Gesundheit
Angst vor der Spritze
Es gibt Personen, die freiwillig nie zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen würden, weil eine Blutentnahme dazugehört, oder die den Zahnarztbesuch, verbunden mit einer möglichen Betäubungsspritze, vermeiden. Selbst die Bilder der Corona-Impfkampagne im Fernsehen sind für Menschen, die unter einer Spritzenphobie leiden, eine Zumutung. „Eine Phobie ist eine sehr stark ausgeprägte Angst, die deutlich übersteigert ist“, erklärt Angelika Erhardt, Fachärztin für Psychiatrie und Leiterin der Ambulanz für Angsterkrankungen am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.
Schweißausbrüche, Zittern und Pulsrasen
„Sie führt zu starken körperlichen Angstsymptomen wie Schweißausbrüchen, Zittern, Pulsrasen und Kreislaufabfall, der bis zur Ohnmacht gehen kann“, erläutert sie. Die Betroffenen fühlen sich völlig machtlos und ausgeliefert – mit der Folge, dass derart angstauslösende Situationen zukünftig gemieden werden.
Zur Angst vor Spritzen kommt häufig die Scham, die heftigen Reaktionen des Körpers in der quasi öffentlichen Situation etwa eines Corona-Impfzentrums durchleben zu müssen. Für manche daher Grund genug, auf die Impfung zu verzichten. Genaue Untersuchungen, wie viele Erwachsene infolge einer Spritzenphobie eine Impfung ablehnen, gibt es bisher noch nicht. Experten schätzen ihren Anteil auf fünf bis sieben Prozent.
Angst verliert sich im Laufe der Lebensjahre
Im Kindesalter und bei jungen Erwachsenen kommt die Spritzenangst mit 20 bis 30 Prozent relativ häufig vor. Je älter man wird, umso mehr verliert sie sich: Im Mittel über das gesamte Erwachsenenalter gesehen liegt sie noch bei rund drei Prozent. „Wie bei allen Angsterkrankungen sind auch hier mehr Frauen betroffen“, sagt Erhardt. Oft beobachtet man eine familiäre Häufung.
Die Angst vor der Spritze entsteht nicht aufgrund einer einzigen Ursache, sondern ist immer eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren. „Es ist eine komplexe Interaktion zwischen Genetik und Umwelt. In der Kindheit sind Ängste vor Umweltereignissen wie Gewitter sowie vor Objekten und Tieren normal. Da ist die Angst vor der Spritze sehr häufig vorhanden. Aber man lernt auch die Bewältigung der Angst – etwa, wenn man hinterher in den Arm genommen und getröstet wird. Die Angst wird verarbeitet und verliert sich dann“, sagt die Münchner Fachärztin für Psychiatrie.
Phobierisiko größer bei negativer Kindheitserfahrung
Wenn allerdings negative Erfahrungen mit Nadelstichen und Blutabnahmen in der Kindheit überwiegen oder durch fehlendes liebevolles Verhalten der Bezugspersonen nicht aufgefangen werden, ist das Risiko, derartige Ängste auch noch im Erwachsenenalter zu empfinden, größer. Die Betroffenen wissen, dass ihre Angst übertrieben ist, aber sie können damit nicht umgehen. Die Auswirkungen können durchaus negative gesundheitliche Folgen haben, wenn zum Beispiel durch das Vermeiden von Blutabnahmen keine Blutwerte zu diagnostischen Zwecken erhoben werden können und notwendige Vorsorgemaßnahmen oder Zahnbehandlungen unterbleiben.
Therapie kann helfen, Blutabnahme durchzustehen
Vielen Betroffenen kann durch eine Therapie geholfen werden. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hat sich eine Kurzintervention über sechs Sitzungen bewährt, in der die Patienten mit dem angstmachenden Ereignis konfrontiert werden. Obwohl es vielfach lange Wartezeiten für eine psychotherapeutische Behandlung gibt, ist im Hinblick auf die Corona-Impfungen „ein schneller Zugang vorgesehen“, wie Angelika Erhardt betont.
Zusammen mit dem Therapeuten sehen sich die Patienten zunächst Bilder und dann Videos an, die beispielsweise eine Impfung oder eine Blutabnahme zeigen. Nach und nach lernen sie, sich der gefürchteten Situation zu stellen. Gegen Ende der Therapie sind sie dann soweit, dass sie selbst eine Spritze erhalten können oder eine Blutabnahme durchstehen. „Die Kurzintervention ist sehr wirksam. Auch wenn die Angst danach nicht komplett weg ist, sind Impfungen und andere Interventionen in der Regel gut durchführbar“, so die Psychiaterin.
Betroffene sollten dem Arzt die Angst mitteilen
Wer nicht gleich zu einem Therapeuten gehen möchte, kann auch erst einmal versuchen, sich allein mit seiner Angst auseinanderzusetzen. Bücher zum Thema Angst und Bewältigungsstrategien gibt es viele, und so mancher kommt damit auch klar. „Aber der professionelle Input im Rahmen einer Therapie ist doch oft nötig“, meint Erhardt. In der aktuellen Situation der Corona-Impfungen sollten Betroffene auf jeden Fall dem Arzt oder dem medizinischen Personal im Impfzentrum mitteilen, dass sie unter einer Spritzenangst leiden. So können sich alle Beteiligten darauf einstellen. Manchmal hilft schon ein wenig mehr Mitgefühl, um die Lage für den Spritzenphobiker zu entspannen.