Landwirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Gentechnik light auf den Äckern kommt

Während Umweltaktivisten und Ökologen Sturm laufen gegen die EU-Pläne für schonende, zielgenaue Eingriffe in das Erbgut von Feld
Während Umweltaktivisten und Ökologen Sturm laufen gegen die EU-Pläne für schonende, zielgenaue Eingriffe in das Erbgut von Feldfrüchten, sehen viele Wissenschaftler keine Probleme. Sie verweisen darauf, dass schon eine klassisch gezüchtete Gerstenpflanze sich durch rund 100 natürliche Veränderungen von der nächsten unterscheidet. Kulturpflanzen seien derart stark verändert worden, dass sie sich in den natürlichen Ökosystemen nicht ausbreiten könnten.

Künftig sollen auch auf den europäischen Feldern Nutzpflanzen zugelassen werden, die eine Art künstliche Evolution im Labor durchlaufen haben.

Von Christian Schwägerl

Der Biotechnologe Robert Hoffie freut sich schon darauf, dass es bald leichter sein soll, neue Pflanzen im Freiland zu erproben. „Wir arbeiten zum Beispiel an einer virusresistenten Gerste, doch allein mit Experimenten im Gewächshaus kommen wir nicht ans Ziel, dazu braucht es Forschung auf dem Acker“, sagt der Arbeitsgruppenleiter am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben.

Anja Matzk von der KWS Saat sieht Pflanzenzüchter in der ganzen EU „in den Startlöchern“. Ihr Unternehmen forsche bereits daran, Zuckerrüben mithilfe von verändertem Erbgut gegen Bakterien zu schützen, die eine Zikade überträgt, und Raps gegen einen Erdfloh. Jetzt werde es möglich, alles „bis zur Marktreife zu bringen“.

Die Vorfreude hat mit der EU zu tun. Sie will Pflanzen, in deren Genom gezielt eingegriffen wurde, formal nicht mehr als „gentechnisch veränderte Organismen“ behandeln. Das befreit sie von den strengen und langwierigen Genehmigungsverfahren.

Während in den Hauptanbauländern USA, Brasilien, Argentinien, Indien und Kanada gentechnisch umgebaute Pflanzen boomen, wird in Europa derzeit nur die Maispflanze MON810 in Spanien und Portugal genutzt. Deutschland untersagt seit rund 15 Jahren jegliche Bewirtschaftung auf dem Feld.

Die Genschere ist präzise

Das soll sich ändern. Voraussetzung ist, dass die innovativen Sorten nicht mit herkömmlicher Gentechnik, sondern mit präziseren Verfahren wie der Genschere entstanden sind. Nutzpflanzen dagegen, die zum Beispiel ein artfremdes Stück Fisch-Erbgut eingebaut haben, die ein Insektizid herstellen oder gegen Unkrautvernichter resistent sind, dürfen weiter nicht auf den Äckern stehen.

Erlaubt sein soll also, was eine Art gezielte, künstliche Evolution im Labor durchlaufen hat: Gewächse werden dann zugelassen, wenn ihre zusammengebastelte DNA zumindest theoretisch auch in der Natur oder bei einer traditionellen Kreuzung hätte entstehen können.

Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die wilde Verwandte einer Feldfrucht oder eine traditionell angebaute Sorte ein bestimmtes Gen enthält, das gegen Trockenheit oder Schädlingsbefall schützt. Beim üblichen Einkreuzen würde der Ertragreichtum verloren gehen. Der punktuelle Austausch dagegen erlaubt es, die gewünschten Erbanlagen an der von der Biologie dafür vorgesehenen Stelle in der DNA einzufügen.

Pflanzen, die so entstanden sind, müssen nicht mehr mit einem Gentechnik-Hinweis auf den Lebensmittel gekennzeichnet sein. Nur auf dem Saatgut soll es weiter aufgedruckt sein, damit Biolandwirte es vermeiden können.

