Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Zweckbau statt Bellevue: Bundespräsidentin ohne Schloss

Mindestens acht Jahre lang muss das Staatsoberhaupt aus Schloss Bellevue ausziehen. Und wer Berliner Bauzeiten kennt, weiß: Eine
Mindestens acht Jahre lang muss das Staatsoberhaupt aus Schloss Bellevue ausziehen. Und wer Berliner Bauzeiten kennt, weiß: Eine Verlängerung ist selten ausgeschlossen.

Viele wünschen sich eine Frau im höchsten Staatsamt. Während Namen kursieren und verschwinden, steht im Tiergarten eine Großbaustelle bevor. Warum sich Geduld lohnen könnte.

In Berlin wird gesucht. Nicht nur eine Person. Auch ein Zeitpunkt. Gut ein Jahr vor der Wahl des neuen Staatsoberhaupts dreht sich bereits das Kandidatinnenkarussell. Viele wünschen sich, dass nach zwölf Männern endlich eine Frau das höchste Amt übernimmt. Namen werden gehandelt und wieder verworfen. Ilse Aigner taucht auf, Karin Prien ebenso, auch Julia Klöckner. Selbst Angela Merkel wurde ins Gespräch gebracht – und winkte ab.

Es ist die übliche Mischung aus Wunschdenken und politischer Mathematik. Wer könnte Mehrheiten in der Bundesversammlung hinter sich vereinen? Wer wirkt überparteilich? Wer strahlt Würde aus, ohne in Parteitaktik aufzugehen?

Und dann ist da Juli Zeh. Die Schriftstellerin hat etwas getan, was man in dieser Liga selten tut: Sie hat öffentlich erklärt, sie könne sich das Amt vorstellen. „Irgendwann einmal“, sagte sie der „Zeit“. Jetzt allerdings nicht – wegen der Doppelbelastung aus Beruf und Familie. Das ist bemerkenswert. Denn für dieses Amt bewirbt man sich traditionell nicht. Man wird gerufen. Und man ziert sich zumindest ein wenig.

Während Berlin über Persönlichkeitsprofile debattiert, wartet im Tiergarten ein Schloss auf seinen Umbau. Noch ist alles beim Alten. Aber wenn das Bundespräsidialamt in ein Ausweichquartier gezogen ist, rücken die Bauarbeiter an. Saniert wird acht Jahre lang für geschätzte 601 Millionen Euro.

Provisorium in Holzmodulbauweise

Das heißt: Wer 2027 gewählt wird, beginnt in einem Provisorium. Zwei Amtszeiten dauern zehn Jahre. Acht Jahre sind für die Sanierung angesetzt – und wer Berliner Bauzeiten kennt, weiß: Eine Verlängerung ist selten ausgeschlossen.

Der Ersatzbau zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof ist modern, funktional, in Holzmodulbauweise errichtet. Ein Verwaltungsgebäude, sachlich, effizient. Kein weißer klassizistischer Bau im Park, kein Schloss im Tiergarten. Natürlich trägt das Amt seine Würde selbst. Aber Architektur sendet Bilder. Bellevue erzählt eine andere Geschichte als ein Zweckbau im Regierungsviertel.

Vielleicht steckt im „nicht jetzt“ also mehr als private Abwägung. Juli Zeh ist Anfang 50. In zehn Jahren wäre sie Anfang 60 – ein Alter, in dem viele Bundespräsidenten erst begonnen haben. Warum also jetzt Präsidentin werden – ohne Schloss? Warum nicht warten, bis das Schloss frisch saniert ist und der Rahmen wieder stimmt?

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