Im Garten RHEINPFALZ Plus Artikel Gehölzschnitt: Markante Silhouetten schaffen

800 Jahre alter Bonsai bei einer Ausstellung in Kyoto: ein unbezahlbares Meisterwerk.
800 Jahre alter Bonsai bei einer Ausstellung in Kyoto: ein unbezahlbares Meisterwerk.

Von Bonsai bis Topiary – Gehölzschnitte tragen unterschiedliche Namen. Ob Tradition, Kunst oder Geschmackssache: Feingefühl, reichlich Arbeit und Geduld sind nötig.

Meditation oder die pure Lust am Formen – einem Gehölz an die Äste, Blätter oder Nadeln, mitunter auch an die Wurzeln zu gehen, kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Ob es sich dabei nun um eine jahrtausendalte Tradition, wie etwa beim Penjing und beim Bonsai handelt, oder um neuere Methoden – bearbeitet werden Pflanzen, keine leblosen Materialien. Das sollte immer bedacht werden. Das gilt für den Figurenschnitt, mitunter Topiary genannt, genauso wie für Niwaki, hinter dem sich das Formen von Gartenbäumen verbirgt.

Um Zweigen eine Richtung zu geben, werden sie gedrahtet.
Um Zweigen eine Richtung zu geben, werden sie gedrahtet.

Wer die Schere schwingt und das Gewächs womöglich in eine unnatürliche Form bringen will, sollte der Pflanzenphysiologie unbedingt Beachtung schenken. Wenn man Zweige allzu sehr nach unten zwingt oder die natürliche Wuchsrichtung der Pflanze zu stark verändert, führt das schnell zum Absterben des Astes oder gar des Baums.

Bei jedem Gehölzschnitt, egal zu welchem Zweck, sind Kenntnisse über die Lebensvorgänge der Pflanze genauso wichtig und zielführend wie sich Zeit zu nehmen und behutsam die Schere oder sonstige Hilfsmittel einzusetzen. Jahrelange Geduld und immer wieder konsequentes Nacharbeiten, das braucht es beim Figurenschnitt und bei der Bonsai-Kunst ebenfalls.

Topiary: Figuren im Garten

Schon in der Antike wurden Pflanzen in Form geschnitten. In der Renaissance entstanden ganze Parklandschaften aus geformten Gewächsen, und Barockgärten sind ohne Formgehölze nicht vorstellbar. Bis heute steht die Lust, Pflanzen in geometrische Formen, Eigenkreationen, Schachfiguren, Tiere oder was auch immer zu verwandeln, sprichwörtlich in voller Blüte.

Zypressen, Eiben, Liguster oder auch Lorbeer und Robinien, um nur einige der geeigneten Gehölze zu nennen, liegen nach wie vor hoch im Kurs, wenn es darum geht, der Pflanze eine besondere Form zu geben.

Beim Penjing werden Bonsai in Miniaturlandschaften integriert.
Beim Penjing werden Bonsai in Miniaturlandschaften integriert.

Buchs dagegen, über Jahrhunderte aus der „formenden Gartenkunst“ nicht wegzudenken, schwindet sowohl in den alten Parks als auch bei neuen Gartenformen. Zumindest, wenn nicht konsequent gegen den aggressiven Buchsbaum-Pilz und den gefräßigen Buchsbaumzünsler vorgegangen wurde und wird.

Penjing: Landschaft gestalten

Gewächse in Miniatur in all ihrer Erhabenheit darzustellen, hat eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte. Der Ursprung dieser asiatischen Kunst geht zurück auf die Naturverbundenheit buddhistischer Mönche und ihre religiöse Verehrung einzelner Bäume. Die Grundzüge dieser wahrlich kunstvollen Gestaltungstechnik, die dort unter Penjing zusammengefasst wird, wurden in China geschaffen. Penjing, das sind meist miniaturisierte Landschaften, die in Schalen oder auf Tabletts dargestellt werden und eine Geschichte erzählen.

Bonsai: Natur-Beziehung

Etwa 200 Jahre jünger ist die japanische Bonsai-Kunst, bei der die Gestaltung einzelner Bäume im Vordergrund steht. Seit Alters her werden in Japan besonders gewachsene Bäume verehrt. Der Wunsch, Kopien solch geschätzter Bäume im Garten oder im Haus zu haben, führte zur Perfektionierung der Bonsai-Kunst, die voller Symbolik steckt und immer eine innige Beziehung zur Natur ausdrückt.

Die Kunst besteht dabei darin, einen Baum durch Schnitt- und Kulturverfahren kleinzuhalten und obendrein Baum und Pflanzschale in Einklang zu bringen. Der japanische Begriff Bonsai besagt es bereits: „Bon“ bedeutet Schale, und „sai“ heißt Pflanze.

Bonsai hat nichts mit genetisch klein gezüchteten Pflanzen zu tun. Solche kompakt wachsende Zwergformen mit kleinen Blättern oder kurzen Nadeln lassen sich nur schwerlich zu einem überzeugenden Bonsai formen. Ein Bonsai wird aus einem ganz normalen Großgehölz entwickelt. Dahinter stecken regelmäßiges Beschneiden und Drahten der Äste sowie in der Verfeinerung die Bearbeitung des Totholzes.

Niwaki bei einer Mädchenkiefer.
Niwaki bei einer Mädchenkiefer.

