Gewalttaten
Treffs von Linken im Visier der rechten Szene
Als das Kulturhaus Altdöbern im vergangenen Oktober vollständig niederbrannte, gingen die Behörden noch von einem Unfall aus. Inzwischen weiß es die Polizei besser: Zwei 15-Jährige hatten sich bei der Brandstiftung gefilmt. Die beiden Jugendlichen, die zur rechtsextremen Szene im Südosten Brandenburgs gehören, gaben an, das seit DDR-Zeiten für seine Bluesrock-Konzerte bekannte Haus abgefackelt zu haben, weil sie es als „links“ eingeordnet hätten.
Mittlerweile ist auch klar, dass der Brandanschlag kein Einzelfall war. In den vergangenen Monaten traf es gleich mehrere tatsächlich linke und inklusive Jugendclubs zwischen Cottbus und der Landesgrenze zu Sachsen. In Spremberg wurden sämtliche Scheiben eingeworfen und der Außenbereich des Clubs verwüstet. In Senftenberg konnte gerade noch die Tür verriegelt werden, als einige Dutzend Rechtsradikale versuchten, den alternativen Treffpunkt zu stürmen. Der braune Mob grölte rechte Parolen und tobte sich dann vor dem Haus mit einem Steinhagel gegen die Außenwände aus. Auch in Neuruppin im Norden des Landes wurde ein Jugendclub von mutmaßlich rechten Schlägern angegriffen.
Jugendliche als Opfer und Täter
Doch der Schwerpunkt der neuen Gewalt-Welle liegt in der Lausitz, sagt Judith Porath, Geschäftsführerin des Vereins Opferperspektive. Insgesamt hat die Potsdamer Beratungsstelle im vergangenen Jahr 273 rechtsextreme, rassistische und antisemitische Straftaten erfasst – so viele wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Ins Visier der braunen Szene gerieten vor allem politische Gegner – eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr um 75 Prozent – sowie Engagierte und Migranten.
Besonders Jugendliche waren im vergangenen Jahr von rechtsmotivierten Angriffen direkt betroffen. Oftmals seien es ebenfalls Minderjährige wie die Brandstifter von Altdöbern, die andere angriffen, berichtet die Initiative. Die Berater der Opferperspektive erlebten immer wieder, dass Täter Kinder von Eltern seien, die in ihrer eigenen Jugend während der so genannten Baseballschlägerjahre in der Nachwendezeit im Osten „weitgehend ungestraft rechte Straßengewalt ausübten und rechte Dominanz durchsetzen konnten“. Allerdings spricht der Verein bewusst nicht von rechtsextremistischer, sondern von rechter Gewalt. Denn anders als in den Baseballschlägerjahren, als im Osten massive rechtsradikale Attacken zum Alltag gehörten, werden die Übergriffe nicht überwiegend von organisierten, schon am Outfit erkennbaren Neonazis verübt. Heute seien die Täter hingegen oft „Menschen von nebenan“.
Schwerpunkt im Süden Brandenburgs
Dass der Schwerpunkt im Süden des Landes liege, wo die AfD in manchen Gemeinden bei der Bundestagswahl mitunter Wahlergebnisse von über 60 Prozent erzielte, scheint kein Zufall zu sein. Die Wahlerfolge der Partei hätten laut Opferperspektive viele Jugendliche ermutigt, direkt gegen Andersdenkende und Andersaussehende vorzugehen.
Brandenburg hatte Ende der Neunzigerjahre, als die rechte Szene die Jugendkultur in Ostdeutschland dominierte, schneller als die Nachbarländer reagiert. Ein Handlungskonzept zur Bekämpfung des Rechtsextremismus sah damals eine Unterstützung der Zivilgesellschaft (dazu gehörte auch die Einrichtung der Initiative Opferperspektive) und zugleich ein schnelles und hartes Vorgehen gegen rechte Straftäter vor.
Tatsächlich zeigte die Strategie nach der Jahrtausendwende Wirkung: im Gegensatz vor allem zu Sachsen und Thüringen gingen die rechten Gewalttaten deutlich zurück.
Jetzt werden in Brandenburg und im gesamten Osten gerade wieder Erinnerungen an die Neunzigerjahre wach. Nicht nur engagierte Menschen fragen sich besorgt, ob die Baseballschlägerjahre zurückkehren.