Pfalzpfoten
Rabenvögel: Verkannte Schlauberger
Zur Familie der Rabenvögel gehören außer Rabenkrähe, Saatkrähe und Kolkrabe unter anderem auch Dohle, Elster und Eichelhäher. Auffallend sind ihre starken Schnäbel und kräftigen Füße. Vor allem aber sind sie deutlich größer als andere Singvögel, zu denen sie gehören, obwohl ihr „Gesang“ in Menschenohren eher ein Gekrächze ist. Alles kein Grund, den Vögeln mit Skepsis oder gar Ablehnung zu begegnen. Seit Jahrhunderten genießen die schwarzen Gesellen einen schlechten Ruf: Sie werden als Nesträuber, als Erntevernichter, als Mörder bezeichnet. „Rabeneltern“ gilt als Schimpfwort, obwohl die Vögel gute Eltern sind.
„Das haben diese hochintelligenten Vögel nicht verdient. Die wissenschaftlichen Untersuchungen der jüngeren Zeit zeigen, dass fast alle dieser seit Jahrhunderten gepflegten Vorurteile in dieser absoluten Übertreibung nicht gerechtfertigt sind“, spricht sich Peter Ramachers, Landeskoordinator der Brutvögel in Rheinland-Pfalz, gegen eine negative Sichtweise aus.
Schwarmverhalten führt zu Fehleinschätzung
Die Rabenkrähe, auch Aaskrähe genannt, kommt in der Pfalz außer in den ausgedehnten Waldungen des Pfälzerwaldes überall vor. „Sie besiedelt halboffene Feldlandschaften in einer völlig normalen Dichte von etwa ein bis zwei Brutpaaren pro Quadratkilometer“, entgegnet Ramachers dem Trugschluss, es gebe zu viele Exemplare. Das sieht mancherorts tatsächlich so aus, wenn bis zu 100 der schwarzen Vögel zusammengerottet auf hohen Baumkronen einfallen, um dort zu nächtigen, oder wenn sie sich krächzend und mit erstaunlichen Flugmanövern scharenweise am Himmel zeigen.
„Zu Fehleinschätzungen hinsichtlich der Häufigkeit von Rabenkrähen führen die größeren Schwärme von nicht brütenden Jungvögeln, die man besonders ab Sommer und im Winter gelegentlich in der Landschaft beobachten kann“, erläutert Ramachers. Sie treffen sich zum Beispiel an Abfalldeponien und Gehöften, wo Nahrungsabfälle etwa aus Nutztierfütterungen leicht zu ergattern sind, und die in der Nähe der nächtlichen Gemeinschaftsschlafplätze liegen. Andererseits sieht man oft kilometerweit keinen einzigen Rabenvogel. „Wenn sich solche Schwärme mit jungen Saatkrähen und Dohlen mischen, ist es für den ungeübten Beobachter fast unmöglich, die einzelnen Arten auseinanderzuhalten“, so der Vogelkenner.
Nester werden später oft „vermietet“
Rabenkrähen bauen ihre Nester aus Zweigen und befestigen sie mit feuchter Erde. Während der Brut verteidigen sie das Nest energisch gegen Artgenossen. Dafür überlassen sie diese stabilen Wohnungen in den Folgejahren anderen Vogelarten. Jedenfalls sind in den oft am Rand von Gehölzen oder kleineren Waldgebieten stehenden Nestbäumen nach den Krähen Ringeltauben, Waldohreulen, manchmal auch Greifvögel zu beobachten. „Krähen bilden schon aus diesem Grund einen wichtigen Bestandteil der Lebensgemeinschaft in einer intakten Natur“, stellt Ramachers dazu fest.
Wer kennt nicht das Bild der am Straßenrand hopsenden Krähe, die genau den Verkehr beobachtet, um sich bei freier Straße an einem überfahrenen Tier zu laben. Krähen sind wahre Gesundheitspolizisten, die aufräumen und selbst den Inhalt einer weggeworfenen Fast-Food-Tüte entsorgen. Pflanzliche Nahrung wie Getreide, Samen und Früchte fressen sie genauso wie Würmer, Eidechsen und einen geschwächten Hasen .
