Volkskammerwahl 1990
Zwei Wahl-Pfälzerinnen über die erste und letzte freie Wahl der DDR
Anne Geib-Stegat spricht von bleiernen Jahren, dann passierte alles wie im Zeitraffer, und sie war in Ost-Berlin live dabei. In einer friedlichen Revolution sprengten die Bürgerinnen und Bürger der DDR das System – am 9. November 1989 fiel die Mauer, die Grenzen nach Westen waren offen. „Plötzlich schien alles möglich“, sagt sie. Zu dieser Zeit ist die Wahl-Pfälzerin 30 Jahre alt. Natürlich hatte sie zuvor an allen Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, teilgenommen. Denn: „Wer nicht zur Wahl ging konnte Ärger kriegen.“ Dabei wusste man ja schon vorher, wie die Wahlen ausgehen würden, sagt sie.
Ereignisse überschlagen sich
Nicht so bei der Wahl zur 10. Volkskammer am 18. März 1990. Geib-Stegat spricht von Aufbruchstimmung. „Ich erinnere mich an sich überschlagende Ereignisse, jeden Abend neue Eindrücke, Nachrichten sowieso.“ Dazu ein breites Spektrum an Parteien und Kandidaten, wie es die Menschen in der DDR nur aus dem West-Fernsehen kannten. „Ich fühlte so etwas wie Verantwortung für unser Land: Wir hatten es jetzt in der Hand“, sagt Geib-Stegat. „Das war neu.“
Dieses Gefühl hatte sich nach dem Herbst 1989 schnell verbreitet, erklärt der Historiker Stefan Wolle, der bis Anfang 2025 wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin war. „Es war erstaunlich, wie praktisch alle Leute reflektiert hatten, dass das was gänzlich Neues ist. Mit den Volkskammerwahlen zuvor hatte das nichts mehr zu tun“, so der 74-Jährige. An der Wahl 1990 wollte er nicht nur als Wähler teilnehmen. Er übernahm den Vorsitz des Wahlkomitees in seinem Wohnort Eggersdorf am Rande Berlins. „Es war eine sehr feierliche, eine optimistische und fröhliche Stimmung.“ Nur vereinzelt gab es Fragen zum Ablauf der Wahl – dann sprang Wolle ein und erklärte.
Es gab auch Skepsis
Simone Merz ging der Wahl 1990 derweil mit deutlich mehr Skepsis entgegen. „Ich war kritisch und ängstlich, dass das alles nur eine Farce ist.“ Merz war damals 24 Jahre alt und lebte in Halle in Sachsen-Anhalt. Zuhausebleiben wäre aber keine Option gewesen, „weil die SED-nahen Parteien auf keinen Fall gewählt werden durften“, sagt sie. „Die Gefahr bestand ja nach meiner Wahrnehmung, dass die ganzen Stasi-Leute sich nochmal aufbäumen.“ Sie arbeitete am Neuen Theater in Halle. „Da war viel los mit Stasi“, erinnert sich Merz. „Wenn man immer das Gefühl hat, man wird beschattet, bleib die Skepsis lange.“
Zunächst sei unklar gewesen, wohin die Wahl führen würde, sagt Historiker Wolle – vielleicht zu einer reformierten DDR, die irgendwann in einer Wiedervereinigung münden würde? Dann aber habe sich die Ost-CDU rasend schnell von einer Blockpartei, die die SED stützte, zur Partei von Helmut Kohl gewandelt. Wie keine andere Partei stand die Kohl-CDU für eine rasche Wiedervereinigung. „Die meisten Leute waren in der Zeit zum ersten Mal im Westen“, erklärt Wolle. „Sie hatten 100 D-Mark geschenkt bekommen, guckten sich die Schaufenster an, waren überwältigt vom Angebot und von der Freundlichkeit der Verkäufer. Und sie wollten so schnell wie möglich genau so leben.“
West-Parteien engagieren sich im Osten
Nach dem Mauerfall traten die West-Parteien im Osten auf den Plan, unterstützten ihre Schwester-Parteien mit Wissen und viel Geld. Wolle war schon vor dem Mauerfall der SDP beigetreten, die sich später mit der SPD vereinigte. Sie war klarer Favorit für die erste freie Volkskammerwahl. „Meine Enttäuschung nach der Wahl war aber nicht so groß“, sagt er. „Ich war froh, dass wir erstmals ein demokratisches Parlament hatten.“
Fast 12,5 Millionen Menschen gingen zur Wahl, die Beteiligung lag bei 93,4 Prozent. Mit 40,8 Prozent ging die CDU als klarer Sieger hervor. Die SPD landete mit knapp 22 Prozent auf Platz zwei, gefolgt von der SED-Nachfolgepartei PDS mit 16,4 Prozent. Da es keine Fünf-Prozent-Hürde gab, zogen viele weitere Parteien und Wahlbündnisse in die letzte Volkskammer der DDR ein – darunter auch der Unabhängige Frauenverband, an dessen Gründung Anne Geib-Stegat teilgenommen und der mit den Grünen ein Wahlbündnis geschlossen hatte. Der Bund Freier Demokraten, für den Simone Merz gestimmt hatte, weil der damals amtierende Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) wie sie aus Halle kam, landete bei 5,3 Prozent. Mit ihrem damaligen Gedankengut habe sie sich auf eine Personenwahl statt auf eine politische Agenda eingelassen, sagt Merz.
