Tiere RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Hundebiss und seine Folgen

Der Großpudel wurde an einer empfindlichen Stelle verletzt und musste einen OP-Body tragen.
Der Großpudel wurde an einer empfindlichen Stelle verletzt und musste einen OP-Body tragen.

Der Alptraum für jeden Hundebesitzer: Beim Spaziergang wird aus einer vermeintlich harmlosen Begegnung blutiger Ernst. Warum nach einem Beißvorfall für einen Hund immer tierärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden sollte, weiß unser Mitarbeiter aus eigener Erfahrung.

An einem sonnigen Vormittag in vertrauter Umgebung schnappt das Unglück zu: Ein älterer, mittelgroßer Australian-Shepherd-Rüde beißt unseren jungen, langbeinigen Großpudel in die Weichteile. Der wehrt sich, beißt zurück, sodass nach wenigen Sekunden zwei verletzte Hunde von ihren erschrockenen Halterinnen weggeführt werden.

Was hatte diese Eskalation zwischen zwei ansonsten freundlichen Hunden, die sich regelmäßig begegnen, ausgelöst? War es Eifersucht? Hat der „Aussie“ ein Problem damit, dass sein Frauchen den fremden Pudel bei jeder Begrüßung ausgiebig knuddelt? Man steckt nicht drin im Kopf eines Hundes, sollte seine Friedensliebe aber nicht überschätzen.

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Angemessene Wundversorgung ist Pflicht

Nach einer solchen Beißerei muss der erste Weg immer zum Tierarzt führen: Eine angemessene Wundversorgung und eine Antibiotikatherapie sind Pflicht, meist gibt es auch ein Schmerzmittel, um unnötiges Leid zu mildern. Der Großpudel blutet zunächst stark, das beruhigt sich aber, sodass die Tierärztin zwei kleinere Schrammen an der Vorhaut und einen Cut am vorderen Schwellkörper des Penis feststellen kann.

Eine scheinbar harmlose Bisswunde kann großen Blutverlust nach sich ziehen.
Eine scheinbar harmlose Bisswunde kann großen Blutverlust nach sich ziehen.

Scheint alles nicht so dramatisch zu sein. Auch die Harnröhre ist offensichtlich noch intakt, was der Rüde beim Verlassen der Praxis am nächsten Baum auch unter Beweis stellt. Gut so, denn ein Harnblasenkatheter möchte man sich für seinen Hund nicht wirklich vorstellen.

OP-Body hilft gegen den Schleckreflex

Die Aufregung bei Hund und Halterin geht langsam zurück, der Blutdruck sinkt. Zum Schutz der Wunde gibt es zu Hause noch einen Anzug vom Vorgängerhund, neudeutsch auch OP-Body genannt. Gegen den Schleckreflex ist ansonsten kein Kraut gewachsen. Für den Nachmittag ist Ruhe angesagt und gelegentliches Kühlen mit einfachen Kühlkompressen. Abends, als es nochmals auf die Wiese gehen soll, zeigt sich dann allerdings, dass wir so leicht nicht davonkommen: Der Hund steht aktiviert im Flur und blutet minutenlang aus der Bisswunde.

Blutlachen im Hausflur und verblutete Schutzverbände werden in den nächsten Tagen zur traurigen Regel: Immer wenn der Blutdruck steigt aus Aufregung oder Freude, oder wenn hormonelle Schwankungen den Schwellkörper vergrößern, verabschiedet sich der bis dahin gebildete Wundverschluss und das Blut spritzt hervor. Der Penis dürfte zu den am besten durchbluteten Körperteilen des Rüden gehören. Beim Deckakt schwillt er bekanntlich extrem an, bis die Partner fest aneinander hängen.

Kleine Wunde verursacht große Blutung

Das besorgte Abschätzen der Blutlachen mit der etwa gleichen Menge an Wasser aus einem Messbecher ergibt, dass es sich um jeweils 25 bis 30 Milliliter handelt. Es ist kaum zu glauben, dass so große Blutmengen aus einer nur knapp einen Zentimeter langen Wunde stammen. Aber eine weitere gründliche tierärztliche Untersuchung mit dem Ausstülpen (fachlich Ausschachten) des kompletten Penis zeigt keine weitere Verletzung.

Als Faustregel in der Tiermedizin gilt, dass das Blutvolumen eines Tieres etwa sieben Prozent des Körpervolumens beträgt. Unser knapp 30 Kilogramm schwerer Pudel dürfte also über gut zwei Liter Blut verfügen. Lebensgefährlich werden Blutungen für ein Tier spätestens, wenn es mehr als die Hälfte seines Blutvolumens verliert. Als Anhaltspunkt kann man das Unterlid des Auges vorsichtig nach unten ziehen und prüfen, ob es dahinter noch rosig aussieht, also ausreichend durchblutet ist.

Neues Blut zu bilden, dauert lang

Auch wenn man selbst ruhig Blut behält, ist es bei andauernden Blutungen aber schwierig, die Gesamtmenge richtig einzuschätzen. In unserem Fall dürfte sie innerhalb von sechs Tagen bei etwa 300 Millilitern gelegen haben. Für die Neubildung von Blut in dieser Größenordnung muss man mit drei Wochen rechnen. Umso wichtiger ist, alles zu unternehmen, um die Blutung zu stoppen. Bei Verletzungen an anderer Stelle übliche Verfahren, wie Tackern oder Kleben, kommen am Penis nicht infrage. Auch eine Naht ist an dieser Stelle schwierig. Deshalb versuchen wir es zunächst außer mit Ruhe und Kühlung mit der Injektion von sogenannten Blutstillern, also Wirkstoffen, die den Wundverschluss fördern sollen.

Am Ende hilft nur klassisches Nähen

Eingesetzt werden sowohl ein bewährtes pflanzliches Kombinationspräparat als auch ein synthetischer Wirkstoff, der etwa bei Operationen verwendet wird. Gegen den Schwellkörper eines jungen Rüden haben es diese Mittelchen allerdings schwer. Und das, obwohl die im ersten Präparat enthaltene Schafgarbe Achillea millefolium nach Achilleus, dem antiken Helden des trojanischen Krieges benannt wurde, der sie zur Wundheilung verwendet haben soll.

Und so bleibt zu guter Letzt nur die klassische Kunst eines Tierchirurgen, dem es mit einem besonders feinen Faden gelingt, die Wunde am Penis zu nähen. Als der sedierte Pudel nach dem Eingriff in seine Privatsphäre wieder zu sich kommt, quittiert er das tagelange Bemühen aller Beteiligten mit einem herzhaften Bellen.

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