Interview
Ukrainischer Generalkonsul: „Krieg hat uns zusammengeschweißt“
Herr Kostiuk, wir Deutsche haben Glück. Wir leben seit fast 80 Jahren in Frieden. Die meisten von uns haben nie einen Krieg erdulden müssen. Können Sie uns sagen, was der 24. Februar 2022, der Tag des russischen Überfalls, für die Menschen in Ihrem Land bedeutet?
Der 24. Februar 2022 war ein großer Schock. Die Menschen in der Ukraine leiden. Eine Studentin aus Charkiw, die zu der Zeit bei uns im Konsulat hospitierte, konnte ihre Eltern fünf Tage lang nicht erreichen. Deren Haus wurde durch russische Luftangriffe zerstört, die Familie musste die Stadt verlassen und in der Zentralukraine Zuflucht suchen. Millionen Ukrainer sind außer Landes geflüchtet. Und wir sind Deutschland, Europa, den USA und Kanada und all den anderen Ländern dankbar, dass sie unsere Bürger aufgenommen haben. Das hilft uns sehr, dass wir die Menschen versorgt und in Sicherheit wissen. Aber alle sehnen sich nach dem Tag, an dem die russischen Streitkräfte aus unserem Land vertrieben sind und sie wieder heimkehren können. Meist sind die Frauen mit ihren Kindern und den Großeltern geflohen, und die Männer verteidigen unser Land. Das ist sehr tapfer, aber auch sehr schwer.
Kinder müssen nun die Trennung vom Vater oder ein Leben im Krieg aushalten. Was macht das mit Familien?
Der Krieg hat uns alle verändert. Das merke ich an meiner Familie und auch bei meinen Freunden. Es sind viele Menschen gestorben, die man kannte. Familien mussten oft alles zurücklassen, haben ihre Existenz verloren. Deshalb wird das Leben nie wieder so sein wie zuvor. Auch sind andere Dinge jetzt wichtig. Und: Der Krieg hat uns als Volk zusammengeschweißt. Das merkt man zum Beispiel bei Sportveranstaltungen. Wenn ein ukrainisches Team hier antritt, sind immer ganz viele Landsleute vor Ort, die es unterstützen.
Die russische Propaganda behauptet ja, die Ukrainer seien gar kein eigenständiges Volk …
Schauen wir doch in die Geschichte. Wie alt ist Moskau? Wie alt ist Kiew? Moskau ist rund 800 Jahre alt, Kiew ist mehr als 1500 Jahre alt. Und wer hat Moskau gegründet? Juri Dolgoruki, ein Kiewer Fürst. Wir sind kein Volk, das irgendwie aus Russen entstanden ist. Wir haben eine eigene Sprache, die mitnichten ein „bäuerlicher russischer Dialekt“ ist. Wir haben eigene Kultur, Tradition und Kultur. Vielleicht trägt dieser schreckliche Krieg ja dazu bei, dass man sich in Deutschland mehr für die Ukraine und ihre Geschichte interessiert und dadurch auch einiges besser versteht.
Der syrische Bürgerkrieg zeigt, dass Interesse abflaut, je länger ein Krieg dauert. Die Zeit arbeitet also für Putin. Was kann die Ukraine dagegen tun?
Die beste Strategie ist, die Wahrheit zu sagen. Und die lautet: Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnt, dann müssen Sie als Deutsche ihn als Nächstes führen. Und wenn Sie nicht wollen, dass es sich noch länger hinzieht, dann tun Sie was. Dann liefern Sie bitte noch mehr Waffen. Denn die Waffen, die die EU- und Nato-Länder haben, werden eingesetzt. Entweder jetzt von der ukrainischen Armee, die eine der kampferprobtesten in der Welt ist, oder später von den Nato-Ländern selbst, deren Streitkräfte keine Kriegserfahrung haben. Wir können inzwischen mit jeder Art von Waffen kämpfen: denen aus der Sowjetzeit, den etwas veralteten westlichen Waffen, aber auch mit modernem Hightech-Gerät. Dass manche Länder zögern, uns den Taurus zu geben, ist für uns unverständlich. Denn jeder Tag des Zögerns kostet uns Menschenleben. Wir hoffen, dass in Deutschland endlich die Zeitenwende kommt und nicht Zeitverschwendung Oberhand gewinnt.
Es gibt Stimmen in Deutschland und Europa, die fordern, dass die Ukraine aufgibt und einen Waffenstillstand mit Russland schließt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas hören?
Das erinnert mich an die Appeasement-Politik von 1938 gegenüber Hitler. Bei einem Waffenstillstand würde Russland nur die Zeit nutzen, um noch mehr Kräfte zu bündeln, und dann wieder angreifen. Denn für die Regierung in Moskau und für einen großen Teil des russischen Volkes sind wir ein „schlechtes Beispiel“, weil wir Mitglied von EU und Nato werden wollen.
