstelze, häufig einfach nur Schafstelze genannt. Wer im Sommer auf Weidepfählen oder Misthaufen einen wippenden Vogel mit blaugrauem Kopf, einem weißen Streifen über den Augen, einer gelben Kehle, einer gelblichen Unterseite und einer graugrünen Oberseite entdeckt, hat eine Schafstelze vor sich. Der Schwanz dieses Bodenbrüters ist deutlich kürzer als bei ihren Verwandten. Das Weibchen baut im Bodenbewuchs ein verstecktes, tiefmuldiges Nest auf kurzrasigen Feuchtwiesen und Viehweiden, besiedelt aber längst auch Ackerflächen.
Brutbestände haben abgenommen
Ramachers zufolge haben die Brutbestände in Rheinland-Pfalz in einigen Regionen seit vielen Jahrzehnten stark abgenommen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Schafstelze in der Pfalz ein häufiger Brutvogel. Heute brütet sie noch im pfälzischen Oberrheingraben. In der Westpfalz hat sie bis in die 1990er-Jahre gebrütet, seitdem ist das Vorkommen erloschen. Dort kann sie nur noch während der Zugzeiten beobachtet werden, wenn Schafstelzen auf dem Flug ins oder vom tropischen Afrika vorbeiziehen und eine kurze Rast einlegen. Meist sind sie dann im Verbund mit ziehenden Bachstelzen auf Viehweiden oder abgeernteten Ackerflächen zu beobachten.
„Es lohnt sich, die im Frühjahr und Herbst durchziehenden Stelzen ganz genau zu betrachten“, so der Ornithologe Ramachers. Außer den drei hier brütenden Stelzenarten lassen sich auch Thunbergschafstelzen als regelmäßige und Gelbkopf-Schafstelzen als unregelmäßige Durchzügler sowie seltener Maskenschafstelzen und Zitronenstelzen beobachten. Mitunter lasse sich mit etwas Glück in Zugzeiten auch die Trauerbachstelze, eine Unterart der Bachstelze, blicken, sagt Ramachers.