75 Jahre Kriegsende
Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik: Nahtlose Karrieren
Anfangs waren es nur Gerüchte, gelegentlich erschienen Pressemeldungen, erst spät kümmerte sich die Forschung um das Thema, das bis heute noch nicht gänzlich aufgearbeitet ist. Es geht um die personellen Kontinuitäten vom Dritten Reich zur Bundesrepublik. In der Frühphase dieser jungen Demokratie kam den ehemaligen NS-Eliten eine Bedeutung zu, die aus nachvollziehbaren Gründen erst einmal verborgen gehalten wurde. Seit aber Historiker bei der Untersuchung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, des Auswärtigen Amtes, des Kanzleramtes oder einiger Justizverwaltungen brisante Details zu Tage förderten, ist klar: Es gab braune Seilschaften der Kriegsgeneration, die bis in die späten 60er-Jahre hinein wirkten. Und es gab einstige Täter und Mitläufer, die ihre eigene Vergangenheit abschütteln konnten und die demokratische Republik bejahten und unterstützten.
Beispielhaft aufgearbeitet ist die Geschichte des Auswärtigen Amtes (AA). Der einstige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) setzte eine Historikerkommission ein, deren Ergebnis verblüffte. Die noch bis in die 70er-Jahre in den Hausbroschüren verbreitete Legende, das Auswärtige Amt habe im Dritten Reich gegen die Pläne der NS-Machthaber „zähen, hinhaltenden Widerstand“ geleistet, wurde widerlegt: Das Gegenteil war der Fall.
Das Amt war eine „verbrecherische Organisation“, wie es die Historiker in ihrem 900 Seiten starken Abschlussbericht formulierten. AA-Mitarbeiter hatten an der Wannsee-Konferenz teilgenommen, bei der die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen wurde. Die Diplomaten folgten der Logik der „Endlösung“. Es stellte sich heraus, dass das Auswärtige Amt ein aktiver Unterstützer der NS-Vernichtungspolitik war. Fischers Nachfolger, Außenminister Guido Westerwelle (FDP), der 2010 den Historikerbericht vorstellte, zeigte sich erschüttert. Er zitierte aus einer Reisekostenabrechnung eines sogenannten Judenreferenten des Auswärtigen Amtes. „Liquidation von Juden“, schrieb dieser als Reisegrund auf. Westerwelle: „Das Unfassbare war Realität: Mord konnte man als Dienstgeschäft abrechnen.“
Viele belastete Mitarbeiter wurden entnazifiziert
Nach dem Krieg gelang es vielen schwer belasteten Außenamtsmitarbeitern, ungeschoren davon zu kommen. Sie hatten traditionell gute Verbindungen und stellten sich wechselseitig „Persilscheine“ aus. So wurde zum Beispiel Werner von Bargen, der die Deportation belgischer Juden forciert hatte, problemlos entnazifiziert, weil er eine Reihe eidesstattlicher Erklärungen vorlegen konnte, wonach er an der Pariser Botschaft mit den Verschwörern des 20. Juli in Verbindung gestanden habe. 1950 waren von den 137 Mitarbeitern des höheren Dienstes im Auswärtigen Amt knapp die Hälfte NSDAP-Mitglieder gewesen. Dagegen sträubte sich der Führungsapparat gegen die Aufnahme jüdischer Emigranten.
Ein bekanntes Zitat von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) belegt, wie gelassen der damalige Regierungschef die Sache beurteilte: „Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die etwas von der Geschichte von früher her verstehen.“ Mit anderen Worten: Man hat pragmatisch entschieden, mit dem Personal des Nationalsozialismus weiterzumachen. „Diesen Pragmatismus müssen wir als historische Tatsache zur Kenntnis nehmen, auch wenn das für uns Nachgeborene bedrückend ist“, heißt es in einer Abhandlung von Rechtshistorikern der Berliner Humboldt-Universität.
Mit Adenauer eng verwoben ist der Name Hans Globke. Der gebürtige Düsseldorfer wurde im Zuge der Entnazifizierung als „unbelastet“ eingestuft, obwohl er an der Entstehung der Nürnberger Gesetze beteiligt war. Diese Rechtssetzungen waren eine zentrale Säule des Antisemitismus. Mit ihnen wurde die Rassenideologie des Nationalsozialismus verankert, sie trugen wesentlich zur Entrechtung der deutschen Juden bei. Globke zählte auch zu jenen Juristen, die für Juden die Zwangsnamen Sara und Israel vorschrieben.
Davon völlig unbehelligt, entwickelte sich Globke zu einer der einflussreichsten Personen des geteilten Deutschlands. Adenauer ernannte ihn 1953 zum neuen Staatssekretär des Bundeskanzleramtes. Er wurde einer der engsten Vertrauten und wichtigsten Berater des Kanzlers und erhielt in der Presse in seiner Amtszeit Spitznamen wie „Adenauers Strippenzieher“, „graue Eminenz“ oder „Adenauers Schatten“.
Von Globke lässt sich eine Verbindung zu Reinhard Gehlen ziehen. Sein Name steht für die Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes, die „Organisation Gehlen“ genannt wurde. Sie entstand 1946 auf Initiative der USA und sollte die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Paktes ausspähen. Chef und Namensgeber war der ehemalige Wehrmachtsoffizier Reinhard Gehlen, der während des Zweiten Weltkriegs eine Spionageeinheit der Wehrmacht in Osteuropa leitete. Bis 1968 war er auch Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes, der 1956 im bayerischen Pullach unter dem Namen Bundesnachrichtendienst gegründet wurde.
Zwar „dabei gewesen“, aber „anständig“ geblieben
Für Adenauers Staatssekretär Globke war Gehlen ein wichtiger Mann. Gehlen wirkte als Frühwarnsystem, wenn die DDR eine ihrer Kampagnen startete, um die Bundesrepublik als ein von alten Nazis beherrschtes System zu brandmarken. Gehlens Dienst suchte Zeugen, beschaffte Dokumente, sorgte für publizistische Gegenkampagnen. „Für den belasteten Globke wurde Gehlen zu einer Art persönlichem Schutzschild“, heißt es in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Pullacher Offiziere hielten demnach engsten Kontakt zu den ehemaligen Wehrmachtskameraden. Der Dienst wirkte auch darauf hin, Widerstand gegen Adenauers Politik der Wiederbewaffnung einzudämmen.
Der Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg geht in einem Beitrag auf die Frage ein, warum trotz des raschen Wiederaufstiegs der NS-Eliten die Bundesrepublik dennoch eine stabile Demokratie werden konnte. Zum einen waren die Westmächte durchaus erfolgreich, die NS-Eliten aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten. Mit den Jahren wurde das Interesse dieser Gruppe geringer, sich politisch zu betätigen. Neue berufliche Chancen und Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg waren verlockender. Zum Stereotyp wurde, dass man zwar „dabei gewesen“, aber dennoch „anständig“ geblieben sei. Herbert spricht vom „geduckten Opportunismus“, der mit der allmählichen Reintegration der NS-Eliten in die Bürgerlichkeit verbunden war. Dies sei auch Ausdruck für die „politische Neutralisierung“ dieser Gruppe gewesen.