Wenn mal ein Vogelnest in einer Hecke gefunden wird, werden auch Eier und Jungvögel nicht verschmäht. Den Krähen aber deshalb Bestandseinbußen bei Kleinvögelbeständen an die Krallen zu heften, ist nicht haltbar. Das hat bekanntlich andere Ursachen, die sich der Mensch ankreiden lassen muss.
Als Stadtbewohner problematisch
Die Saatkrähe unterscheidet sich von der fast gleich großen Rabenkrähe vor allem durch ihren nackten, grindig-weißen Schnabelgrund. Der Schnabel ist spitz und schlank. Die Rabenkrähe hat einen gebogenen, kräftigen Schnabel. Saatkrähen brüten in kleinen bis größeren Kolonien auch in Städten. Menschen, die in der Nähe wohnen, fühlen sich durch das Verhalten der geselligen Krähen häufig gestört. Der ruffreudige, sich rituell vorm Partner verbeugende Vogel gehört nicht zu den leisen Tierarten. Auch sein Kot verunziert so manches Auto. Da bei der Nahrungssuche im ländlichen Raum Sämereien wie Getreide, Mais und Neuansaaten nicht verschmäht werden, was lokal durchaus auch mal zu Verlusten auf Anbauflächen führen kann, gilt die Saatkrähe auch da oft als lästig.
Höhere Geburtenraten durch Abschüsse
Nach Jahrhunderten der Verfolgung und regionaler Ausrottung mancher Rabenvögel wurden sie 1987 im Zusammenhang mit der Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinie unter Schutz gestellt. Während die Saatkrähe in Rheinland-Pfalz ganzjährig geschützt ist, gelten seit 1998 die Rabenkrähe und auch die Elster vom 1. August bis 20. Februar wieder als jagdbare Tiere.
„Das Wegschießen von Rabenvögeln stellt einen Eingriff in den natürlichen Naturhaushalt dar und wird von den Krähen durch erhöhte Geburtenraten wieder ausgeglichen„, sagt Peter Ramachers. Er kann den genehmigten Abschuss der Krähen nicht nachempfinden. „Der bis in die heutige Zeit stattfindenden, emotional aufgeladenen und oft unsachlich geführten Diskussion ist mit Misstrauen zu begegnen“, sagt der Landeskoordinator für Brutvögel. Er plädiert für eine andere Sicht auf die überaus intelligenten Vögel, die vorausschauend planen und handeln können und mit Recht als Krone der Vogel-Schöpfung gelten.
Zur Sache: Kolkraben
Der Kolkrabe ist mit einer Spannweite von etwa 1,20 Metern der größte Singvogel der Welt und der mit Abstand größte europäische Rabenvogel. In Rheinland-Pfalz war er bis etwa 1939 ausgerottet. Erst der Schutz dieses intelligenten Großvogels ermöglichte eine Wiederbesiedlung ab etwa 1998. Seitdem ist sein in kurzen Abständen ausgestoßenes tiefes, kehliges „grog“ oder „kok“ wieder zu hören.
Der als „Lämmer- oder Kälberkiller“ gebrandmarkte Vogel kann zwar viel, aber laut Umweltverbänden und Biologen weder Lamm noch Kalb töten. Fehl- und Nachgeburten gehören aber zur Beute. Die Videoüberwachung einer Rinderherde brachte den Beweis, dass der Kolkrabe vorausschauend denken kann: Mehrfach wurde einer der Vögel aufgezeichnet, wie er sich an ein schlafendes Kalb anschlich, es in den Schwanz zwickte und wartete, bis es beim Aufstehen Kot absetzte. Genau darauf war der Vogel scharf. Überfahrene, kranke oder verendete größere Tiere und Kleinsäuger sind seine Hauptnahrung. Aber auch Reptilien, Insekten und Würmer erbeutet der Allesfresser. Er trägt zudem zur Verbreitung von Gewächsen bei, da er auch Samen und Früchte auf dem Speiseplan hat.
Seinen Horst baut er auf hohen Bäumen in abgelegenen und ruhigen Altwaldbeständen. Auch Bruthorste in Felswänden, die vom Uhu oder Wanderfalken genutzt werden, sind bekannt. Oft belegt das in Dauerehe lebende Kolkraben-Paar viele Jahre denselben Nistplatz.