Gesundheit
Hoffnung für Schmerzpatienten
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat erstmals seit 25 Jahren wieder ein neuartiges Schmerzmittel zugelassen: Suzetrigin. Es soll bei akuten wie chronischen Schmerzen hilfreich sein und deutlich weniger Nebenwirkungen haben als etwa Opioide.
„Wir warten schon lange darauf, dass eine neue Klasse von Schmerzmitteln kommt“, erklärt Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg. „Denn es gibt viele Patienten mit Schmerzen, die wir nicht ausreichend behandeln können“, so die Professorin. Es seien zwar in den vergangenen Jahren immer wieder Studien mit vielversprechenden Wirkstoffen publiziert worden. Doch die hätten sich am Ende nicht durchsetzen können. „Es ist daher schon toll, dass wir mit Suzetrigin endlich eine neue Substanz haben, die zumindest schon einmal in den USA ihre Zulassung bekommen hat“, berichtet die Neurologin und Schmerzforscherin.
Neuer Wirkstoff soll gut verträglich sein
Im Unterschied zu den Opioiden bindet der neue Wirkstoff nicht an Rezeptoren im Gehirn, sodass praktisch kaum Abhängigkeiten zu befürchten sind. Stattdessen hemmt er einen spezifischen Natriumkanal, durch den die Signale aus den Schmerzrezeptoren, die sich fast überall im Körper befinden, zum Rückenmark und von dort ans Gehirn weitergeleitet werden. Suzetrigin kann zwar zu Übelkeit, Verstopfung, Juckreiz und Muskelkrämpfen führen. „Doch insgesamt wird ihm eine sehr gute Verträglichkeit bescheinigt“, betont Sommer.
Die Zulassung der FDA erfolgte aufgrund zweier Studien an Patienten mit akuten postoperativen Schmerzen. Hier wirkte Suzetrigin besser als das Placebo, und ungefähr gleich gut wie eine Kombi-Therapie aus Paracetamol und dem Opioid Hydrocodon. Gerade für die USA ist das eine positive Nachricht, weil man dort fieberhaft nach Auswegen aus der verheerenden Opioid-Krise mit ihren zigtausend Suchtkranken sucht. In Deutschland hingegen wird Suzetrigin eher als Mittel gegen neuropathische Schmerzen diskutiert, von denen mehr als ein Zehntel aller Diabetespatienten betroffen sind.
Noch kein Antrag auf Zulassung in Europa
Noch hat der Hersteller von Suzetrigin in Europa keinen Antrag auf Zulassung gestellt. Dabei bräuchte der hiesige Schmerzmittelmarkt dringend neue Impulse. Denn handelsübliche Wirkstoffe wie ASS, Ibuprofen und Diclofenac gelten als Risikofaktor für Geschwüre und Blutungen im Magen. Selbst das weithin als harmlos eingeschätzte „Kinder-Mittelchen“ Paracetamol hat sich in einer englischen Studie an Senioren als Risikofaktor für Magengeschwüre, Herzschwäche, Bluthochdruck und chronische Nierenerkrankungen herausgestellt.
Wissenschaftler suchen daher fieberhaft nach neuen Schmerzmitteln. Außer selektiven Natriumkanal-Hemmern wie Suzetrigin hat sich ein Wirkstoff in den Vordergrund gespielt, der sonst im Wolfsmilchgewächs Euphorbia resinferae vorkommt: RTX (Resiniferatoxin). Er ist bis zu hundert Mal schärfer als der Chili-Scharfstoff Capsaicin. Mittlerweile haben ihn Forscher für den Menschen verträglich gemacht, ohne dass er seine Wirksamkeit verliert. Er hemmt bestimmte Schmerzrezeptoren, wirkt also dort, wo das Schmerzsignal entsteht. Mit der EU-Zulassung für RTX wird für 2026 gerechnet.
Noch früher, nämlich diesen Sommer, wird die Zulassung für VER-01 erwartet. Es handelt sich dabei um ein Cannabis-Extrakt, in dem außer dem bekannten Wirkstoff THC auch das schlaffördernde und depressionshemmende Beta-Caryophyllen dominiert. Es soll bei starken Rückenschmerzen helfen. Außerdem wird eine Zulassung für Neuropathien angestrebt. Es zeigten sich bislang keine Anzeichen von Abhängigkeit sowie Über- und Fehlgebrauch, was ja gern im Zusammenhang mit Cannabis-Produkten erwartet wird.
