Politik
Wenn Nachbarn nicht mit Nachbarn sprechen: Zerrissenes Amerika
Luzerne County liegt im Nordosten Pennsylvanias, ein Landkreis, der typisch ist für die Verschiebungen in der politischen Landschaft Amerikas. Einst Hochburg der Demokraten, dann siegte Donald Trump dort zweimal in Folge. Auch im Herbst vor einem Jahr, als Joe Biden – der übrigens aus dem Nachbarlandkreis stammt – die Präsidentschaft gewann. Trump holte Luzerne County 2020 mit 87.000 Stimmen vor Biden mit 65.000. In ganz Pennsylvania dagegen, das Trump bei der 2016er Wahl noch mit 0,72 Prozent Vorsprung für sich gewann, lag Biden im vergangenen Jahr 1,17 Prozent vorne. Alles knappe Wahlergebnisse, aber sie machen den Unterschied.
Warum kann Trump sich hier immer noch so gut halten? Dazu muss man mit Donna Kowalczyk sprechen. Sie lebt ziemlich genau da, wo binnen weniger Straßenblocks schon an den Fassaden deutlich wird, dass durch Wilkes-Barre ein tiefer Riss geht. Die Fahrt zu ihr führt vorbei an den Prachtbauten der River Street, einer parallel zum Susquehanna-Fluss verlaufenden Allee. In dem Teil der River Street, in dem Donna Kowalczyk wohnt, Besitzerin eines kleinen Frisiersalons, verwandelt sich der Prachtboulevard in eine gewöhnliche Kleinstadtstraße. Bescheidene Einfamilienhäuser aus Holz. An der Ecke eine schlichte Kirche. Überall jede Menge Platz, um ein Auto zu parken.
Die Ex-Demokratin, die Trump treu bleibt
Wilkes-Barre war mal die drittwichtigste Stadt in Pennsylvania – nach Philadelphia und Pittsburgh. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt, als ringsum reiche Anthrazit-Vorkommen abgebaut wurden. In den 1950ern lebten fast 90.000 Menschen in Wilkes-Barre, heute sind es nicht einmal halb so viele. In der Lokalpolitik gaben die Demokraten den Ton an, auch noch lange nach Schließung der Gruben. Als dann aber Trump antrat, tat Kowalczyk, was im Luzerne County etliche Demokraten-Wähler taten: Sie wechselte die Seiten. Bei Trump, sagt sie, hatte sie das Gefühl, dass er sich für Amerika ins Zeug legen und sich zur Not dafür auch mit dem Rest der Welt anlegen würde.
Überzulaufen zu den Republikanern, für Donna Kowalczyk war das mehr, als nur das Kreuz an einer anderen Stelle des Stimmzettels zu malen. Es bedeutete einen Bruch mit der eigenen Vergangenheit. Jahrelang war sie im Democratic Women’s Club aktiv, in Wahlkämpfen klebte sie Plakate für die Bewerber der Demokraten. Nachdem Trump seine Kandidatur angekündigt hatte, trat sie dem Republican Women’s Club bei, um die Trommel für ihr Idol zu rühren. Und nun? Hat sie jetzt genug von der aufgeladenen Polemik der Trump-Jahre?
„Im Januar bin ich aus der Republikanischen Partei ausgetreten“, sagt sie, macht eine effektvolle Pause und schiebt hinterher: „Und seit Juni bin ich wieder drin.“ Da war klar, dass Trump, statt ins politische Abendrot zu reiten, die Konservativen weiter anführen würde. „Und damit bleibt es meine Partei. Nur wegen ihm.“
Im Nachbarhaus hängt noch immer, fast zehn Monate nach dem Präsidentschaftsvotum, ein blaues Transparent über der Eingangstür. „Truth over Trump“: Anstelle Trumps solle man die Wahrheit wählen. „Wir sprechen nicht mehr miteinander“, sagt Donna Kowalczyk über das Verhältnis zu ihren Nachbarn. Und Joe Biden? Was hält sie von ihm? „Er mag im Ausland beliebt sein“, antwortet die Friseurin, es ist als Tadel gemeint. „Man muss sich doch aber zuerst um die eigenen Leute kümmern.“ Denken alle so wie sie?
Der Liberale, der an die Kraft seines Landes glaubt
Brian Dugas jedenfalls nicht. Gerade lauscht er einem Gospelchor. Auf einer Wiese am Fluss feiert die Stadt ihre Vielfalt. Weiße, Schwarze, Hispanics und Migranten aus Asien, Gospelgesänge und Salsa-Klänge: Bei der „Multicultural Block Party“ zeigt sich Wilkes-Barre so bunt, als wäre es ein Stadtteil von New York oder Los Angeles. Dugas, ehemals Geschichtslehrer, war zuletzt für das Peace Corps, den Freiwilligendienst der Entwicklungshilfe, in Tansania. Er engagiert sich in einer Kirche, der Unitarian Universalist Church. Und er ist unerschütterlich im Glauben an die Fähigkeit Amerikas, sich neu zu erfinden. Frage an Dugas: Welchen Kurs nehmen die USA nach der auf die Spitze getriebenen Spaltung in der Ära Trump?
Nun ja, doziert der hochgewachsene Mann, vielleicht kehre unter Biden der innere Frieden zurück. Irgendwann. Margarita Rose, eine Hochschullehrerin, die neben Dugas auf der Wiese steht, nennt Biden einen Übergangspräsidenten, der wohl keine acht Jahre regieren werde, sondern nur vier, der aber, schon durch seine großväterliche Art, nach der ganzen Erregung vielleicht das Fieber senke.