Unbedenklichkeit ist zentral

Noch 2018 hatte der Europäische Gerichtshof das Gegenteil verfügt: Sobald bei der Zucht von Pflanzen nicht traditionelle Kreuzungsverfahren, sondern Labormethoden zum Einsatz kommen, handle es sich um Gentechnik, lautete das Urteil. Dann müsse nach den strengen Vorschriften geprüft werden, was bis zu zehn Jahre dauern kann.

Wissenschaftler und Züchter hielten es unter diesen Bedingungen für unmöglich, die gezielte Erbgutveränderung – Genom-Editierung genannt – in die Praxis umzusetzen. Ausgerechnet in Europa, wo Max-Planck-Forscherin Emmanuelle Charpentier die Genschere Crispr maßgeblich entwickelt und 2020 dafür den Nobelpreis für Chemie bekommen hat, drohte die Technik für immer auf Eis gelegt zu werden.

Um das zu verhindern, ändert die EU die Rechtsgrundlagen in zwei Punkten fundamental: Zum einen wird auf die Unbedenklichkeit des entstehenden Agrarprodukts abgestellt. Das machen viele andere Länder, vor allem die USA, schon länger. Zum anderen werden Schwellen eingeführt: Bis zu 20 einzelne Eingriffe in die DNA sind erlaubt.

Eine weitere Schwelle gibt es, wenn gezielt Mutationen in exakt festgelegten Positionen auf dem Erbgut herbeigeführt werden. Pro Eingriff dürfen nur maximal 20 Basenpaare verändert oder gelöscht werden. Die Basenpaare sind die Buchstaben, in der die DNA geschrieben ist. Das soll vor Gericht Bestand haben.

Stresstoleranz von Ernten

Wissenschaftler und Pflanzenzüchter wittern ihre Chance. Bereits 2021 hat das Joint Research Centre der EU in einer Studie weltweit 426 laufende Projekte identifiziert, hauptsächlich mit Getreiden und Ölpflanzen, bei denen es vor allem um neue Inhaltsstoffe, Stresstoleranz und größere Ernten ging. Deutschland war mit 37 Projekten schon damals der europäische Spitzenreiter.

Pflanzenforscher Hoffie sieht seine virusresistente Gerste nur als eine von vielen Möglichkeiten: „Genom-Editierung ist ein großer Werkzeugkasten, der es uns deutlich leichter macht, Nutzpflanzen auf den Klimawandel vorzubereiten und die menschliche Ernährung nachhaltiger zu machen“, ist er überzeugt.

Anja Matzk von der KWS Saat verweist darauf, dass in den USA bereits drei gezielt veränderte Produkte auf dem Markt sind: „Während in Europa noch diskutiert wird, treiben andere Länder die Entwicklung massiv voran.“ So gebe es in den USA ein Sojaöl mit einer anderen Fettsäure, einen Salatmix mit einem milderen Geschmack und einen Römersalat mit verlängerter Haltbarkeit.

Zu den laufenden Projekten des Bayer-Konzerns zählt ein Mais mit einem kurzen Halm, der starkem Wind besser standhalten soll, sowie Getreidepflanzen, die Nährstoffe wie Stickstoff besser selbst verwerten können und deshalb weniger Dünger brauchen, erklärt Richard Lawrence, Leiter der Abteilung Genom-Editierung.

Neue, nützliche Merkmale

Außerdem wird bei Bayer daran gearbeitet, das Acker-Hellerkraut zur Zwischenfrucht zu machen, damit die Böden sich erholen und die Öle des Krauts als alternativer Kraftstoff für Flugzeuge eingesetzt werden können. Lawrence: „Genom-Editierung beschleunigt den Züchtungsprozess enorm und macht es leichter, neue, nützliche Merkmale für regional angepasste Sorten zu entwickeln.“

Doch es gibt auch Bedenken. In Stellungnahmen für das „Science Media Center“ äußern sich vor allem Ökologen kritisch: Für die von der EU eingezogenen Schwellenwerte „gibt es keinerlei wissenschaftliche Evidenz“, sagt Katja Tielbörger, Professorin an der Universität Tübingen. Die Regelungen seien „frei erfunden“.

