Leitartikel
Trump als Mittelsmann: Was Iran mit den Raketen auf Israel bezweckt
Die neuen iranischen Raketenangriffe auf Israel zeigen, wie viel sich in den vergangenen zwei Monaten im strategischen Denken der Teheraner Führung verändert hat. Unter dem früheren Regimechef Ali Chamenei handelte der Iran vorsichtig und schickte erst dann seine Raketen los, wenn er angegriffen wurde. Jetzt warnte die iranische Regierung die USA und Israel, dass eine Fortsetzung der israelischen Offensive im Libanon schwerwiegende Folgen haben würde. Als die israelische Armee trotzdem weiter im Libanon angriff, feuerte das iranische Regime auf Ziele in Israel, ohne noch länger abzuwarten.
Zum ersten Mal seit Beginn der Waffenruhe im Iran-Krieg vor zwei Monaten musste Israel am Sonntagabend wieder iranische Raketen abwehren. Nach einem israelischen Gegenschlag in der Nacht zum Montag folgten weitere iranische Angriffswellen. Der Iran zeige damit, dass er genug „strategisches Selbstvertrauen“ besitze, um seinen Gegnern seine Regeln aufzuzwingen, schrieb der israelische Iran-Experte Raz Zimmt auf X. Das sei die „zentrale Botschaft“ der iranischen Raketen.
Begrenzte Angriff
Als Israel trotz einer erneuerten Waffenruhe im Libanon die Positionen der Hisbollah in den südlichen Vororten von Beirut unter Beschuss nahm, schickte der Iran Raketen. Auch die pro-iranischen Huthi-Rebellen im Jemen beteiligten sich an den Angriffen, die nach Angaben der iranischen Revolutionsgarde eine Woche lang weitergehen sollen.
Das bedeutet nicht, dass der Iran den Krieg neu beginnen will. Die iranischen Angriffe seien bisher begrenzt und hätten niemanden in Israel getötet, schrieb der Iran-Experte Hamidreza Azizi von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik auf X. Der Iran achte darauf, mit den neuen Angriffen die USA nicht zu provozieren.
Der Iran will erreichen, dass US-Präsident Donald Trump mehr Druck auf Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ausübt. Iranische Politiker wie Außenminister Abbas Araghtschi sehen Netanjahu als Drahtzieher des amerikanisch-israelischen Angriffskrieges gegen den Iran, der Ende Februar begann und Anfang April mit einer Waffenruhe vorerst beendet wurde. Netanjahu habe Trump in den Krieg getrieben, sagt Araghtschi. Nun fordert der Iran, Trump müsse Netanjahu im Libanon zurückpfeifen, um die amerikanisch-iranischen Friedensverhandlungen zu retten.
Trump braucht einen politischen Erfolg
Teheran geht davon aus, dass Trump den Krieg gegen den Iran nicht wieder aufnehmen will. Die meisten US-Wähler sehen keinen Sinn in dem Konflikt gegen die Islamische Republik und klagen über steigende Benzin- und Verbraucherpreise. Der Präsident hat mehrmals versichert, die Verhandlungen mit dem Iran stünden kurz vor dem Abschluss. Er braucht vor den Kongresswahlen im Herbst einen politischen Erfolg.
Trumps erste Reaktionen auf die iranisch-israelische Eskalation legen nahe, dass der Iran mit seiner Einschätzung des US-Präsidenten richtig liegt. Netanjahu werde eine Einigung zwischen den USA und dem Iran akzeptieren müssen, sagte Trump der „Financial Times“. Der israelische Premier habe keine andere Wahl: „Ich entscheide, nicht er.“ Nun wird Trump beweisen müssen, dass er Netanjahu zügeln will und kann.