Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Westmächte billigen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands

Leidenschaftlicher Gegner der Wiederbewaffnung: Gustav Heinemann.
Leidenschaftlicher Gegner der Wiederbewaffnung: Gustav Heinemann.

Eigentlich wollten auch die westlichen Siegermächte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg demilitarisiert lassen. Der Konflikt mit der Sowjetunion ließ sie umdenken. Aber die Wiederbewaffnung hatte auch in der Bundesrepublik viele Gegner.

„Wir legitimieren unser Deutschland selbst als Schlachtfeld, wenn wir uns in die Aufrüstung einbeziehen.“ Mit drastischen Worten begründete Gustav Heinemann 1950 den politischen Paukenschlag, für den er kurz zuvor gesorgt hatte. Als erster Bundesminister der noch jungen Bundesrepublik war der Innenminister zurückgetreten. Anlass war ein Streit mit seinem Parteichef Konrad Adenauer (CDU). dem Bundeskanzler. Dieser hatte dem Kabinett berichtet, dass er Geheimverhandlungen mit den USA über einen deutschen Wehrbeitrag in einer europäischen Armee geführt habe. Das wollte Heinemann, ein klarer Gegner der Wiederbewaffnung Deutschlands, nicht akzeptieren.

Dass die neu gegründete Bundesrepublik keine Streitkräfte hatte, lag am Zweiten Weltkrieg. Von Deutschland sollte keine Gefahr mehr für den Frieden ausgehen, beschlossen die Siegermächte. Doch diese Haltung bröckelte schon kurz nach Kriegsende durch den beginnenden Kalten Krieg. Im Mai 1950 erklärten die Vereinigten Stabschefs des US-Militärs, dass „aus militärischer Sicht die angemessene und frühe Wiederbewaffnung Westdeutschlands von grundlegender Bedeutung für die Verteidigung Westeuropas gegen die UdSSR ist“. Adenauer griff solche Initiativen von den Westalliierten gerne auf, hoffte er doch, mit einem Wehrbeitrag der Souveränität der Bundesrepublik näherzukommen.

Der Korea-Krieg lässt die Stimmung kippen

Große Teile der öffentlichen Meinung in Deutschland hielten es hingegen mit Heinemann. Die Angst vor einem neuen Krieg und die Sorge, die deutsche Wiedervereinigung zu gefährden, sorgten für Proteste gegen die Pläne.

Doch schon zum Zeitpunkt von Heinemanns Rücktritt war die Stimmung am Kippen. Grund war ein Ereignis im fernen Asien, der Ausbruch des Korea-Kriegs. Der Angriff des kommunistischen Nordkorea auf Südkorea weckte die Befürchtung, dass auch einmal die DDR – unterstützt durch die Sowjetunion – einen Überfall auf Westdeutschland beginnen könne.

Die Gegner der Wiederbewaffnung schöpften noch einmal Hoffnung, als das französische Parlament die geplante Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im Sommer 1954 platzen ließ. Diese hatte eine europäsiche Armee unter Einschluss der Deutschen vorgesehen. Doch das Scheitern führte zu einer Krise, die der Westen auf einer Konferenz in London vom 28. September bis 3. Oktober 1954 beilegte. Dort wurde die Wiederbewaffnung Deutschlands gebilligt, die zum Aufbau der Bundeswehr führte, und der Nato-Beitritt der Bundesrepublik beschlossen. Voraussetzung für den Erfolg der Konferenz war die Zusicherung Adenauers, dass Deutschland auf die Herstellung atomarer, chemischer und biologischer Waffen verzichten werde.

Heinemann wiederum, seit 1957 SPD-Mitglied, blieb auch als Bundespräsident von 1969 bis 1974 der Bundeswehr gegenüber nicht unkritisch. Gleichwohl unterhielt er gute Beziehungen zum Spitzenpersonal der Armee. Und nach seinem Tod 1976 wurde gar eine Kaserne in Essen nach ihm benannt.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

02102020_91tage
x