Genveränderte Pflanzen seien nicht das gleiche wie klassische Züchtungen, warnt die Forscherin. Der Eingriff gehe tiefer und auch von Natur aus vor Mutation geschützte Bereiche im Genom könnten umgewandelt werden. „Dies geht mit einem größeren Risiko für die Umwelt einher“, so Tielbörger. Gunter Backes, Professor für Pflanzenzüchtung an der Universität Kassel, kritisiert die geplante Abschaffung der Kennzeichnungspflicht als „Entmündigung der Verbraucher“.

Ein weiterer Einwand kommt aus der Rechtswissenschaft: Silja Vöneky von der Universität Freiburg kam bereits im April 2025 in einem juristischen Gutachten für das Bundeslandwirtschaftsministerium zu dem Ergebnis, dass die Pläne der EU-Kommission gegen das Cartagena-Protokoll der Vereinten Nationen verstoßen.

„Identisch zu natürlicher Mutation“

Dieses Protokoll schreibt vor, zum Schutz der Artenvielfalt und der menschlichen Gesundheit biotechnologisch veränderte Pflanzen eingehend auf ihre Risiken zu untersuchen. Vor allem die unabsichtliche Verbreitung über Ländergrenzen hinweg und die internationale Kennzeichnungspflicht werde von der EU ignoriert, betont Vöneky.

In dieser Hinsicht keine Bedenken hat dagegen Holger Puchta, Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruher Institut für Technologie: Die mit Genom-Editierung eingeführten Veränderungen seien „vollkommen identisch zu natürlichen Mutationen“, von ihnen gehe so wenig Gefahr aus wie von konventionell angebauten Sorten.

Schon eine klassisch gezüchtete Gerstenpflanze unterscheide sich durch rund 100 natürliche Veränderungen von der nächsten. Kulturpflanzen seien derart stark verändert worden, dass sie sich in den natürlichen Ökosystemen nicht ausbreiten könnten. „Ich sehe also keine ökologischen Risiken“, meint Puchta.

Mit einer Flut genetisch veränderter Lebensmittel müssen Verbraucher vorerst nicht rechnen. Werden die neuen Regeln im Frühsommer verabschiedet, haben die 27 EU-Mitgliedsstaaten zwei Jahre Zeit, sie in nationale Gesetze einzupassen. Die Regeln könnten dann frühestens im Frühjahr 2028 formal in Kraft treten.

Zucht 20 bis 30 Prozent schneller

Im Anschluss müssen laufende Projekte Freilandversuche durchlaufen und zu anbaufähigen Feldfrüchten führen, die wiederum ein mehrjähriges Zulassungsverfahren beim Bundessortenamt zu überstehen haben. „Insgesamt dauert die Entwicklung neuer Sorten zehn bis zwölf Jahre“, rechnet Anja Matzk von der KWS Saat vor, „mit den neuen Züchtungsmethoden können wir hier rund 20 bis 30 Prozent schneller werden.“

Die meisten Umweltorganisationen lehnen gentechnische Methoden weiter rundum ab. Eine der aktuellsten repräsentativen Umfragen zur „neuen Gentechnik“, die Forsa 2023 durchgeführt hat, belegt eine deutliche Mehrheit der Verbraucher, die für eine intensive Risikoprüfung und Kennzeichnung sind.

Robert Hoffie vom Leibniz-Institut in Gatersleben sieht dennoch Anzeichen für einen Sinneswandel: „Auch die Grünen sind inzwischen um differenzierte Positionen bemüht. Und junge Menschen können oft gar nicht verstehen, wie es überhaupt zu diesen Horrorgeschichten über gentechnisch veränderte Pflanzen kommen konnte.“

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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