Wichtig ist vor allem eins: Die Pflanze muss schnittverträglich sein. Im Prinzip sollte der Baum über die Richtung der Form „mitentscheiden“ dürfen, der Rest wird „antrainiert“, wobei es vor allem auf die Erfahrung des „Trainers“ ankommt. In Japan handelt es sich dabei um ausgebildete Spezialisten, die mit dem „Baum in einer Schale“ etwas auszudrücken verstehen. Dass die Bonsai-Künstler dabei Wert auf einen knorrigen Stamm, Schrunden und Narben legen, hängt auch mit der Verehrung alter Menschen zusammen.

Die wichtigsten Baumpartner beim Bonsai sind die Kieferngewächse, die Pinaceae. Dazu zählen alle Kiefernarten (Pinus) sowie Tannen (Abies), Fichten (Picea), Douglasien (Pseudotsuga) und Lärchen (Larix). Es handelt sich um eher anspruchsvolle Pflanzen, die an allen Ästen und Nadeln Sonne einfordern, sich als stur erweisen können und viel Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem vertragen sie keine große Trockenheit, was durch die kleinen Schalen zur Herausforderung werden kann.

Ein Elefant als Formschnitt-Gehölz.
Ein Elefant als Formschnitt-Gehölz.

Bonsai lassen sich auch aus Zierquitte, Zierapfel, Haselnuss, Maulbeere, Feige, Zeder, Magnolie, Feuerdorn, Fächerahorn, Hainbuche, Ulme, Ginkgo, Wacholder, Lebensbaum, Weide, Flieder, Liguster oder aus Azaleen und weiteren Gehölzen gestalten. Eigenheiten und Ansprüche bringen alle Arten mit. Die einen wie etwa die Eibe wachsen extrem langsam, nehmen das Verdrahten aber nicht übel. Die Lärche braucht in der kleinen Schale ausreichend Wasser, verzeiht dafür einen falschen Schnitt. Der Wacholder ist ein dankbares Anfängergewächs, der selbst das Beschneiden der Wurzeln mit Gelassenheit nimmt. Die robuste und absolut schnittverträgliche Hainbuche zählt ebenfalls zu den Einsteigerpflanzen.

Keine Zimmerpflanzen

Für alle gilt, es sind keine Zimmerpflanzen, sondern Bäume, die dem Zyklus der Jahreszeiten unterliegen und Ansprüche ans Sonnenlicht haben. Zudem halten sich Schädlinge und Krankheiten nicht fern, auch sie gilt es im Auge zu behalten. Das gilt gerade auch für Mini-Bäume aus Arten, die in unseren Breiten im Winter unter Glas gehalten werden müssen, die sogenannten Indoor-Bonsai.

Wer sich einen Bonsai kauft oder selbst einen erziehen möchte, ist gut beraten, sich zuvor ernsthaft mit der jeweiligen Art des Gehölzes und den Methoden der Gestaltung zu befassen. Auch wenn sich für fast jede Pflanze genaue Anweisungen und gute Literatur über die richtigen Techniken, die passende Erde, das Düngen oder das Zurücknehmen der Wurzeln finden lassen, es sind Pflanzen, und jede hat ein Eigenleben. Das genaue Beobachten, wie sich der Bonsai gerade nach Eingriffen verhält, ist unerlässlich. Ein Kursbesuch in einer Bonsai-Gärtnerei kann gegen (teure) Pflegefehler schützen.

Niwaki: Gartenbäume formen

Das Gestalten und Formen von Bäumen im Garten, zählt ebenfalls zu den alten japanischen Traditionen und wird als Niwaki bezeichnet. Gartenbonsai, wie es bei uns öfter heißt, trifft es nicht ganz, bezieht sich der Bonsai doch streng genommen auf einen Baum in einer Schale. Niwaki werden zwar auch in großen Gartengefäßen kultiviert, die richtige Übersetzung ist aber schlicht „Gartenbaum“.

Die bevorzugten Arten ähneln, zumindest bei den japanischen Gartenbäumen, jenen, die es in Miniaturform als Bonsai gibt. Es wird geschnitten, gebunden, gedrahtet und gestützt. Zudem werden, da es sich häufig um Kieferngewächse handelt, Jahr für Jahr die heranwachsenden Triebkerzen herausgebrochen oder gekürzt. Ohne diesen enormen Fleiß gibt es keine dichten, feinen Nadelpolster, keine „Wölkchen“, kein Gesamtbild. Bei Kieferngewächsen reagiert das Holz nicht, deshalb ist das Arbeiten an den Knospen unerlässlich.

Immer wieder Hand anlegen

Aber auch bei Eiben oder erst recht bei Laubgewächsen, etwa der Immergrünen oder Schmalblättrigen Steinlinde, heißt es beim Formen: immer wieder rauf auf die Leiter und Hand anlegen, möglichst ohne großes Gerät. Angeschnittene Blätter wirken störend. Das Biegen der Seitenäste und das Lenken der Äste mit Stöcken in eine horizontale oder gar eine nach unten hängende Form, gehört beim japanischen Formgehölz auf jeden Fall dazu. Wenn man sich mit weniger zufriedengibt, geht es auch ohne.

Gearbeitet wird an Formgehölzen ständig, abgesehen von der Frostperiode. Trotzdem wird man nie fertig damit. Selbst wenn es sich bei der Arbeit am Gartenbaum oder mit dem Bonsai nicht um Meditation im ursprünglichen Sinne handelt – das konzentrierte Arbeiten hat etwas Beruhigendes, und durch die intensive Betreuung der Pflanze stellt sich eine innige Beziehung zwischen Mensch und Baum ein.

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