Russland
Ukrainische Drohnenangriffe: Zapfsäulen im Visier
Es ist das übliche Ritual in Russland: Tankdeckel aufdrehen, den Zapfhahn hineinstecken, zur Kasse laufen und im Voraus bezahlen. Benzinmangel? „Nein, keine Sorge“, lächelt die junge Verkäuferin in der Tatneft-Tankstelle im Moskauer Stadtteil Troparjowo, als sie 2000 Rubel abrechnet. Das Benzin sei nicht knapp geworden. „Die Lieferungen sollen sich ja wieder normalisieren.“
Aber ein Liter Super bleifrei kostet heute 66,19 Rubel, das sind 68 Cent – für Westeuropäer ein Traumpreis, für Moskauer aber ein schlechtes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Russlands Benzinkrise auch die Hauptstadt erreicht hat. Das Portal msk1.ru schreibt bereits von Tatneft-Tankstellen in der Metropole, wo kein Super bleifrei mehr zu haben ist, von geschlossenen Zapfsäulen und Kanisterfüllverboten bei Lukoil sowie von 68-Rubel-Preisen in der Vorstadt Podolsk – fast 16 Prozent höher als die Durchschnittspreise im vorigen Jahr.
Videos kilometerlanger Warteschlangen vor Provinztankstellen im russischen Fernen Osten und auf der annektierten Krim kursieren seit Wochen im Internet.
Tatsächlich bricht die Benzinversorgung keineswegs flächendeckend zusammen. Vor allem private Tankstellen machen dicht, die im Gegensatz zu großen Ölfirmen wie Tatneft oder Lukoil keine Raffinerien und Reservelager besitzen. Aber regional häufen sich die Probleme. Und überall rattern die Leuchtziffern auf den Preistafeln. In der Moskauer Nachbarregion Kaluga wird Superbenzin bereits für 77 Rubel verkauft – fast 18 Rubel mehr als Anfang Juni. „Die Preise blähen sich wie Hefeteig“, schimpft ein Moskauer Autofahrer.
Russland rutscht in eine Treibstoffkrise
Russland rutscht in eine Treibstoffkrise. Im Spätsommer erklärten Experten die Mängel an Diesel und Benzin vor allem mit der Erntezeit in der Landwirtschaft und dem verstärkten Autoverkehr in der Urlaubssaison. Aber beide Argumente ziehen im Oktober nicht mehr. Jetzt ist immer häufiger von Reparaturarbeiten an Raffinerien die Rede. Auch linientreue Medien nennen inzwischen aber offen die eigentliche Ursache: die systematischen Drohnenangriffe der Ukraine. Die Meldungen darüber seien sich sehr ähnlich, schreibt das Portal Absatz.media: „Alle Drohnen wurden abgeschossen, keine Opfer, herabfallende Drohnentrümmer haben einen Brand verursacht, alles ist unter Kontrolle. Gleichzeitig sehen wir im Netz Videos brennender Öltanks.“
Nach verschiedenen Einschätzungen fiel die russische Treibstoffproduktion um 17 bis 25 Prozent. Die Wirtschaftsagentur RBK meldete vergangene Woche gar, 38 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten seien ausgeschaltet. Allerdings stehen laut dem Carnegie-Experten Sergej Wakulenko 22 Prozent dieser Kapazitäten chronisch still, was die Ausfälle aufgrund von Drohnen auf etwa 16 Prozent drückt.
Doch die ukrainische Offensive ist nicht vorbei. Am Montag schlugen mehrere Drohnen auf dem Gelände einer Raffinerie bei der westsibirischen Großstadt Tjumen ein. Es ist unklar, welchen Schaden sie angerichtet haben. Auf jeden Fall flogen die Sprengstoffflugkörper 2000 Kilometer über russisches Gebiet – neuer Rekord. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie mit Zusatztanks auch die 2500 Kilometer bis zur größten Raffinerie Russlands in Omsk schaffen.
Immer neue Wirkungstreffer
Die Mehrzahl der Ziele – laut dem Fachportal pronpz.ru 32 von 38 russischen Raffinerien – befindet sich ohnehin westlich des Urals; sie produzieren etwa 75 Prozent des Treibstoffs. Dazu gehört auch „Kinef“ im Gebiet Leningrad. Laut Reuters verlor die zweitgrößte Raffinerie Russlands bei einem Drohnenangriff am Sonntag 40 Prozent ihrer Kapazität.
Schon Mitte September hatten ukrainische Drohnen „Kinef“ teilweise in Brand gesetzt. Andere zentralrussische Anlagen werden ebenfalls regelmäßig attackiert – in den vergangenen zwei Monaten die Raffinerie Wolgograd viermal, Nowokuibyschewsk dreimal.
Die ukrainischen Streitkräfte bearbeitet die ölverarbeitende Industrie in Russland mit immer neuen Wirkungstreffern. „Die sinkende Produktion bedeutet ja nicht nur Benzinknappheit“, doziert der Exilökonom Igor Lipsiz auf YouTube. Dem Staatshaushalt gingen auch die Einnahmen durch den Benzinverkauf verloren. Und die Regierung habe den Benzinverkauf ins Ausland verboten, was die Exporteinnahmen verringere; man werde sogar selbst Benzin importieren, was noch mehr Geld koste. Woche für Woche treffe es ja nicht eine Raffinerie, sondern mehrere – immer neue Ersatzteile und Reparaturpersonal kosteten immer mehr Geld und Zeit. „Da ist ein ganz neues Investitionsprogramm.“ Die Russen versuchen jetzt, ihre Raffinerien mit Baugerüsten oder Stahltrossen vor direkten Einschlägen zu schützen; die Ukrainer aber dürften alles dransetzen, diese Abwehr durch Schwarmangriffe auszuschalten. Die Luftschlacht um Russlands Rohstoffindustrie ist in vollem Gang.