Illusionen machen sich beide nicht, andererseits sieht Dugas keinen Grund, an seinem aufgewühlten, zerrissenen Land zu verzweifeln. „Diese lautstarken Kontroversen, das ist doch nichts Neues. Seit es diese Republik gibt, wird vehement über Themen gestritten.“ Die Sechzigerjahre, der Vietnamkrieg, da sei der Riss nicht weniger tief gewesen. Nach einiger Zeit finde man wieder zueinander. „Amerika bewegt sich, wenn es sich bewegen muss. Es bedarf einer Krise, damit es sich bewegt.“
Den vier Jahren Trump im Weißen Haus, sagt Dugas, könne man auch etwas Positives abgewinnen. Ermuntert durch den Mann an der Staatsspitze habe es der weiße Nationalismus mit seinen rassistischen Ressentiments gewagt, aus seinem Versteck zu kriechen. Jetzt liege alles auf dem Tisch. Nie zuvor, glaubt Dugas, sei die Debatte über das Erbe der Sklaverei, über Rassentrennung und Diskriminierung so offen und ehrlich gewesen. „Vielleicht mussten wir noch einmal derart direkt, derart hässlich mit weißem Überlegenheitsdünkel konfrontiert werden, damit sich Grundlegendes ändert. Die Stunde der Wahrheit, so sehe ich das.“
Der Eingewanderte, der Bürgermeister werden will
Martin Dartoe nutzt das Fest auf der Wiese, um Wahlkampf für sich zu machen. Als Zwölfjähriger kam er aus Liberia, damals ein Bürgerkriegsland, nach Pennsylvania. Zwei Dekaden später will er Bürgermeister von Wilkes-Barre werden. Beschäftigt bei einem Umzugsunternehmen, versucht er sich als Seiteneinsteiger zu profilieren, als Nichtpolitiker. Er hofft bei Leuten zu punkten, die denen, die schon länger politische Ämter ausüben, nicht mehr viel zutrauen. Dartoe verspricht lokale Steuern zu senken und bei der Lokalverwaltung überflüssiges Fett wegzuschneiden. „Ich bin der Außenseiter, der gegen die Seilschaften kämpft“ – so charakterisiert er sich. Genau das habe ihm übrigens einst an Trump imponiert.
Der Peruaner und der Amerikanische Traum
Amilcar Arroya hat für seinen Amerikanischen Traum kämpfen müssen. Er stammt aus Peru und lebt seit 32 Jahren im Luzerne County. Eine schwere Staatsschuldenkrise, die sein Heimatland in den Ruin stürzte, ließ die Hypothekenbank, für die er arbeitete, kollabieren und ihn den Job verlieren. Er ging nach Miami, und wurde bald nach Hazleton vermittelt, gut 25.000 Einwohner stark und 30 Autominuten von Wilkes-Barre entfernt. Dort packte er auf einer Farm Tomaten in Kisten. Damals, sagt Arroyo, wurden die USA ihrem Ruf gerecht, eine klassische Einwanderungsnation zu sein. Etwas, was sie theoretisch, ihrem Credo und ihrer Geschichte nach immer noch sind, aber längst nicht mehr in der Praxis, die eher durch Abschottung und sinkende Migrantenzahlen geprägt ist.
Arroyo also wechselte nach dem Job auf der Farm in eine Textilfabrik, und im Jahr 2003 gründete er eine Zeitung, El Mensajero, zweisprachig, englisch und spanisch. Dass er damit Erfolg hatte, lag daran, dass immer mehr Menschen mit Wurzeln in Lateinamerika, vor allem in der Dominikanischen Republik, aus New York ins beschauliche Hazleton zogen, wo es sich deutlich billiger leben ließ. Was den Kleinstadtbürgermeister, einen Republikaner namens Lou Barletta, veranlasste, harte Regeln durchzusetzen: Erstens, nur Englisch kann in Hazleton Amtssprache sein. Zweitens, wer illegal Eingewanderte einstellt, muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Drittens, wer an Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis vermietet, wird kompromisslos bestraft, wenn es herauskommt.
„Es war die Generalprobe für Trump“, sagt Arroyo heute. In jenem Jahr, 2006, sei er zum ersten Mal seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten auf der Straße angepöbelt worden, allein wegen seines Aussehens. Damals begriff er, dass die amerikanische Toleranz, wie er sie lange erlebt hatte, kein Naturgesetz ist. Und weil Geschichte manchmal ironisch sei, ergänzt der Verleger, bestehe die Bevölkerung in Lou Barlettas Stadt heute mehrheitlich aus Latinos, während sie im Jahr 2000 noch zu 95 Prozent aus Weißen bestand.
Dann kam Trump ins Weiße Haus, in Arroyos Augen „ein Handelsreisender in Sachen Hass, Gemeinheit und Spaltung“. Wie er nach der verlorenen Wahl die Niederlage leugnete und sich mit allen Tricks an der Macht zu halten versuchte, wie er seine Anhänger so lange anstachelte, bis einige von ihnen am 6. Januar das Kapitol stürmten, das hat den Mann aus Peru an die Autokraten des Kontinents erinnert, den er einst verließ. Frage an Amilcar Arroyo: Steuern die USA auf südamerikanische Verhältnisse zu? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Nein, das Fundament der Demokratie sei stabil genug, um auch einen wie Trump auszuhalten. Er bewundere Amerika für die Stärke seiner Institutionen. Nach einer Weile fügt der Zeitungsmann nachdenklich hinzu: „Sagen wir so, das Gegenteil will ich mir gar nicht vorstellen, ich habe Angst davor, ich lasse den Gedanken gar nicht erst an mich heran.“