Fitness
Bandscheibenvorfall: Wenn der Stoßdämpfer versagt
Vor lauter Schmerzen geht oft erst mal gar nichts nach einem Bandscheibenvorfall. Doch allzu lange dürfen sich die Betroffenen nicht ausruhen. „Nach einem akuten Bandscheibenvorfall kann sich der Patient zwei bis drei Tage schonen. Aber dann sollte man mithilfe von Schmerzmitteln raus an die frische Luft und zum Beispiel spazieren gehen“, sagt Ingo Froböse, Leiter des Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln. Seit Langem plädiert der Sportwissenschaftler für mehr Aktivität im Alltag – auch nach einem Bandscheibenvorfall sei Bewegung das A und O. So wird der Stoffwechsel aktiviert und der Rückenbereich gestärkt. „150 Muskeln wirken direkt auf die Wirbelsäule ein und die wollen alle bewegt werden“, sagt der Experte.
Trifft ein Bandscheibenvorfall jüngere Menschen, dann sind die häufigsten Ursachen Übergewicht, Fehlbelastungen der Wirbelsäule, eine schwache Bauch- und Rückenmuskulatur, wenig Bewegung und viel Sitzen. Eine hohe Belastung zum Beispiel durch häufiges schweres Heben kann einen Bandscheibenvorfall begünstigen. In den meisten Fällen kommt ein Bandscheibenvorfall jedoch nicht plötzlich, sondern er ist die Folge von Verschleiß. Im Laufe des Lebens nimmt die Elastizität der Bandscheiben ab, sie werden spröde und rissig.
Bei Taubheit oder Lähmungen sofort zum Arzt
23 Bandscheiben liegen wie Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Rückenwirbel. Sie bestehen aus einer Faserhülle und einem gelartigen, elastischen Kern. Bei einem echten Bandscheibenvorfall verlagert sich das Gewebe des Gallertkerns in den Wirbelkanal, es kann auf die Nerven drücken und sie reizen. Meistens tritt der Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule auf – Froböse nennt diesen Teil des Körpers das „Schlechtwettereck“. Bandscheibenvorfälle können aber auch die Halswirbel- oder Brustwirbelsäule betreffen.
Zwar kann es vorkommen, dass ein Bandscheibenvorfall unbemerkt bleibt, jedoch ist ein akuter Bandscheibenvorfall extrem schmerzhaft und muss schnell behandelt werden. Bei Anzeichen wie ausstrahlenden Schmerzen in Gesäß und Beinen, Empfindungsstörungen, Taubheit, Kribbeln und Lähmungen oder bei Inkontinenz ist schnelles Handeln gefragt. Dann sollte der Betroffene sofort einen Arzt aufsuchen, Schmerzmittel geben eine erste Linderung, ein Röntgenbild schafft Klarheit, ob es sich um einen echten Vorfall handelt.
Sechs Wochen lang täglich Sport machen
Auch bei einem akuten Bandscheibenvorfall hält Froböse eine Operation nur für das letzte Mittel der Wahl. Er rät, es zunächst sechs Wochen mit konservativen Mitteln zu versuchen, zwei Aspekte seien dabei wichtig: Schmerzen lindern und die Rückenmuskulatur mobilisieren. Am Anfang sollte der Patient Schmerzmittel einnehmen, damit er sich schmerzfrei bewegen kann. Denn nehmen die Betroffenen aufgrund der Schmerzen eine Schonhaltung ein, kann sich der Rücken zusätzlich verspannen und es kommt zu weiteren Schmerzen.
Als Sport nach einem Bandscheibenvorfall eignen sich vor allem Radfahren, Schwimmen oder Joggen. Allerdings sollte man sich vor dem Training mit seinem Arzt besprechen. Alle Tätigkeiten und Bewegungen, die die Bandscheiben belasten, sollten konsequent vermieden werden, dazu zählen in gebückter Haltung putzen, Sand oder Erde schippen und schwere Lasten heben. Im Idealfall treibt der Patient nach einem Bandscheibenvorfall für sechs bis acht Wochen täglich Sport und meidet alle belastenden Bewegungen. Dann stellt sich in der Regel eine deutliche Besserung der Beschwerden ein. Ist das nicht der Fall, muss eventuell über eine Operation nachgedacht werden.
Der Rücken wird oft vernachlässigt
Bewegung sollte in jedem Fall im Alltag integriert werden. Froböse selbst geht täglich laufen und sagt: „In einen gesunden Rücken sollte jeder täglich investieren.“ Seine Lieblingsübung ist die sogenannte Hackerübung. Diese Übung eignet sich sowohl präventiv als auch nach einem Bandscheibenvorfall. Dabei stellt man sich mit schulterbreit geöffneten, leicht gebeugten Beinen aufrecht hin und legt die Arme seitlich an den Körper. Dann beugt man die Unterarme im 90-Grad-Winkel nach vorne. Die Ellenbogen bleiben nah am Körper. Dann führen die Unterarme etwa 30 Sekunden lang schnelle, kleine Hackbewegungen aus.
Als eine der Hauptursachen für einen Bandscheibenvorfall nennt Ingo Froböse die Vernachlässigung des Rückens. „Der Rücken liegt im wahrsten Sinn des Wortes auf der Rückenseite des Lebens und wird zu wenig beachtet. Der Mensch ist zu 99 Prozent mit dem Affen verwandt und die Affen kennen keine Rückenschmerzen. Und warum nicht? Weil sie ständig in Bewegung sind“, sagt er. Er nennt die beste Prävention gegen Rückenschmerzen und gegen einen Bandscheibenvorfall: Bewegung, Bewegung und noch mal Bewegung.
Ein Küchenstuhl macht keinen Rücken kaputt
Rückenschmerzen an sich sind zunächst ein gutes Alarmzeichen des Körpers. „Da beginnt sozusagen ein Alarm zu klingeln und der Körper schickt eine Warnung“, sagt der Sportwissenschaftler Froböse. Spätestens jetzt sei es Zeit zu handeln und seinen Alltag und seine Strukturen zu ändern. „Rückenschonende Bewegungen gibt es nicht, ich sage lieber rückengerechte Bewegungen, das fängt auch beim richtigen Hochheben von Gegenständen an“, sagt der Experte.
Auch wenn jetzt während der Pandemie mehr Menschen im Homeoffice arbeiten und auf Küchenstühlen sitzen, ist Ingo Froböse der Meinung, dass ein solcher Stuhl keinen Rücken kaputt macht. „Rückenschmerzen liegen nie nur an der einen Matratze oder dem einen Stuhl. Rückenleiden sind das Produkt von zu wenig Bewegung. Bei einer sitzenden Tätigkeit sollte man stündlich einmal aufstehen und fünf Minuten leichte Bewegungen machen“, sagt er.
Er rät allen dazu, mehr zu laufen oder Fahrrad zu fahren – gerade dieser diagonale Reiz sei gut für den Rücken. Wird der Körper und damit auch der Rücken zu wenig bewegt, werden die Strukturen geschwächt und die Rückenbänder weniger versorgt. Deswegen sei Bewegung immer gut – egal welche Art von Bewegung.