Fragen und Antworten
Was hat es mit dieser Turbine von Nord Stream 1 auf sich?
Warum muss die Pipeline Nord Stream 1 gerade jetzt gewartet werden?
Die Wartung steht jedes Jahr an. Der Umstand, dass sie ab dem 11. Juli stattfinden soll, ist seit Langem bekannt und hat nichts mit Russlands völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine oder den westlichen Sanktionen gegen Moskau zu tun. Für die Wartung wird die Pipeline stillgelegt. Unter anderen Umständen hätte die Öffentlichkeit davon kaum Notiz genommen.
Warum war die jährliche Wartung bislang nie ein Problem?
In der Vergangenheit war es so, dass Russland während der Arbeiten mehr Gas durch andere Röhren pumpte und zugleich zum Ausgleich Erdgas aus Speichern in Deutschland entnommen wurde.
Durch die Jamal-Pipeline, die durch Polen führt, liefert Russland seit April aber gar kein Gas mehr. Durch die Transgas-Röhre, die durch die Ukraine verläuft, kommt derzeit nur ein Drittel der sonst üblichen Menge.
Was die Gasspeicher betrifft, so will Deutschland daraus eigentlich gar nichts entnehmen, sondern seine Vorräte bis zum Beginn der kalten Jahreszeit so weit wie möglich auffüllen. Es muss dafür sehr viel Geld aufwenden und kauft zu sehr hohen Preisen Gas von anderen Lieferanten – etwa aus Norwegen oder Flüssiggas vom Weltmarkt, das dann über Belgien oder die Niederlande nach Deutschland gelangt. Zuletzt waren die Speicher hierzulande im Schnitt zu rund 65 Prozent gefüllt.
Wie wahrscheinlich ist es, dass Präsident Wladimir Putin Deutschland das Gas komplett abdreht?
„Ehrlich gesagt, es weiß keiner“, sagt der zuständige Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. Der Bundesregierung bleibt nichts anderes übrig, als sich auf alle denkbaren Szenarien einzustellen. Es könnte also sein, dass Russland nach der Wartung gar kein Gas mehr liefert, dass die Exporte eingeschränkt fortgesetzt werden – oder dass die vereinbarten Menge sogar geliefert werden.
Das Schüren von Unsicherheit ist Teil der russischen Strategie im Krieg gegen die Ukraine und im Konflikt mit dem Westen.
Welche Rolle spielt Russland für Deutschland als Gaslieferant?
Immer noch eine sehr wichtige – obwohl es bereits gelungen ist, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen deutlich zu reduzieren. Zuletzt kam noch etwa ein Viertel der hiesigen Gasimporte aus Russland. Vor Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine betrug der Anteil mehr als die Hälfte.
Die Inbetriebnahme der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, die parallel zu Nord Stream 1 verläuft, hätte Deutschlands Abhängigkeit noch weiter erhöht. Nord Stream 2 ist baulich fertiggestellt. Deutschland stoppte aber im Februar kurz vor Russlands Überfall auf die Ukraine die Zertifizierung, sodass die Röhre nicht in Betrieb gehen konnte.
Was hat es mit der Turbine auf sich, deren Fehlen angeblich einem regulären Betrieb von Nord Stream 1 im Wege steht?
Als Russland im Juni seine Gasexporte durch die Leitung auf 40 Prozent der Maximalleistung verminderte, begründete es dies mit Problemen bei der Reparatur von Gasverdichtern. Es ging auch um eine Turbine von Siemens Energy, die im kanadischen Montreal gewartet wurde und die wegen der Wirtschaftssanktionen gegen Russland der kanadische Regierung zufolge nicht zurückgeschickt werden durfte.
Am vergangenen Sonntag erteilte die kanadische Regierung aber eine Ausnahmegenehmigung: Die Turbine darf jetzt nach Deutschland geflogen werden, von wo sie nach Russland weitertransportiert werden soll. Vermutlich gab es über dieses Problem auf dem G7-Gipfel im bayerischen Elmau Gespräche zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und dem kanadischen Premier Justin Trudeau.
Die Bundesregierung bezweifelt allerdings, dass das Fehlen der Turbine tatsächlich der Grund für den gedrosselten Gasfluss war.
Droht Deutschland im Winter 2022/23 der Gasnotstand?
Das hängt unter anderem davon ab, ob und in welchem Umfang Russland den Gasexport wieder aufnimmt, wie kalt der Winter wird und wie viel Gas Privathaushalte, Stromwirtschaft und Industrie in den kommenden Monaten einsparen. Und das gilt nicht nur für die kalten Wintermonate: Denn wenn jetzt Gas nicht verbraucht wird, sei es zum Produzieren von Strom in Gaskraftwerken oder zum Bereitstellen von Warmwasser, kann diese Menge in einen Gasspeicher wandern.
Auf jeden Fall jedoch stellt die Bundesregierung die Bürger schon einmal darauf ein, dass Erdgas noch deutlich teurer werden könnte, als es ohnehin schon ist. Offen ist aber noch, wie diese Kosten umgelegt werden – ob es eine gewisse Solidarität der Verbraucher geben wird oder ob es nur die Gaskunden trifft.
Sind weitere Hilfen für Verbraucher in Sicht?
Zwei Entlastungspakete im Volumen von 30 Milliarden Euro sind bereits schon länger beschlossene Sache. Die Debatte geht aber weiter. So brachte Umwelt- und Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne) zuletzt ein Moratorium für Gas- und Stromsperren ins Gespräch. Ein solcher Aufschub soll verhindern, dass Bürgern, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können, im Winter die Energie abgestellt wird. Der Städte- und Gemeindebund brachte sogar die Einrichtung von öffentlichen Wärmeräumen für Bedürftige ins Gespräch.