Der Wesenskern einer Demokratie
„Den Stellenwert dieses Parlaments kann man nicht hoch genug einschätzen“, sagt Wolle. Es wurde viel diskutiert und gestritten, was manche, die das nicht gewohnt waren, an der Volkskammer zweifeln ließ. „Das ist aber der Wesenskern einer Demokratie. Und sie hat den Weg zur Deutschen Einheit bereitet.“
„Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!“, war ein geflügeltes Wort zu jener Zeit. Nach dem Mauerfall zogen jeden Tag Tausende Richtung Westen. Zum ersten Juli, gerade mal zweieinhalb Monate nach der Wahl, trat die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft. Die D-Mark kam, aus Plan- wurde Marktwirtschaft – mit Folgen, die bis heute in Ostdeutschland spürbar sind. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR dann offiziell der BRD bei, die Einheit war vollzogen.
Entfremdung vom Osten
1992 begann Anne Geib-Stegat eine Ausbildung zur Redakteurin bei der RHEINPFALZ in Ludwigshafen. Sie hatte schon vorher journalistisch gearbeitet, hatte über das kulturelle Berlin für die Freie Presse in Chemnitz berichtet, wo ihr Vater das Feuilleton verantwortete. „Nach der Wende kamen so viele Menschen aus dem Westen, dass es für uns kaum Perspektiven gab“, sagt sie. „Ich wollte ein Volontariat bei einer Zeitung machen, bei der RHEINPFALZ hat es geklappt.“
Und Geib-Stegat blieb. Weil sie sich sofort wohl fühlte in der Pfalz, die offene Lebensart genoss und schnell Freunde fand. „Es gab eine große Neugier, eine Anteilnahme“, erinnert sie sich. „Anfangs war ich noch häufig in Berlin bei meinen Freunden. Aber je fremder mir der Osten wurde, desto heimischer wurde ich in der Pfalz.“ Bis zu ihrem Ruhestand arbeitete die 65-Jährige zuletzt in der Redaktion in Speyer, sie lebt mit ihrer Frau in Eisenberg im Donnersbergkreis.
Wie die Wendezeit nachwirkt
Als sie im Juli 1990 erstmals Ost-Mark in D-Mark umtauschen durfte, nahm Simone Merz 2000 Mark und verprasste alles bei einem Türkei-Urlaub mit Freunden. „Da habe ich realisiert: Wir können jetzt reisen. Da fing mein Glauben an.“ 1998 heiratete sie ihren Mann Thomas Merz – besser bekannt als „Edsel“, Frontmann der Musikgruppe „Anonyme Giddarischde“. Zu ihm zog sie aber erst ein Jahr später. „Ich hab’ gesagt, bevor ich nicht einen Arbeitsplatz gefunden habe, komm’ ich nicht in die Pfalz.“ Zunächst arbeitete die 59-Jährige, die in Worms-Pfeddersheim wohnt, bei einer Bank – inzwischen als Sommelière im Weingut am Nil in Kallstadt.
Wie blicken die beiden in der DDR aufgewachsenen Wahl-Pfälzerinnen auf die jüngste Bundestagswahl, bei der die ostdeutschen Bundesländer mehrheitlich AfD gewählt haben? „Viele Gründe liegen in der Wendezeit“, sagt Geib-Stegat. Die Wiedervereinigung sei zu schnell passiert und zu sehr vom Westen dominiert gewesen.
Gefühl des Abgehängtseins
„Viele Menschen meiner Generation wurden von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in die nächste gesteckt“, während entscheidende Stellen mit Menschen aus dem Westen besetzt wurden, sagt sie. „Die Ost-Biografien haben von einem Tag auf den anderen keine Rolle mehr gespielt.“ Viele Menschen hätten sich resigniert in ihre Blasen zurückgezogen. Mit diesem Gefühl des Abgehängtseins, der strukturellen Schwäche der Region, erklärt sie auch, dass die AfD im Donnersbergkreis fast stärkste Kraft wurde.
Auch Simone Merz sagt: „Es ist schwer zu beschreiben, wie tief bei manchen Menschen die Verletzungen sitzen.“ Verlorene Arbeitsplätze, Firmenpartner aus dem Westen, die ihre Kollegen im Osten übers Ohr hauten, ein bleibendes Ungerechtigkeitsempfinden, weil die Löhne und Gehälter im Osten noch immer nicht dem West-Niveau entsprechen. So seien „Dauerwunden“ entstanden, die jede Familie im Osten auf die eine oder andere Weise in sich trage, erklärt Merz.