Garmisch-Partenkirchen
Eine Region im G7-Stress
„Es ist Ausnahmezustand“, stößt die Bahn-Mitarbeiterin hervor. Sie ist noch etwas außer Atem – sie ist zwei Touristen hinterhergerannt und erklärt ihnen nun, warum sie ihr Auto nicht am Bahnhof von Garmisch-Partenkirchen parken dürfen. Die Stelle ist für Busse vorgesehen. Auf die Anmerkung des Ehepaars, dass sie da früher schon geparkt hätten, antwortet die Bahn-Angestellte: „Wir haben G7-Gipfel, nichts ist so wie sonst.“
Das merkt man auch daran, dass ungewöhnliche wenig Touristen in der Stadt sind. Stattdessen sind Journalisten, G7-Gegner und natürlich Sicherheitskräfte unterwegs. 18.000 Polizisten aus ganz Deutschland sollen das Gipfeltreffen schützen. Das Knattern von Helikoptern ist ständiges Begleitgeräusch.
Kosten von etwa 180 Millionen Euro
Über dem Olympia-Eissport-Zentrum schrauben sich zwei Hubschrauber vom Typ CH 53 in die Höhe. Sie verschwinden hinter dem nächsten Berghang. Zwei Männer, die auf den Bus warten, schauen ihnen nach. „Was das kostet...“, sagt der eine. Der andere schüttelt schweigend den Kopf.
Kommt man mit Einheimischen ins Gespräch, dauert es meist nicht lange, bis es um die Kosten des Gipfels geht. Das Treffen soll mit etwa 180 Millionen Euro zu Buche schlagen, der Großteil für die Sicherheit. Und das für ein paar schöne Bilder? So lautet zumindest der Vorwurf, der auch dadurch befeuert wird, dass sich die Mächtigen Mühe geben, erinnerungswürdige Bilder entstehen zu lassen.
Inhaltliche Arbeit und schöne Bilder
Von diesem Gipfel dürfte das Foto von Sonntagabend hängen bleiben, als sich die Gipfelteilnehmer vor der langen Holzbank versammeln, wo schon Angela Merkel und Barack Obama 2015 für ein ikonisches Bild sorgten. Nun stehen die aktuellen Regierungschefs da, gut gelaunt und der kanadische Premier Justin Trudeau legt gar die Arme um den britischen Kollegen Boris Johnson und den Japaner Fumio Kishida.
Doch wird auch inhaltlich gearbeitet. Die Gruppe hat milliardenschwere Investitionen in die Infrastruktur weltweit angekündigt, weitere Hilfen für die Ukraine beschlossen und neue Sanktionen gegen Russland im Visier. Auch mit der Hungerkrise, die vor allem Afrika trifft, haben sich die G7 befasst. Aus Sicht von Kritikern zu wenig. „Diese in 90 Minuten abzufrühstücken, ist ein schlechter Witz“, sagt etwa Stephan Exo-Kreischer von der Entwicklungsorganisationen One.
Überschaubare Anzahl von Protestierern
Am Nachmittag könnten die G7-Chefs auch ihre Gegner gehört haben. 50 Aktivisten der Stop-G7-Bewegung durften 500 Meter vom Schloss entfernt eine halbstündige Kundgebung abhalten. Am Morgen waren Gipfelgegner von mehreren Punkten in die Berge gestartet. An diesem „Sternmarsch“ betitelten Vorhaben nahm bei praller Sonne aber offenbar eine eher überschaubare Anzahl Protestierer teil. So zählte die Deutsche Presse-Agentur etwa 100 Aktivisten, die von Garmisch-Partenkirchen zu Fuß oder per Fahrrad aufbrachen. Überhaupt ist der Protest deutlich schwächer als vor sieben Jahren. Damals zelteten auf einer Wiese am Rand der Stadt etwa 2000 Menschen. Dieses Mal ist das Camp für 750 Aktivistinnen und Aktivisten ausgelegt, doch so viele dürften kaum in den einigen Dutzend Zelten übernachten. Am Vortag des Gipfels baten sie Gleichgesinnte um finanzielle Unterstützung, weil nur wenige Spenden eingegangen seien.
Die Wiese an der Loisach gehört dem Bauern Bernhard Raubal, der sie den Gipfelgegnern schon vor sieben Jahren zur Verfügung gestellt hat. Damals wurde er im Ort angefeindet. Heute sagen manche Einheimische, Raubal sei halt immer schon ein „Revoluzzer-Bauer“ gewesen. Es klingt mild. Überhaupt reagieren die meisten eher entspannt auf die Proteste. Vor sieben Jahren waren die Sorgen vor Krawallen größer gewesen.
Geschäftswelt leidet
Und doch sehnen sich die Menschen der Region nach einem Ende des Gipfels, der viele Einschränkungen mit sich bringt. Erhöht wird die Belastung der Verkehrsinfrastruktur dadurch, dass die Bahnstrecke nach dem Zugunglück mit fünf Toten von Anfang Juni noch gesperrt ist. Die Bahn setzt dafür Busse ein, auch Reisebusse. Ein solcher kracht kurz nach der Abfahrt beim Bahnhof beim Wenden gegen ein Straßenschild. Das Schild hat die Kollision gut überstanden, der Bus wiederum hat eine heftige Delle, Rücklicht und Blinker sind kaputt.
Den Fahrer scheint der Crash nicht zu scheren, er will einfach weiterfahren. Keine gute Idee bei so viel Polizeipräsenz: Drei junge Bundespolizisten stoppen ihn. Pech für die Buspassagiere, denn aufnehmen dürfen die Bundespolizisten den Unfall nicht. Sie informieren die örtliche Polizei. Womöglich ist die der Ansicht, dass es dringlichere Dinge gibt, sie lässt auf sich warten. Nach 40 Minuten ruft einer der Bundespolizisten an: „Aber der wollte Fahrerflucht begehen“, meldet er etwas aufgeregt. Nach einer Stunde ist immer noch keine Streife zu sehen.
Eisstadion seit Wochen geschlossen
Unter dem G7-Treffen leiden auch große Teile der Geschäftswelt. Die Polizisten, die seit drei Wochen da sind, nutzen eben kaum die Gastronomie und kaufen nicht so ein wie Touristen. Die Journalisten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die an den Gipfeltagen dazugestoßen sind, machen es kaum anders.
Hoteliers und Vermieter von Ferienwohnungen profitieren freilich. Eine Frau, die im Nachbarort Grainau Ferienwohnungen vermietet und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, bekennt, dass sie 50 Prozent mehr verlangt als sonst üblich. Und doch ist sie nur noch genervt. Zum Beispiel davon, dass seit Wochen Einrichtungen wie das Eisstadion nicht mehr genutzt werden können, weil es zum Stützpunkt der Sicherheitskräfte wurde. „Warum machen die den Gipfel ausgerechnet hier?“, fragt sie, „warum nicht auf einem Kreuzfahrtschiff, auf einer Bohrinsel oder in Berlin, wo es die Sicherheitsinfrastruktur schon gibt?“
Aber wird der Tourismus der Region nicht von den schönen Bildern profitieren? Die Frau verdreht die Augen: Beim ersten Gipfel 2015 sei das vielleicht der Fall gewesen. „Aber mittlerweile sind wir doch sowieso schon immer voll. Es geht nicht noch mehr, es müsste eher weniger werden.“
Immerhin: Sie freut sich, dass das Wetter so gut ist. „Das gibt schöne Bilder von der Region.“ Ein bisschen stolz scheint sie darauf schon zu sein.