Russland
War die Drohnen-Attacke auf den Kreml nur inszeniert?
Zwei kleine Feuerbälle über dem Kreml, eingefangen aus mehreren Kameraperspektiven, erhitzen die Gemüter. Zwei Drohnen seien in der Nacht zu Mittwoch zerstört worden, teilte Moskau mit. Es sei ein Anschlag der Ukraine auf Präsident Wladimir Putin gewesen, heißt es, begleitet von empörten Kommentaren.
Wäre es wirklich so gewesen, aus Sicht des Völkerrechts wäre es nicht zu beanstanden. Das schrieb der Völkerrechtler Philipp Dürr auf Twitter. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte sei Putin kein Zivilist, sondern Kombattant: „Als solcher darf er zu jeder Zeit bekämpft werden.“
Doch dürfte es kein Mordanschlag gewesen sein. Das sei russische Propaganda, erklärte der Politikprofessor Michael McFaul, der von 2012 bis 2014 US-Botschafter in Russland war, auf Twitter. Die Drohne habe nicht genug Sprengkraft gehabt, um großen Schaden anzurichten. Außerdem lebe und schlafe Putin gar nicht im Kreml.
Russische Flugabwehr wurde ausgebaut
Ukrainische Regierungsvertreter, inklusive Präsident Wolodymyr Selenskyi, dementierten umgehend ihre Beteiligung. Das dabei mehrfach vorgebrachte Argument, die Ukraine kämpfe nur auf eigenem Gebiet, überzeugt indes nicht. Zwar hat sich Kiew nicht zu Angriffen etwa auf Treibstofflager auf russischem Boden bekannt, dennoch dürften diese auf die Ukraine zurückgehen.
Gleichwohl hält es das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) für wahrscheinlich, dass die vermeintliche Drohnenattacke von Russland inszeniert wurde. In einem aktuellen Bericht verweist das ISW darauf, dass Russland seine Flugabwehr zuletzt deutlich verstärkt habe, gerade auch über Moskau. „Es ist daher äußerst unwahrscheinlich, dass zwei Drohnen mehrere Ringe der Luftverteidigung durchdringen und direkt über dem Herzen des Kremls detonieren oder abgeschossen werden konnten, und zwar auf eine Weise, die spektakuläre Bilder lieferte, die von der Kamera gut eingefangen wurden.“ Außerdem sei der Moskauer Vorwurf an Kiew sehr schnell und abgestimmt kommuniziert worden. Bei anderen peinlichen Ereignissen, etwa dem Verlust der südukrainischen Stadt Cherson, sei die Moskauer Führung sehr desorganisiert aufgetreten.
Nur geringe Sprengkraft
Auch der Militärexperte Markus Keupp von der ETH Zürich meint: „Es sieht alles ein bisschen arg inszeniert aus.“ Im Deutschlandfunk verwies er am Donnerstag darauf, dass auf den Videos zu erkennen sei, dass zwei Leute direkt bereit stünden, um das kleine Feuer zu löschen, das von der ersten zerstörten Drohne verursacht wurde. Außerdem sei die Explosionskraft für die Größe der Flugobjekte sehr gering. Wenn man den Kreml wirklich treffen wollte, würde man „deutlich mehr Explosivkörper da draufpacken“, ergänzte Keupp.
Das ISW mutmaßt, dass der angebliche Angriff der russischen Öffentlichkeit die existenzielle Bedeutung des Ukraine-Krieges klar machen und „eine breitere gesellschaftliche Mobilisierung vorbereiten“ solle.
Wer auch immer dahintersteckt: Den Urhebern ging es wohl weniger um echten Schaden, sondern um die Bilder, die dann um die Welt gingen.