Erwartungshaltung und Psyche spielen große Rolle
Zu denken gibt allerdings, dass VER-01 in einer Studie zwar den Wert auf der zehnteiligen Rückenschmerz-Skala von 6,1 auf 4,0 senkte. Doch das Placebo senkte den Wert ebenfalls auf 4,7. Die Psyche und Erwartungshaltung des Patienten spielen offenbar beim Schmerz eine große Rolle.
Denn Schmerz entsteht nicht nur auf der Ebene von Rezeptoren und Ionenkanälen, sondern auch im Gehirn, wo er gleich in mehreren Arealen verarbeitet wird. Dass dabei auch Gefühle wie etwa Hoffnung und Angst mitspielen, liegt nahe. Dies bestätigt eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen.
Schmerzbahnen im Gehirn lassen sich überschreiben
Die Testpersonen erhielten parallel zu einem Hitzereiz am Unterarm ein elektronisches Signal, das ihnen entweder als schmerzverstärkend oder schmerzlindernd erklärt wurde. Nur, dass es in Wahrheit weder das eine noch das andere war. Nichtsdestoweniger hatten beide einen starken Effekt auf die Schmerzwahrnehmung, der sich noch eine Woche nach dem Experiment feststellen ließ. Allerdings verstärkten die negativen Erwartungen den Hitzeschmerz – auf einer Skala von null bis hundert – um elf Punkte, während die positive Annahme ihn nur um rund vier Punkte reduzierte. Das Nocebo wirkte also mehr als doppelt so stark wie das Placebo.
Claudia Sommer und ihr Team forschen schon seit geraumer Zeit zu der Frage: „Was machen die Menschen richtig, bei denen die Schmerzen nicht chronisch werden, sondern weggehen?“ Dabei geht es auch darum, wie man die Ausbildung synaptischer Verbindungen im Gehirn verhindern kann, durch die der Schmerz als dauerhaftes Reaktionsmuster verankert wird. Oft wird dieser Prozess auch als „Schmerzgedächtnis“ bezeichnet. Doch Sommer ist nicht glücklich mit diesem Begriff: „Denn oft sagen uns die Patienten, dass sie wegen ihres Schmerzgedächtnisses nichts gegen ihren Schmerz tun können“, berichtet sie. Tatsache sei jedoch, dass man die Schmerzbahnen im Gehirn durchaus „überschreiben“ könne. Beispielsweise durch Psycho- und Bewegungstherapien sowie das Erlernen von Entspannungsverfahren.
Biofeedback: Neuer Ansatz in der Schmerztherapie
Ein neuerer Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzen ist das sogenannte Herzratenvariabilitäts-Biofeedback. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass Menschen umso besser mit Schmerzen zurechtkommen, je flexibler ihr Herzschlag darauf reagieren kann. Das Problem ist jedoch, dass man die Herzarbeit in der Regel nicht willentlich beeinflussen kann, weil sie vom autonomen Nervensystem gesteuert wird. Es sei denn, man trainiert dies im sogenannten Biofeedback. Der Übende sieht dabei auf einem EKG-Monitor seinem Herzen bei der Arbeit zu, sodass er lernen kann, wie er sie mit seinem Verhalten oder auch mit seinen Gedanken beeinflussen kann. In der Regel braucht er dazu nicht mehr als acht bis zehn Sitzungen.
„Das Herzratenvariabilitäts-Biofeedback hat sich bereits bei körperlichen Erkrankungen sowie Ängsten und Depressionen als wirksam gezeigt“, sagt Alexandra Martin von der Bergischen Universität in Wuppertal. „Aber auch bei chronischen Schmerzen gibt es erste Belege für die positive Wirkung des Herzratenvariabilitäts-Biofeedbacks“, berichtet die Leiterin der Universitätsambulanz für Psychotherapie. Martin plant zurzeit eine Studie, mit der dieser Trend untermauert werden könnte. Es wäre ein weiterer Baustein in der Schmerztherapie.