Fragen und Antworten Was über den Staudamm-Bruch in der Ukraine bekannt ist

In Cherson hält eine Anwohnerin ihre Haustiere im Arm, während sie in ihrem Haus steht, das überflutet wurde.
In Cherson hält eine Anwohnerin ihre Haustiere im Arm, während sie in ihrem Haus steht, das überflutet wurde.

Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine bedroht die Region Cherson. Wie schlimm ist die Lage?

Was ist passiert?
Am Dienstagmorgen wurde gemeldet, dass im von Russland besetzten Teil der südukrainischen Region Cherson ein wichtiger Staudamm nahe der Front schwer beschädigt worden ist. Nach ukrainischen Angaben hatte nachts gegen 2.50 Uhr Ortszeit (1.50 Uhr MESZ) eine Explosion den Staudamm und ein angrenzendes Wasserkraftwerk zerstört. Auf der linken Seite des Flusses Dnipro, wo auch die von den Ukrainern befreite Gebietshauptstadt Cherson liegt, sei mit Evakuierungen begonnen worden.

Welche Rolle spielt der Staudamm?
Im Krieg Russlands gegen die Ukraine kam dem Kachowka-Staudamm von Anfang an strategische Bedeutung zu. Bereits in den ersten Stunden des russischen Angriffs am 24. Februar 2022 besetzten russische Truppen die Anlage und das dazugehörige Wasserkraftwerk in der Region Cherson im Süden der Ukraine.

Der Damm war 1956, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war, am Fluss Dnipro gebaut worden. Er besteht zum Teil aus Beton, zum Teil aus Erde und ist mit einer Länge von 3273 Metern eine der größten Anlagen dieser Art in der Ukraine. Von dort fließt das Wasser in den Nordkrimkanal, der im Süden der Ukraine beginnt und die gesamte Halbinsel durchquert. Der Stausee ist 240 Kilometer lang und bis zu 23 Kilometer breit. Flächenmäßig ist er vier Mal größer als der Bodensee.

Wer ist für den Dammbruch verantwortlich?
Sowohl die russische als auch die ukrainische Seite machen sich gegenseitig verantwortlich. „Wir erklären offiziell, dass es sich hier eindeutig um eine vorsätzliche Sabotage der ukrainischen Seite handelt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Beweise legte er nicht vor.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wies die Behauptung des Kremls zurück. „Russland kontrolliert den Kachowka-Damm mit dem Wasserkraftwerk seit über einem Jahr“, sagte er. Der Staudamm sei von russischen Soldaten vermint worden. „Und sie haben ihn gesprengt.“ Vor diesem Szenario hatte die Ukraine gewarnt.

Welche Folgen hat der Dammbruch?
Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal sprach von Überschwemmungsgefahr für bis zu 80 Ortschaften. Entlang des Nordufers sahen die ukrainischen Behörden 16.000 Menschen in Gefahr. Militärgouverneur Olexander Prokudin berichtete von zunächst acht Ortschaften, die ganz oder teilweise unter Wasser stehen. Angaben über Tote oder Verletzte gab es zunächst nicht.

In der Stadt Cherson leben die Menschen seit Monaten unter russischem Artilleriefeuer. Luftaufnahmen zeigten, dass dort im Stadtteil Korabel von vielen eingeschossigen Häusern nur noch das Dach aus dem Wasser ragte. Zur Lage am flachen Südufer in russischer Hand gab es kaum Informationen. In Nowa Kachowka dicht an der Staumauer berichtete die russische Verwaltung von Überschwemmungen.

Ist Europas größtes Kernkraftwerk gefährdet?
Mit der Sprengung wachsen auch erneut Sorgen um das Kernkraftwerk Saporischschja, das an dem Stausee liegt und von russischen Truppen besetzt ist. Für Europas größtes AKW bestehe aber keine unmittelbare Gefahr, teilte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit. Das Kühlwasserbecken ist nach Kiewer Angaben getrennt vom Stausee.

Verzögert sich nun die ukrainische Gegenoffensive?
Der Chef des Präsidentenbüros in Kiew, Andrij Jermak, äußerte auf Twitter die Vermutung, dass Russland mit der Zerstörung die geplante ukrainische Großoffensive ausbremsen wolle. In der Ukraine wird eine großangelegte eigene Offensive erwartet, deren Zeitplan und genaue Stoßrichtung nicht bekannt ist. Im Süden könnte die Flut den Unterlauf des Dnipro nahezu unpassierbar machen. Für die Russen verkürzt sich so die Front; sie könnten Kräfte an andere Abschnitte umlenken, an denen sie bedrängt sind. Die ukrainischen Streitkräfte kündigten an, die Rückeroberung besetzter Gebiete trotzdem fortzusetzen. Die Ukraine verfüge über „alle notwendigen Boote und Pontonbrücken, um Wasserhindernisse zu überwinden“, teilte das Militär mit.

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