Politik
Warum Apple die Geräte seiner Kunden durchforsten will
Im Kampf gegen die Verbreitung von Kinderpornografie im Internet spielt eine US-amerikanische Institution mit einer komplizierten Abkürzung eine bedeutende Rolle: das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC, ausgesprochen Nickmick). Diese gemeinnützige Organisation für vermisste und ausgebeutete Kinder wurde 1984 vom US-Kongress gegründet und führt eine Datenbank mit bekannt gewordenen Darstellungen von Kindesmissbrauch. Davon wird eine Art digitaler Fingerabdruck (technisch: ein Hashwert) angefertigt, mit der die Bilder oder Videos identifizierbar sind.
Große US-Plattformen wie Google, Facebook, Amazon und Microsoft filtern ständig ihre Datenbestände und gleichen sie mit der Liste der Hashwerte ab. Bei Treffern sperrt der Internetdienstleister den Zugriff auf die Datei und zeichnet die IP-Adresse des Geräts auf, mit dem das Bild oder das Video ins Netz hochgeladen wurde. Dann wird NCMEC informiert. Die Organisation prüft die Berichte, es sind Hunderttausende, und gibt sie an Strafverfolgungsbehörden weiter.
BKA bekommt Hinweise aus den USA
In Deutschland landen solche Meldungen zunächst beim Bundeskriminalamt (BKA). 2020 waren das nach BKA-Angaben 55.600 Hinweise, daraus ergaben sich fast 30.000 Fälle, in denen weiter nachgeforscht wurde. Tendenz steigend. Die Ermittlungen übernimmt dann das jeweilige Bundesland, in dem der mit Kinderpornografie in Verbindung gebrachte Internetanschluss und sein Nutzer vermutet werden. Eine entsprechende Meldepflicht für deutsche Unternehmen wie etwa die Telekom gibt es übrigens bislang nicht.
Apple hat nun mit einer Ankündigung für Aufsehen gesorgt. Das Unternehmen will Dateien von iPhones, iPads & Co. mit der NCMEC-Liste abgleichen. Einschränkung: Es gilt nur für Kunden in den USA und für Bilder, die in die iCloud geladen werden sollen. Die Vorgehensweise ist den Angaben zufolge technisch so ausgeklügelt, dass Apple keinen direkten Einblick in die Daten der Nutzer nehmen und falscher Alarm verhindert werden könne. Desweiteren ist eine Warnung an Eltern möglich, wenn Kinder sexuell explizites Material über den Messengerdienst verschicken. Dazu werden spezielle Filter mit künstlicher Intelligenz eingesetzt.
Warnung vor Zensur und Überwachung
Bürgerrechtler sind alarmiert. Apple schreibt eigentlich Privatsphäre und Datenschutz groß, hat sich schon mit Strafverfolgungsbehörden angelegt, wenn es um den Zugriff auf Geräte von Verdächtigen ging. Durch das neue Verfahren sind nun verschlüsselte – und damit auch vor staatlichem Zugriff geschützte – Informationen betroffen. Die US-Organisation Electronic Frontier Foundation, die sich für Grundrechte im Informationszeitalter einsetzt, befürchtet, dass Regierungen auf der ganzen Welt davon angespornt sein könnten, mehr Zensur- und Überwachungsmöglichkeiten von den Unternehmen zu fordern. Und das nicht nur für das begrüßenswerte Ziel, Kinderpornografie zu bekämpfen. „Durchsucht unsere Telefone nicht“, heißt es daher in einer Petition. Gleichzeitig fordern mehr als 90 Organisationen Apple auf, von den Plänen Abstand zu nehmen. Die Techniken könnten auch eingesetzt werden, um die Meinungsfreiheit zu beschränken, so ihre Befürchtung. Apple indes versichert, dass man jegliche Versuche von Regierungen zurückweisen werde, das Verfahren für die Suche nach anderen Inhalten zu missbrauchen.