Anfang November 2024 sind Präsidentschaftswahlen in den USA. Welche Konsequenzen hätte es für die Ukraine, sollte Donald Trump gewählt werden? Die Republikaner versuchen ja jetzt schon, die US-Militärhilfe für Kiew herunterzuschrauben.
Ich will nicht spekulieren. Aber ich vertraue auf das amerikanische Volk, dass es die richtige Entscheidung trifft. Dass es den Amerikanern nicht nur um die parteipolitische Auseinandersetzung geht, sondern auch darum, die Ideale von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten auf der Welt zu verbreiten und zu festigen.
Jetzt hat sich mit dem Überfall der Hamas auf Israel Anfang Oktober eine weitere internationale Krise aufgetan. Besteht nicht die Gefahr, dass der neu aufgeflammte Nahost-Konflikt nicht nur die Aufmerksamkeit und Empathie von der Ukraine abzieht, sondern auch die finanzielle und militärische Unterstützung seitens der USA und vielleicht auch der EU?
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Aggression von Hamas gegen Israel ein wenig die Aufmerksamkeit vom russischen Krieg in der Ukraine ablenkt. Doch ich bin fester Überzeugung, dass es aus der Sicht der westlichen Demokratien in der Ukraine um grundlegende Werte geht, die weiterhin mit noch stärkeren gemeinsamen Anstrengungen überall auf der Welt verteidigt werden müssen. Sonst werden totalitäre Regime noch mehr Lust bekommen, alle Demokratien auf der Welt zu vernichten.
Was die Deutschen stark beunruhigt, ist die Situation im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja. Von dort hört man immer wieder, es gebe Störfälle und die Russen, die es besetzt halten, hätten die Lage nicht im Griff.
Das Atomkraftwerk wurde heruntergefahren. Selbst wenn es jetzt zu einem Unglück käme, wäre es nicht vergleichbar mit der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. Trotzdem besteht eine Gefahr, zumindest für die unmittelbare Umgebung. Es wäre gut, wenn die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) stärker in die Kontrolle eingebunden wäre. Insgesamt wünschten wir, dass sich die verschiedenen UN-Organisationen stärker in und für die Ukraine engagierten.
Dass Russland weiterhin einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat hat und Resolutionen blockieren kann, halten wir nicht für einleuchtend. Denn die Sowjetunion hatte ja ursprünglich diesen Sitz. Und die Sowjetunion bestand ja nicht allein aus Russland.
Gibt es denn überhaupt eine Möglichkeit, dass Russland irgendwann einmal für die Schäden, die es verursacht hat, aufkommen muss?
Wir hoffen, dass – wenn dieser schreckliche Krieg einmal vorbei ist – Russland vor ein internationales Tribunal muss. Nicht nur vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Auch wegen der immensen Schäden im Land durch Bombardierungen oder auch durch die Sprengung des Kachowka-Staudamms sollte das Land vor Gericht gestellt werden. Aus ukrainischer Sicht ist jeder in Russland für diese Schäden verantwortlich, auch wenn nicht jeder Schuld hat. Schon jetzt dokumentieren überall in der Ukraine Behörden mit Hilfe von Freiwilligen die Kriegsschäden – in der Hoffnung, das Russland irgendwann einmal Reparationen dafür leisten muss.
Nur 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag geschlossen und damit einen Schlussstrich unter die „Erbfeindschaft“ gezogen. Eine Erfolgsgeschichte. Können Sie sich so etwas auch für die Ukraine und Russland vorstellen?
Das überlasse ich Generationen, die sicher nach mir kommen. Das, was geschehen ist, ist unverzeihlich. Solange die Zeitzeugen dieser Gräueltaten noch am Leben sind, wird es sicher keine Aussöhnung geben.
Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich kam zustande, weil es der Wunsch beider Seiten war. Ich glaube nicht, dass die Russen jemals den Wunsch haben werden, sich mit uns auszusöhnen, weil wir für sehr viele Russen einfach nur „Untermenschen“ sind. Selbst die Kinder sind schon indoktriniert. Und das bleibt dann ja auch noch 70, 80 Jahre im Kopf. Deswegen werde ich es wahrscheinlich nicht erleben, dass es zu einer Versöhnung von Russen und Ukrainern kommt.
Zur Person: Vadym Kostiuk
Vadym Kostiuk, geboren am 13. August 1974, ist seit August 2020 Generalkonsul der Ukraine in Frankfurt am Main. Er ist damit zuständig für seine Landsleute in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Seine diplomatische Laufbahn begann Kostiuk Mitte der 1990er Jahre in unterschiedlichen Positionen in der Abteilung für Europa und Amerika des ukrainischen Außenministeriums.
Unter anderem war er an den ukrainischen Botschaften in Berlin und Wien tätig und vertrat sein Land als Generalkonsul in München. Er hat an der Linguistischen Hochschule in Kiew studiert und spricht fließend Deutsch und Englisch.